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grössten teil des einen Flügels des Gebäudes ein und war rechts und links von Verschlägen oder, wenn man sie so nennen will, Gemächern begränzt.

In dem grossen Kamin brannten riesige Kloben von Holz und verbreiteten Licht und Wärme, was um so nötiger war, als der traurige Zustand der Wände durch zahllose klaffende Spalten dem Luftzuge freien Eintritt sicherte. Diese träge Vernachlässigung inmitten aller Hilfsquellen und alles Materials ist eine charakteristische Eigenschaft der polnischen Raçe. Während der Deutsche mit dem zehnten teil der Arbeit, die Jener darauf verwendet, das Holz zum Brennen herbeizuschaffen, das Haus dauernd in festen wohnlichen Stand setzen würde, lässt der Pole ruhig seine Hütte verfallen, bis ihr gänzlicher Einsturz ihn endlich zwingt, eine neue zu bauen. Wie in den unteren Ständen, so herrscht auch in den oberen eine gleiche Vernachlässigung, ein gleichgültiges Verkommenlassen und von Ordnungssinn ist keine Spur in dem volk. In dieser Beziehung unterscheidet sich scharf der polnische und russische Charakter.

In einem grossen Kessel auf dem Feuer kochte das Abendbrod der Gesellschaft, Speck und Grütze, und zwei Frauenzimmer, Mutter und Tochter, waren dabei beschäftigt und bequemten sich erst auf eine handgreifliche Ermahnung des Vaters zum Dienst der Dame.

Jener war, wie erwähnt, ein finster und trotzig blikkender Mann von robusten Formen, der volle Typus des verkommenden Volkes, im schmuzigen Schafpelz, die fettglänzende Mütze bis über die Ohren heruntergezogen. Dennoch lag bei aller Wildheit und Rohheit seines Wesens eine gewisse kriechende Höflichkeit gegen den vornehmen Gast darin, ein Belauern jeder Bewegung, die derselbe machte.

Bogislaw hatte aus dem Schlitten die Decken und Mäntel herbeigeschafft und nach dem durch einen starken Holzverschlag von der Küche getrennten Räume gebracht, der das Ende des Hauses bildete und der von den Weibern auf das Verlangen des Dieners schnell von einigem alten Gerät und Holz gereinigt worden war, denn hier war man wenigstens entfernter von dem Schmuz der Tiere auf der anderen Seite. An ein Weiterkommen in dieser Nacht war nicht zu denken gewesen, da die Pferde zum tod erschöpft durch den rasenden Lauf sich zeigten und sie nach der Versicherung des Wirtes von der rechten Strasse ab und auf einen Nebenweg geraten waren, von dem aus man im Dunkel der Nacht unter zwei Stunden das Schloss des Fürsten Lubienski nicht zu erreichen vermocht hätte, selbst wenn man der Gefahr durch die umherstreifenden Wölfe hätte trotzen wollen.

Es blieb demnach nur übrig, den Tag hier, so gut es gehen wollte, zu erwarten.

Während die junge Gräfin am Feuer sich wärmte, und Bogislaw aus den im Gepäck befindlichen Vorräten Tee kochte, wobei das glänzende Silbergeschirr wieder die gierige Aufmerksamkeit der Hüttenbewohner erregte, suchte der Graf von dem mann Nachrichten über die Bewohner der Gegend, die Ansichten und die Stimmung des Volkes zu erhalten, stiess aber auf ein hartnäckiges Ausweichen, von dem er nicht ermitteln konnte, ob es Trotz und Verstellung oder angeborene Stupidität war, so dass er endlich die unnütze Mühe aufgab.

Nach einer Stunde etwa kehrten die ausgeschickten Männer zurückes waren zwei Söhne des Wirts und ein fremder Holzschlägerund brachten die Nachricht, dass man von dem unglücklichen Postillon nur traurige Knochen- und Kleiderreste gefunden hatte, so vollständig war von den Wölfen das grässliche Werk getan.

"Aber die Büchse? ich verlor im letzten Kampf das Gewehr und es muss sich auf dem Platz gefunden haben?" fragte Bogislaw. Die Männer schauten einander verlegen an, verneinten aber insgesamt die Frage. Einer meinte, die Wölfe würden die Büchse vielleicht unter den Schnee gestampft haben, oder sie sei später vom Schlitten gefallen und man werde sie morgen bei Tageslicht leichter finden. Dieser Meinung trat auch der Graf bei, obschon sein Diener bedenklich den Kopf schüttelte und erklärte, er wisse ganz gewiss, das er das Gewehr bei dem augenblicklichen Halt, den das Stürzen des Pferdes notwendig gemacht, verloren habe.

Die Männer setzten sich in einen Winkel der Küche zusammen, ihr Abendbrod zu verzehren, zu dem der Graf eine Flasche Rum aus seinem Vorrat gefügt, und schienen von der Gegenwart der vornehmen Gäste bedrückt, denn sie sprachen wenig und nur flüsternd unter einander. Dagegen bemerkte Bogislaw misstrauisch, dass hin und wieder Einer oder der Andere auf einen Wink des Wirts das Haus verliess, und draussen eine Unterredung mit ihm zu pflegen schien.

So war eine zweite Stunde vergangen, und die Reisenden machten sich bereit, ihr improvisirtes Nachtlager aus Pelzen und Mänteln einzunehmen, als plötzlich am Eingang des Gehöftes ein Ruf erscholl und Pferde hörbar wurden. Mit finsterm Gesicht fuhr der Wirt empor und zur Tür: "Niech cię djabli wezmą!2 ich kann keine Leute mehr beherbergen, sie müssen weiter!" aber schon waren auch der Graf und sein Diener an die Tür getreten, und vor derselben, in die Mäntel gehüllt, hielten zu Pferde zwei Militairs, ein Ulanen-Offizier mit seiner Ordonnanz. Der Erstere, ein noch junger Mann von hoher, schlanker Figur mit edlem, stolzem Gesicht sprang sogleich vom Ross, indem er den Zügel einem der Männer zuwarf und mühsam in polnischer Sprache befahl, ihm behilflich zu sein, seinen Begleiter aus dem Sattel zu heben, der bei einem Sturz den Fuss gebrochen habe. Vergeblich erklärte mürrisch der Wirt, er könne keine Herberge mehr geben, man möge weiterreiten; der Offizier, an den Umgang mit dem Volk gewöhnt, kümmerte sich wenig darum und drohte mit dem Kantschuh, der statt der Reitgerte an seiner Faust hing. Zugleich erklärte der Graf menschenfreundlich, dass er gern sich jede