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I w a n o w n a O c z a k o f f , die Zwillingsschwester des vorhin Beschriebenen. Das Spiel der natur hatte eine wahrhaft fabelhafte Aehnlichkeit zwischen beiden Geschwistern erzeugt. Nicht nur Wuchs und Gesicht, selbst stimme und Minenspiel waren an den beiden zusammen erzogenen schönen Erscheinungen ganz dasselbe ja, man versicherte, dass diese Aehnlichkeit sich auf die kleinsten Details des Lebens, bis auf die Handschrift ausdehnte. Nur ein zarterer Alt-Accord unterschied die stimme, das lange, üppige Lockenhaar, auf dem ein goldgestickter smyrniotischer Fez schwebte, den Kopf der jungen Fürstin von dem ihres Bruders. In den Augen der Dame lag der ganze tat- und willenskräftige und dennoch hingebende Charakter ihres Bruders. Eine köstliche Robe von grünem Moirée hob die volle Gestalt der nordischen Schönheit, die seit vier Monaten die junge Aristokratie von Paris zu ihren Füssen sah.

Es war in der Tat wohltuend in dieser kalten pikanten Modewelt, in diesem Wogen herzloser Berechnung, politischer Intrigue und ehrgeiziger Gedanken, die aufrichtige Liebe und Herzlichkeit zu sehen, mit welcher das junge Mädchen den Arm ihres Begleiters verliess und auf den geliebten Bruder zueilte.

"Warum nicht beim Tanz, Iwan?" fragte sie zärtlich. "Sie machen sich eines Vergehens schuldig, meine Herren, indem Sie meinen Bruder von einem Vergnügen abhalten, das er sonst leidenschaftlich liebte. Aber freilich, seit einiger Zeit scheint er für alles Vergnügen ganz verloren, und ich weiss wirklich nicht, ob die hohe Politik oder welcher Dämon sonst ihn mir ganz verwandelt hat."

"Apoll und Diana müssen doch durch Etwas unterschieden sein, gnädigste Fürstin," sagte Sazé galant; "aber Sie haben Recht, auch mir ist heute seine Zerstreuteit aufgefallen. Wenn man die Königin der Schönheit als Schwester besitzt, so hat man nicht das Recht, sich selbst und seinen Launen anzugehören."

"Marquis, Sie sind und bleiben der unnütze Schwätzer. Aber meine schwesterliche Liebe scheint Sie Alle in einer interessanten Unterhaltung gestört zu haben, denn auch der Herr kapitän spielt den Ernsten und ist nicht einmal so galant, mich an das Versprechen zu erinnern, das ich ihm gegeben."

Der Offizier blickte sie an, ein rascher verstohlener Wink des Arges bedeutete ihn und er entgegnete mit einer Verbeugung:

"Ma Princesse tun mir Unrecht, Sie wissen, dass Sie keinen aufmerksameren Sclaven als mich haben."

Iwanowna, den Arm in den ihres Bruders geschlungen, der mit ihrem Begleiter sprach, lächelte schelmisch.

"Ich will es für diesmal glauben, obschon der tapfere Zuavenführer und Löwentödter sich den Rang von einem nordischen Barbaren, wie Ihr Frankreich uns zu nennen beliebt, hat ablaufen lassen. Aber ich übe Grossmut und habe den nächsten Tanz für Sie aufbewahrt, wenn nicht Iwan etwa sein Vorrecht geltend machen will."

"Ich tanze heute nicht, Iwanuschka," sagte der Bruder zärtlich, "Du musst mich dispensiren."

"Da sehen Sie, tut der leidige jüngste Attaché nicht wirklich, als hätte er das Gleichgewicht Europa's auf seinen zwanzigjährigen Schultern zu tragen? – Doch à propos, meine Herren, kann mir Einer von Ihnen Auskunft geben, wer der würdige Palikare ist, der heute im Salon meiner werten Tante aufsehen macht?"

"Wenn Sie als Belohnung Ihrem untertänigsten Verehrer die Quadrille nach meinem Freund Méricourt versprechen wollen, Fürstin," meinte Sazé, "so verrate ich Ihnen das diplomatische geheimnis seiner Vergangenheit."

"Geschwind, geschwind; Sie sehen ja, ich sterbe vor Neugier."

"Bemerken Sie wohl, gnädigste Fürstin," plauderte der junge Mann, "dass Commandant K a l e r g i s den Fess sorgfältig über das linke Ohr gezogen und deshalb trotz seiner französischen Sympatieen das griechische Costüm trägt. Seine jetzigen Alliirten, die Türken, schnitten das Ohr ihm ab, als er den toten spielte nach der Schlacht am Pyräus, und das übriggebliebene kostet ihm baare 12,000 Piaster Lösegeld. Aber er hat die Summe reichlich wieder eingebracht in verschiedenen Münzsorten. Denn schon 1843, als Herr Kalergis von der Emeute des 15. September nach haus zurückkehrte, hatte sich die russische Gesinnung, mit der das Haus Ihres Gesandten Katakasi verliess, in eine englische verwandelt. Er hatte wohl begriffen, dass er seine Rolle schlecht gespielt; der Zweck der Emeute gegen König Otto war verfehlt, die Rubel waren eingesteckt, es handelte sich jetzt darum, sich für englische Pfunde zu verkaufen. Grossbritannien machte ihn zum Militair-Obercommandanten von Aten, aber der 4. August jagte ihn schmachvoll davon. Als der Lord-Ober-Commissar ihm später den kleinen Vorschuss von 10,000 Talern nicht bewilligen wollte, um Coletti's Regierung zu stürzen, warf er sich Frankreich in die arme. Man sagt, dass der Kaiser grosse Pläne mit ihm vor hat. Gegenwärtig hat er seinen Sohn hierher gebracht, den der Kaiser auf seine Kosten erziehen lässt."

"Ein echter Grieche, – feil jedem Gebot!" sagte Méricourt.

"Entschuldigen Sie, kapitän," bemerkte Wassilkowitsch; "Herr Kalergis ist ein Landsmann unserer schönen Freundin. Er ist Russe von Geburt, aus Taganrog, wo seine Mutter noch lebt. Seine erste Erziehung erhielt er in Petersburg, wo ihm noch reiche Verwandte, teils als Kaufleute, teils im kaiserlichen Dienst, wohnen. Erst im Jahre 1821, beim Ausbruch der Erhebung, kam er nach Griechenland."

"Also politischer Marodeur; jedenfalls verspricht