es nur als gelöst erachten kann, wenn der Czar selbst ihn seines Schwures entlässt. Ich wiederhole es, mein Vater möge mich von seinem Feinde zurückfordern, wie er mich ihm als Geissel gegeben, und Djemala-Din wird dem Willen seines Erzeugers freudig gehorchen. Er kann nicht, wie ein Dieb in der Nacht, sich aus diesem Reiche stehlen, oder wie ein feiger Verräter seinen Posten verlassen."
Ali sprang vom Boden empor:
"B e i m B a r t e S c h a m y l ' s !" rief er wild, "Du wirst uns folgen zur Stelle, wie uns der Imam befohlen. Hier ist Gold, hier ist ein Kleid für Dich, auf Dein Haupt komme die Gefahr, wenn Du Dich weigerst!"
Der russische Offizier hatte sich gleichfalls erhoben und riss das blutige Tuch des Verbandes von seinem Arm.
"B e i m B l u t e S c h a m y l ' s , das aus diesen Adern rinnt, und das ein höherer Schwur ist, denn der Deine! ich werde n i c h t gehen, bis der Kaiser, dem mein Schwur verpfändet ist, mich selber freigegeben. Bringe dies Wahrzeichen meinem Vater und sage ihm, sein Sohn sei bereit, alle Bande zu zerreissen, die sechszehn lange Jahre hier geknüpft, und in sein Haus zurückzukehren, aber nimmer wolle er seine Ehre opfern als flüchtiger Verräter!"
Der Tschetschenze hatte zornsprühend die Hand an den Handjar im Gürtel gelegt, wie, als wolle er seine Drohung mit der Waffe durchsetzen, doch sein Gefährte Muhrad Ben Hassan legte die Hand aus seinen Arm.
"Halte ein, o Ali, mein Bruder," sagte er, "denn der Prophet verbietet Zorn und Streit unter den Kindern eines Volkes. Du aber, Jüngling, sage uns, welcher Eid Dich bindet?"
"Ich schwor dem Kaiser der Moskowiten Treue und Gehorsam als Soldat."
"So tust Du Recht, Dich zu weigern, denn der Koran sagt, das ein freier Eid ein heilig' Ding sein müsse dem Gläubigen, auch gegen den Feind. Der Imam wusste nicht, dass Du schon der Fahne des schwarzen Czaren geschworen. Er wird traurig sein, dass sein Auge den Sohn nicht sieht, aber er wird ein Mittel finden, ihn aus der Knechtschaft zu lösen. Lebe wohl, Sohn unsers Fürstenstammes, – denn mein Ohr vernimmt das Nahen fremder Männer und Rosse, und man soll uns nicht in Deiner Nähe finden. Möge der Prophet Dich schützen, bis wir uns wiedersehen in den Schluchten des Elbrus."
Er legte die Hand an Haupt und Brust im morgenländischen Gruss und barg das blutige Tuch in seinem Gewande. Dann verliess er mit Ali den jungen Mann und setzte sich entfernt neben den Jäger.
Sein scharfes Gehör hatte den Bergbewohner nicht getäuscht, ehe eine Viertelstunde verging, nahten Menschen und Gefähr von der Seite her, wohin der Schlitten des Juden den Grafen und seine schöne Nichte geführt hatte. Sie waren auf dem Wege bereits Leuten vom schloss begegnet, die der Fürst auf den Schein des Brandes ausgeschickt hatte. Der Graf sandte mit ihnen den Schlitten des Juden zurück und hatte in einem solchen vom schloss die Fahrt dahin fortgesetzt.
Djemala-Din verweilte so lange auf der Brandstätte, bis die verkleideten Tschetschenzen mit dem Juden ihren Rückweg angetreten hatten und seinen Blicken entschwunden waren. Nicht sein Herz begleitete sie zur fernen Heimat – es flog den nächsten Stunden entgegen, nach einer anderen Seite hin. Mit dem wakkeren Jäger sprengte er gleich darauf, den Schmerz der Wunde nicht achtend, auf den vom Schloss gekommenen Pferden dahin, den Reitern und ihren gefährten überlassend, die Gefangenen nachzubringen.
Das heilige Weihnachtsfest war vorüber – die Gäste hatten das Schloss des Fürsten verlassen, nur Graf Lubomirski mit seiner Nichte war bei dem alten Freunde, und Lieutenant Djemala-Din bei dem gastfreien Schlossherrn gezwungen zurückgeblieben, da sein Wunde durch die Kälte des Wintermorgens und den scharfen Ritt verschlimmert worden, so dass ein heftiges Wundfieber eingetreten war und er mehrere Tage daniedergelegen hatte.
Das altertümliche Schloss des Fürsten, noch zur Zeit August's des Starken erbaut, lag mitten im wald, entfernt fast von der zivilisation und dem Verkehr der Welt; nur ein Mal verliess es alljährlich der Eigentümer, um in Warschau oder Moskau einige Wochen zuzubringen. Er beobachtete streng diese Besuche, um sich dort den Gewaltabern zu zeigen und so jeden Verdacht gegen sich zu entfernen, da er, als einer der Führer des Aufstandes von 1831, nur durch die Gnade des Kaisers Amnestie und die erlaubnis erhalten hatte, auf seinen Gütern in Volhynien zu leben. Aus diesem grund und mit der dem hohen polnischen Adel eigenen unbeschränkten Gastfreiheit, selbst gegen den Unwillkommenen, ja, den Gegner, unterhielt er auch fortlaufenden Verkehr mit den Offizieren der nächsten Garnisonstädte, die bei jeder gelegenheit heitere Gäste auf dem fürstlichen schloss waren.
Die kleine Gesellschaft war in der altertümlichen, ziemlich grossen Speisehalle im Parterre des Schlosses versammelt. Die dunkle eichene Täfelung der Wände, die Stuckatur an der Decke, die Waffen und Jagdtrophäen an den vier Wänden und die beiden grossen stubenartigen Kamine an den Enden der Halle gaben ihr ein ehrwürdiges altertümliches Ansehen. Unter den Waffengruppen befanden sich selbst mehrere slavische Rüstungen früherer Jahrhunderte, als die Zeit der Erbauung datirte, und eine Menge Trophäen und türkischer Waffen aus der Heldenschlacht Sobieski's vor dem erretteten Wien.
Eine grosse eichene