1855_Goedsche_156_314.txt

noch wie früher die türkische Marine trotz der in England gebauten Schiffe keineswegs den Ruf verdient, den man ihr mit Gewalt gegenüber der russischen beizulegen versuchte. Mit wenigen Ausnahmen hat die Türkei nie gute Seeoffiziere erzeugt, und das Kommando sich stets in unfähigen Händen befunden. Eben so wenig sind die Türken tüchtige Seeleute und die türkische Flotte war bis zum Beginn des Krieges zum grossen teil mit griechischen Matrosen bemannt, die bei der allgemeinen fanatischen Stimmung unter der griechischen Bevölkerung ihren Dienst verliessen, so dass nur eine ziemlich undisciplinirte zusammengeraffte Mannschaft auf derselben zurückblieb. Noch trauriger war es auf der egyptischen Flotte bestellt, die mit Ausnahme der Dampfschiffe aus so jämmerlichen, alten und morschen Fahrzeugen bestand, dass beim Auslaufen dieser Hilfsescadre aus Alexandrien im Sommer das Admiralschiff alsbald gesunken war, und die Flagge schleunig auf einem zweiten Schiffe aufgehisst werden musste.

Das Geschwader, mit dem Osman-Pascha in der ersten Hälfte des Novembers Befehl erhielt, unter Segel zu gehen, bestand aus 7 Fregatten von 74, 60, 52, 56, 50, 38 und 42 Kanonen, 2 Corvetten, 1 Sloop und 2 Transportschiffen.

Es hatte über 5000 Mann Landtruppen unter Kommando Mustapha-Pascha's, zur Ausschiffung an der tscherkessischen Küste, an Bord, so wie 20 Millionen Piaster in englischem Golde, nebst bedeutenden Vorräten von Waffen und Munition. Mehrere englische Offiziere und Ingenieure, so wie eine Anzahl politischer Flüchtlinge, befanden sich auf den Schiffen.

Dies war die wichtige Nachricht der russischen Agenten in Constantinopel, welche Caraiskakis von Varna aus, indem er ein auf der Höhe der Bucht kreuzendes Schiff erreichte, dem Geschwader des ViceAdmirals Nachimow, des Kommandirenden der fünften Flotten-Division, und von diesem mit der Bessarabia nach Ssewastopol überbracht hatte.

Am 24. erblickte Vice-Admiral Nachimow, in der Aufsuchung des türkischen Geschwaders begriffen, dasselbe im Hafen von Sinope, wohin sich OsmanPascha, der am 16. von Trapezunt abgesegelt war, zurückgezogen hatte, teils um Schutz vor den Stürmen zu suchen, teils um abzuwarten, dass die an der abchasischen Küste kreuzenden russischen Schiffe sich zurückzögen. Die Türken glaubten sich auf der Rhede von Sinope vollkommen sicher vor jedem Angriff.

Am folgenden Tage verhinderte ein heftiger Sturm aus Westen den Admiral, sich Sinope zu nähern, und er sandte sofort die Bessarabia nach Ssewastopol mit der Nachricht ab, indem er mit den Linienschiffen "Kaiserin Maria" von 120, "Tschesme" und "Rosstisslaw" von 84 Kanonen und den Fregatten "Kagul" und "Kulewtschi" die Rhede blokirte.

Die Stadt Sinope, im Altertum berühmt und als Geburtsort des Philosophen Diogenes bekannt, liegt auf einer weit in's Meer vorspringenden Landzunge, die einen sichern Hafen bildet. Von ihren berühmten Tempeln, Lyceen und Porticis ist Nichts mehr zu sehen, aber die grossen Fundgruben altertümlicher Reste sind die Mauern, welche die ärmlich erbaute neue Stadt und die Citadelle umgeben. Letztere scheint ein byzantinisches Werk zu sein und ihre Mauern bestehen ganz aus Bruchstücken von Säulen, Friesen und Kapitälern etc., bunt durcheinander. Die Stadt zählt etwa 10,000 Einwohner.

Die türkische Escadre war bogenförmig längs dem Ufer aufgestellt, mit seitwärts ausgeworfenen WurfAnkern, um bei jedem Winde eine Linie bilden zu können. Am Ufer waren, den Zwischenräumen der Schiffe gegenüber, doch ziemlich ungeschickt, fünf Batterieen errichtet.

In der Nacht zum 28. traf der Contre-Admiral Nowossilski mit seiner Abteilung bei dem blokirenden Geschwader ein. Dasselbe bestand nunmehr aus 6 Linienschiffen und 2 Fregatten.

Am 28. machte der Vice-Admiral Nachimow seine Dispositionen, um beim ersten günstigen Winde den Feind anzugreifen. Dies sollte in zwei Colonnen geschehen, deren rechte der Admiral führen wollte. Sein Flaggenschiff war die "Kaiserin Maria"; die Schiffe "Grossfürst Constantin" und "Tschesme" sollten ihm folgen. Die linke Angriffscolonne unter Befehl des Contre-Admirals Nowossilski bestand aus den Schiffen "Paris", "Tri Sswjatitalja" und "Rosstisslaw".

Die Fregatten "Kagul" und "Kulewtschi" sollten unter Segel auf der Rhede bleiben, um, falls einige feindliche Schiffe sich durch die Flucht zu retten versuchen wollten, sie daran zu verhindern.

Die Russen ersehnten eifrig den günstigen Wind, während die Türken unter dem Schutz der Batterieen an die Unmöglichkeit eines Angriffs zu glauben schienen.

Endlich am Morgen des 30., Mittwoch, setzte der Wind um und es trat ein leichter günstiger Ost-NordOst ein. Um 10 Uhr Morgens gab der Admiral das Zeichen, sich zum Kampfe fertig zu machen.

Am Tage vorher war Sir Maubridge mit seinen beiden Dienern durch ein Boot in der Nähe der Stadt an's Land gesetzt worden.

Während sich die beiden Colonnen unter Leesegeln dem Feinde näherten, herrschte so starker Nebel und Regen, dass die feindlichen Schiffe kaum in der Entfernung einer halben Stunde deutlich sichtbar waren.

Die "Kaiserin Maria" ging auf ungefähr 250 Faden weit an zwei türkische Fregatten heran, deren eine von 74 Kanonen die Flagge des Bahrielivaki (ViceAdmiral) Osman Pascha zeigte und hinter deren Spiegel am Ufer sich eine Batterie von 12 Kanonen befand, und warf in dieser Entfernung Anker und Wurfanker.

Zugleich legte sich auf dem linken Flügel das Flaggenschiff des Contre-Admirals Nowossilski, "Paris," noch näher an den Feind und die anderen Schiffe nahmen ihre ihnen angewiesene Stellung ein, der "Tschesme" aus dem äussersten rechten, der "Tri Sswjatitelja" auf dem linken Flügel.

Die russischen Schiffe hatten kaum Anker