1855_Goedsche_156_335.txt

Fürst lachte.

"Ich nehme dafür Ihren Springer und stelle die Ordnung wieder her. Halten Sie sich an das Reelle, auch im Plänemachen, lieber Graf, prüfen Sie das Erreichbare und die Mittel dazu. Ohne Winkelzug, die Propaganda in Paris, oder wer sonst Ihnen die Mission an einen alten Freund gegeben, hat sich getäuscht. Ich sehe in einer selbstständigen neuen Schilderhebung Polens kein Glück, würde mich unter keinen Umständen ihr anschliessen und ihr sogar entgegentreten. Die Ansichten meiner jüngern Jahre haben zwanzig Jahre vollständig umgewandelt. Uns fehlen alle Aussichten auf Erfolg, ja selbst die Männer; denn dem Prahler Miroslawski werden Sie doch wohl keine Rolle zugedacht haben. Unsere alten Freunde aber sind tot und zerstreut. Bem's Grab ist zur Schmach unserer Nation auf dem türkischen Friedhofe zu Kutahija6 mit dein Turban geschmückt, Graf Pac ruht wenigstens auf christlichem Kirchhof zu Smyrna. Wo die Nordstürme sich am roten Felsen von Helgoland brechen, schläft unser Freund Prądzynski; Chlopicki, der uns in's Unglück gebracht, hat das Ende seines Ehrgeizes in der Gruft eines Freundes bei Kralau gefunden. Szembeck und Chlapowski sind getreue preussische Untertanen und gründen Familienfideikommisse, Krasinski macht's wie ich, Skrzynecki trauert in Brüssel, Chrzanowski, Dembinski, Rybinski und Dwernicki liessen Sie als gebrochene Greise in Paris – w e n wollen Sie noch? Geächtet und zerstreut über die Erde hat uns die Revolutionich will mein Haupt wenigstens im vaterland zur Ruhe legen. Ich habe mich mit der Gewalt versöhnt und wiederhole Ihnen, nur in i h r blüht die Hoffnung unsers Vaterlandes."

"Und Ihr Sohn?"

"Er ist Offizier in des Kaisers Garde mit meiner Bewilligung und denkt wie ich."

Der alte Propagandist erhob sich finster, doch sein Wirt zog ihn freundlich wieder auf den Sessel zurück.

"Ich habe absichtlich vermieden, mit Ihren Plänen näher bekannt zu werden. Sind wir auch verschiedener Ansicht geworden, so ändert das doch Nichts an der Freundschaft der alten Schlachtgefährten. Bedenken Sie, dass Ihr einziges Kind sich gleichfalls einem Russen verband, Ihr Enkel russische Erziehung genossen hat. Machen Sie den Frieden, den Sie scheinbar mit der Regierung geschlossen, zu einem wirklichen, und wenden Sie die grossen Mittel und Quellen, die Ihnen zu Gebote zu stehen scheinen, dazu an, mit Russlands Hilfe in diesem Kriege ein neues Slavenreich erstehen zu lassen, das von der Donau bis zur Ostsee reicht."

Der Graf hatte das Haupt sinnend in die Hand gestützt.

"Der Gedanke ist uns nicht neu und, wie ich hier die Verhältnisse finde, über die unsere Agenten uns vielfach getäuscht, – Adel und Volk gegen eine Revolution! wohl einer ernsten überlegung wert. – Vielleicht, Fürst, dass unsere Wege dennoch zusammentreffen! – Lassen Sie uns weiter spielen." – – –

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Am andern Ende der Halle, so entfernt, um nicht zu stören und nicht gestört zu werden, wurde eine Propaganda in, verführerischerer Form betrieben, als unter den beiden alten Herren. Gräfin W a n d a sass dort, mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt, am Ruhebett, auf dem der junge Offizier, Schamyl's Sohn, noch bleich und angegriffen, den Arm in der Binde, lehnte, aus einem Buch der Dame vorlesend.

Gräfin Wanda hatte sich von der überstandenen Angst und Gefahr rasch erholt, der elastische schwungreiche Geist, der den Polinnen inne wohnt, hatte sie leicht darüber hingetragen. Ein Eindruck jedoch schien stärkere Wurzel in ihrem Gemüt, ja, selbst in ihrem Herzen gefasst zu haben: die Teilnahme für ihren Retter vor dem Beil des Mörders, und das romaneske seltsame Schicksal, des jungen Mannes diente nur dazu, den Wert der ritterlichen Tat noch zu erhöhen. Während ein deutsches Mädchen die Gefühle des regen Interesses und der Teilnahme in der unbewussten Verschämteit werdender Liebe schüchtern und zurückhaltend gemacht hätten, lag ein solches Gebahren dem Wesen der Polin fern. Ohne Ziererei und Zurückhaltung, aber eben so entfernt von Unweiblichkeit und Unzarteit gab sie sich frei und ungezwungen ihren Empfindungen hin und zeigte ganz offen den Vorzug, den sie dem jungen Mann vor seinen gefährten gab. Sobald er das Krankenlager wieder verlassen hatte und im Gesellschaftssaal erschienen war, hielt sie sich unbefangen in seiner Nähe, und zeigte ihm durch alle jene zarten Aufmerksamkeiten ihren Dank, durch die ein weibliches Wesen so wohl des Herzens Empfinden auszudrücken versteht.

Die junge Gräfin war der volle Typus der eigentümlichen polnischen Frauenschönheit. Von kaum die Mittelgrosse erreichender Gestalt war ihr Gliederbau voll und zierlich gerundet. Das Gesicht zwischen den schwarzen Locken zeigte ein längliches Oval en face wie im Profil, und jene volle Bildung von Nase und Mund, jene matte seidenartige Farbe, die den polnischen Damen so eigentümlich ist. Die sarmatischen braunen und beweglichen Augen, deren Farbe mit der Seelenregung ein lichteres und tieferes Dunkel anzunehmen scheint, belebten dies Gesicht. Die kleine Hand und der zierliche Fuss sind Nationalschönheiten der Polinnen.

"Sie sind ermüdet, Herr Lieutenant," sagte die Gräfin, – "brechen Sie ab und fahren Sie morgen in der Lectüre fort. Lassen Sie uns plaudern und erzählen Sie mir von Ihrer Heimat."

"Was können die Erinnerungen eines Knaben von einem wilden, traurigen, öden land, die ihm ohnehin nur dunkel vorschweben, Gräfin Z e r b o n a interessiren?"

"Liegt nicht in dem Charakter und Kampf unserer beiden Völker eine gewisse Aehnlichkeit? Haben sie nicht einen gemeinsamen Feind, gegen