Tafel in der Mitte der Halle lief fast die Hälfte derselben entlang. Sie war jedoch jetzt, der Abend dämmerte bereits, noch unbenutzt, und von den Anstalten für die Abendmahlzeit noch Nichts zu bemerken. In den beiden Kaminen dagegen flammte und brannte es lustig von mächtigen Eichenkloben, eine angenehme behagliche Wärme durch den weiten Raum verbreitend. Von Zeit zu Zeit hob einer der Diener, die am Eingang der Halle sich aufhielten, den grossen, den Zugang verschliessenden türkischen Teppich, schlich mit leisem katzenähnlichem Tritt durch das Gemach und schürte das Feuer, oder verrichtete irgend eine andere Hilfsleistung. Das Gespräch in den beiden Gruppen, die den Saal belebten, wurde französisch geführt, und sein gang daher nicht durch das Kommen der Diener unterbrochen.
Am Kamin zunächst des Einganges sassen der Graf und sein Wirt, Letzterer ein hoher Fünfziger mit weissem Haar und klugem aufgewecktem Gesicht. Beide waren im Schachspiel begriffen, während dessen sie sich in langen Pausen unterhielten.
"Sie haben mir selbst zugestanden, lieber Graf," sagte der Fürst, "dass in dem Augenblick der Gefahr, als Sie mit dem Schurken Boris kämpften, nach dem ich vergeblich habe fahnden lassen, die Verwünschung des Soldaten gegen Sie, seinen alten Führer von Grochow und Ostrolenka her, Sie überrascht, ja, fast gelähmt hat. Doch ich wiederhole es Ihnen, dies war nicht die stimme eines einzelnen Mannes, es ist leider die stimme des Volkes! Ich habe vielfach gelegenheit gehabt, sie zu prüfen und hauptsächlich durch die Resultate, die ich da fand, bin ich zu anderen Ansichten in der Politik bekehrt worden. Die Revolution von 1831 hat dem Volk selbst wie dem Adel nur verderbliche Folgen gebracht. Der gemeine Mann, dem eine einfache, aber scharfe Auffassung selbst auf seiner niedrigen Kulturstufe nicht abzustreiten ist, meint, er habe sein Blut nur für den Ehrgeiz des Adels vergossen, im besten Fall Nichts zu hoffen gehabt und sei jetzt schlimmer daran denn zuvor. Er gibt – und Sie wissen selbst, nicht mit Unrecht – dem Adel die Schuld, dass wir unterlagen und ist, grade heraus, der ewigen Aufreizungen müde, die es hindern, an sein materielles Wohl zu denken. Dem Volk, lieber Freund, ist es ziemlich gleich, ob der Czar sein Herr heisst, namentlich wen es in dem e i n e n Herrn einen Schutz gegen die Vorrechte der v i e l e n findet. Wir sehen das schlagende Beispiel an den Kronbauern in Russland. Die Leute revoltirten dort und liessen sich todtschlagen, weil der Kaiser sie nicht kaufen wollte oder konnte. Das wahre Element zur Fanatisirung der massen war nicht das Nationalgefühl, die russische Tyrannei, die kein Jota harter war, als sie's früher hatten, sondern die Religion, die Kirche. Wo diese Hand in Hand mit der politischen Propaganda ging, waren grosse Erregungen und Erfolge gesichert."
"Und ist der katolische Glaube weniger gefährdet in der, Gegenwart, droht die ortodoxe Kirche weniger mächtig wie vor zwanzig Jahren? Sind nicht vielmehr grade ihre Uebergriffe und Forderungen ein Fundament dieses Krieges, welcher bestimmt ist, Europa eine andere Gestalt zu geben?"
Lubienski lächelte bedächtig.
"Ich weiss wirklich nicht, Graf, ob ich annehmen soll, dass ein Mann wie Sie, der tief in das Räderwerk des politischen Getriebes und der socialen entwicklung geschaut zu haben scheint, für einen der Hauptfactoren blind gewesen sein sollte?"
"Wie meinen Sie das, Fürst?"
"Ich meine, dass seit zwanzig Jahren sich ein wesentliches Element der Volkserregung geändert hat, der Glauben an das Heilige. Unsere Revolutionaire seit 1789 haben ihr eifrigstes Bemühen darauf gerichtet gehalten, die religiöse Gläubigkeit und Ehrfurcht im volk mit Füssen zu treten und zu vernichten. Der Liberalismus hat geglaubt, zu seinem Halt zunächst die Geister von den Fesseln der Religion befreien, seine sogenannte Aufklärung in die Herzen der Jugend pflanzen zu müssen. Was ist seit 1830 von den Propaganden in Paris und London anders geschehen, als schonungslose Maltraitirung der religiösen Gefühle der Völker? Die heranwachsende Generation lohnt dies Bestreben. Mit der Religiosität des Volkes schwindet unbedingt auch das Nationalgefühl. In Spanien, wo man die Kirche ihrer Güter und Würden beraubt hat, wird kein Heldenkampf mehr stattfinden wie 1809, als die Priester das Kreuz in der Hand dem volk voran gingen. Was macht die Unzahl der Rebellionen in Frankreich, die Nichts geschafft haben, als augenblickliche Gewalt, – als nur die erlangte Unfähigkeit einer gewaltigen höheren idee? Woran scheiterten die Bewegungen von 48 in Polen, Ungarn, Deutschland, Italien? – Doch nur daran, dass es an einer erhebenden idee fehlte, welche gemeinsam die Masse belebte. Alle Ihre Revolutionen und Revolutiönchen sind im grund nur tausend einzelne Intriguenspiele und Kämpfe der einzelnen individuellen Interessen geworden. Die Fähigkeit zur Revolution haben unsere Revolutionaire selbst erstickt."
"Sie haben nicht ganz Unrecht, Fürst," entgegnete nachdenkend der Graf, "aber wie wollen Sie diese Teorie auf ein Volk wie das unsere anwenden, dessen Masse die geistige Selbstständigkeit fehlt?"
"Um so mehr, lieber Graf. Glauben Sie wirklich, dass die Herabwürdigung der Kirche in Rom, die Vertreibung es Papstes, die österreichische und französische Occupation des Kirchenstaates so spurlos an der Masse des Volkes, an dem Priestertum und selbst an den Gebildeteren vorübergegangen sind? – Ich nicht! – Die Heiligkeit, das Ansehen unserer Kirche hat grade durch die liberalen Revolutionen in den durch und durch katolischen Ländern