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"Ich will mein Kind!"

Ein Sturmstoss erschütterte das Gebäude, dass es in seinen Grundfesten zu erbeben schien.

"hören Sie die stimme des Allmächtigen, Herr," sprach streng der Greis, "der mit seinem Sturmwind über jene Wogen fährt, denen bald Ihr Leben anvertraut sein wird, und bereuen Sie Ihre Handlungsweise. – Fort mit ihm, und Sie, Nowossilsky, zu Schiffe, zu Schiffe, damit Sie die hohe See erreichen, ehe der Sturm nach Süden umsetzt!"

Er reichte dem Contre-Admiral die Hand und die schiffes-Offiziere verliessen eilig den Saal und die Admiralität. Knirschend fügte sich der stolze Brite in die Befehle, da einige deutliche Winke ihn belehrten, dass er sonst mit Gewalt an Bord geschleppt werden würde.

Als er am Quai stand und auf das Boot harrte, legte sich eine Hand auf seine Schulter, und sich umwendend schaute er wieder in das Hass glühende Auge des Griechen.

"Ich hoffe," sagte dieser mit zischendem Ton, "wir werden uns wieder begegnen, wo Sie nicht unter'm Schutz der Gefangenschaft stehen. Holen Sie Ihr Kind, Mylord, wenn Sie den Mut dazu haben!"

"Ich werde es holen! Goddam!" Er sprang in's Boot und die dunklen Wellen trennten die Gegner. –

Während der ausbrechende Sturm bereits das Land und Meer peitschte, remorquirte die Bessarabia das Admiralschiff "Grossfürst Constantin" aus der Bucht, auf deren Höhe die beiden anderen Linienschiffe es erwarteten. Eine Stunde darauf waren die Anker gelichtet und das Geschwader stand unter Sturmsegeln glücklich hinaus in See.

III. Sinope.

Die russische Pontus-Flotte hatte bisher ungehindert auf dem Schwarzen Meere und bis dicht an die rumelischen und anatolischen Küsten gekreuzt, und bereits mehrere türkische Dampfschiffe, darunter noch während der von Omer-Pascha dem russischen Oberbefehlshaber in den Fürstentümern gestellten Frist den "Medari Tidjaret," genommen. Die türkisch-egyptische Flotte ankerte während dessen noch im Bosporus in der Bucht von Beikos. Das französisch-englische Geschwader war am 8. und 9. vor Constantinopel eingetroffen, wobei wieder verschiedene kleine Scenen von Rivalität zwischen den beiden Nationen stattgefunden hatten. Ihre mächtigen Schiffe lagen jetzt vom Eingang des goldenen Horns bis Bujukdere hinauf an dem europäischen Ufer des Bosporus und ihre Mannschaften füllten die Strassen von Constantinopel, wobei das anständige und freundliche Benehmen der französischen Matrosen einen grellen Gegensatz gegen das brutale und rohe Treiben der englischen Seeleute bildete, die auf den Strassen Schlägereien mit den türkischen Wachen anfingen, Weiber insultirten, die Bevölkerung verhöhnten und sich so viehisch betranken, dass täglich Abends die Gassen in Galata und Tophana voll Sinnloser lagen, die sich im Kot wälzten. Es blieb zuletzt dem Seraskier Nichts übrig, als der Befehl an sämtliche Wachen, jeden Morgen die betrunkenen Matrosen von den Strassen aufzulesen und sie in grossen Booten an Bord des englischen Wachtschiffes abzuliefern.

Die Feindseligkeiten in Asien zwischen Russen und Türken hatten unterdessen einen ausgedehnteren gang und grössere Bedeutung gewonnen, so dass die Unterstützung der beiderseitigen Flotten nötig wurde.

Am 28. October hatte Selim-Pascha, der Oberbefehlshaber der türkischen Truppen in Anatolien, das Fort Nikolajowst (Scheffekil), den ersten russischen Posten an der südlichsten Spitze der Küste von Kaukasien, zwischen Batum und Redutkale, überfallen und nach siebenstündigem hartem Kampf genommen. Der Posten war nur durch die grossen Proviantvorräte von Bedeutung, welche hier lagerten. Der Kommandant der Truppen in Grusien, Oberst Karganow, versuchte zwar denselben wieder zu nehmen, wurde jedoch zurückgedrängt. Der Verlust auf beiden Seiten war erheblich. Die türkische Armee überschritt hierauf auch an anderen Punkten die russische Gränze und nahm einige kleine Posten weg, bis Fürst Bariatinsky, der Chef des Generalstabes der zweiten activen Armee1, dem Feinde in einer vorteilhaften Stellung bei Gümri2 am 14. November eine bedeutende Niederlage beibrachte, bei welcher circa 1000 Türken zu Gefangenen gemacht wurden. Bald darauf, am 26., erfocht Fürst Andronikoff einen zweiten glänzenden Sieg über das türkische Corps, das Achalzik (Akiska) eingenommen hatte und die Festung belagerte. Die Türken verloren hier an 5000 Mann, 12 Kanonen, 7 Fahnen, die ganze Bagage und grosse Munitionsvorräte.

Es ist eine bekannte Sache, dass die tscherkessischen Stämme in ihrem Kampfe gegen Russland seit Jahren im Stillen von England unterstützt wurden.

Bei Beginn der orientalischen Verwickelungen war daher eines der ersten Mittel, was die sogenannte neutrale Intervention in's Auge fasste, die Aufreizung Schamyl's zu einem Angriff gegen die russischen Forts an der abchasischen Küste und die ganze Stellung am Kaukasus. Man hoffte dabei offenbar auf einen Aufstand aller mingrelischen Stämme, um damit eine Schutzwehr für Anatolien zu erlangen. Die Politik der Westmächte, die bis zum letzten Augenblicke den Schein einer abwartenden und ausgleichenden Stellung zu bewahren suchte, schob natürlich bei Verfolgung dieser Intrigue das türkische Cabinet vor. Es wurde im Divan eine Expedition an die abchasische Küste beschlossen, um den Bergvölkern Geld, Waffen und Truppen zuzuführen, und alsbald in's Werk gesetzt. Mit dem Kommando des Geschwaders ward, auf die Einwirkung des Kapudan-Pascha, dieses zweiten Führers der Kriegspartei, der 61 jährige OsmanPascha betraut. Derselbe empfahl sich wenigstens durch einen 42jährigen Seedienst, indem er schon 21 Jahre im Dienste Mehemed Ali's gestanden, bei Navarin eine Brigg, beim Bombardement von St. Jean d'Acre ein Linienschiff kommandirt hatte und seit 10 Jahren den Titel eines Admirals führte. Die Erfahrung indess hat gelehrt, dass auch jetzt eben