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der Charakter noch viel für die Zukunft."

"Und der Herr im Fez mit dem grossen Stern des Christusordens auf der Brust, mit dem Herr Kalergis eben spricht, wer ist das?"

"O, Sie irren, mein Lieber," sagte de Sazé; "das ist nicht der Christusorden, sondern ein unbekanntes Gestirn aus dem Firmament von Tausend und Einer Nacht. Haben Sie denn aus unserm Constitutionel noch nicht von L e o , dem Prinzen von Armenien, dem von Russland schnöde beraubten Tronerben des halben Vorder-Asiens, gehört? – Da sehen Sie die mysteriöse person in Natura vor sich. Der Prinz von Korikos, défenseur de l'Eglise d'Orient, wie er sich in den Journalen nennen lässt, hat kürzlich in London eine etwas scandalöse Affaire gehabt, und die Rücksichtslosigkeit der Queens-Bench hat ihn bewogen, London mit seiner Abreise zu strafen. Ich weiss wirklich nicht, – wenn es nicht Herr Kalergis sein sollte, – wer die Unverschämteit gehabt haben kann, diesen Herrn hier im Salon Ihrer Fürstin Tante vorzustellen, nachdem er so offenkundig etwas starke Proclamationen gegen Ihren Czaren und Ihre Regierung durch alle Welt verbreitet hat."

Die ersten Streiche des Orchesters erklangen und machten dem gespräche ein Ende; Méricourt bot der schönen Fürstin den Arm, sie in den Salon zu führen, während Sazé forteilte, noch eine Tänzerin in dem Kreis der Damen zu finden. Fürst Iwan und der Oberst blieben zurück.

Der Letztere war eine jener hageren Gestalten, die eben durch ihre Magerkeit gross erscheinen. Er zählte einige vierzig Jahre, sah aber wie ein Fünfziger aus; spärlicher, nur durch die Kunst der Toilette gefärbter Haarwuchs über der hoch-kahlen Stirn, ein graues, oft in's Grünliche spielendes Auge und ein aufgeworfener Mund über massivem glänzendem Gebiss machten den Eindruck lauernder Ruhe bei einem brutal-sinnlichen Charakter. Die Uniform war mit Orden beladen, da Graf Wassilkowitsch, zugleich durch Reichtum ausgezeichnet, zu verschiedenen politischen Missionen gebraucht worden. Er war einer der Begleiter des Fürsten Woronzoff, der zu dieser Zeitim letzten Stadium vor dem Ausbruch des Zwiespaltsnach Paris gekommen war.

Die beiden Russen standen am Eingang des Salons und schauten der Quadrille zu, Beide dasselbe Paar, wiewohl mit sehr verschiedenen Blicken und Gefühlen, verfolgend. Während Iwan träumerisch an der graziösen Schönheit der Schwester sich weidete, hing das Auge des Obersten verzehrend an der üppig-schönen Gestalt und wurde zum kalten Giftstrahl, wenn es sich auf ihren Tänzer wandte und die lebhafte Unterhaltung beobachtete, die Beide pflogen. Endlich kehrte er sich zu seinem gefährten und sagte mit jener Höflichkeit, unter welcher oft der Hohn schlecht verborgen ist:

"Auf mein Wort, Fürst, ein herrliches Paar! Es wird den Kaiser, unsern Herrn, freuen, zu hören, dass die Fürstin Oczakoff dazu beiträgt, die Bande wieder fester zu knüpfen, deren Zerreissen uns in diesem Augenblicke eben nicht ganz angenehm wäre."

"Wie meinen Sie das, mein Herr?" fragte, sich rasch nach ihm wendend, der junge Mann.

"Ei, mein Lieber, ich meine, was die ganze Welt spricht, dass unser französischer Freund auf dem besten Wege ist, Ihren Landsleuten in der Gunst Ihrer schönen Schwester den Rang abzugewinnen, ja, man behauptet, man dürfe der französischen Kaiserstadt bereits zur Gewinnung einer unserer ersten Erbinnen gratuliren. Der Vicomte soll ein Liebling des Kaisers sein."

"Die Hand meiner Schwester ist kein Gegenstand der Politik," sagte kurz und rauh der Fürst. "Die Fürstin Iwanowna Oczakoff wird nie ihr Herz einem Franzosen schenken."

Wassilkowitsch lachte.

"Da scheint sie nicht den Geschmack ihres Bruders zu teilen. Herr von Méricourt erzählt wenigstens viel von der Vergötterung, die Fürst Iwan einer interessanten Grisette des Marais zu teil werden lässt."

Eine dunkle Röte überflog das Gesicht des jungen Mannes, als er plötzlich so unerwartet sein innerstes sorgfältig bewahrtes geheimnis dem Spott Fremder Preis gegeben sah. "Das ist erl – –" Der Fürst recollirte sich im eisigen Bild seines Gegners. "Das ist nicht möglich! Der Vicomte ist ein Ehrenmann!"

"Das kann er immerhin sein und doch den künftigen Schwager gern vor einer Mesalliance bewahren oder wenigstens der schönen Schwester sich dienstbar zeigen wollen, die, wie man sagt, eine gewisse herrschaft über den Zwillingsbruder ausübt, bloss weil sie die Erstgeborene ist. Doch ohne Scherz, Fürst, lassen Sie uns offen reden, ich bin Ihr Landsmann und uns verbinden gleiche Interessen gegen diese Fremden. Sie werden auf Ihren Wegen belauert."

Der junge Mann fasste krampfhaft seinen Arm. "Beweise, Graf, Beweise!"

"Ei, die sollen Sie haben! Sie erinnern sich, Fürst, der letzten Soiree, die Herr von Kisseleff am Dienstag dem Fürsten Woronzoff und Herrn von Persigny gab. Ich war zufällig und ungesehen Zeuge des Auftrags, den Ihre schöne Schwester an Herrn von Méricourt erteilte, Sie zu beobachten und zu erforschen, woher seit Kurzem Ihre seltsame Gemütstimmung komme und was Ihre häufigen heimlichen Abwesenheiten zu bedeuten haben, deren Zweck Sie so sorgfältig zu verbergen suchen. Sie können denken, Fürst Iwan, dass ein so galanter Verehrer, wie dieser Franzose, mit Vergnügen Alles versprach und Wort gehalten hat."

"Pest!"

"Erinnern Sie sich vorgestern nicht eines Ganges durch die Rue Montmartre zur Ecke der Strasse Saint Joseph?"

"Sie haben Recht, ich begegnete