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Pflege desselben.

So verstrichen mehr als zwei Wochen. All' seine Beschwerden, Anforderungen und Drohungen, ihn in Freiheit zu setzen, waren von den russischen Behörden unbeachtet geblieben, er erhielt nicht einmal eine Antwort, und die Offiziere des Forts vermieden ihn, wenn er die erlaubnis hatte, auf den Wäller desselben spazieren zu gehen.

Es war am Nachmittage des 26. November, als er am Fenster seiner Zelle sass und mit finsterem Brüten gedankenlos dem Fluge der Möven zuschaute, die über die Bucht strichen, mit ihrem ängstlichen Geschrei eine Erneuerung des Sturmes verkündend, der bereits mit kurzen Unterbrechungen seit zwei Tagen getobt hatte, als seine Aufmerksamkeit durch ein kleines Dampfschiff erweckt wurde, das von der Höhe der See, ohne, wie die gewöhnliche Vorschrift erheischte, vor den Eingangs-Forts beizulegen, mit aufgehissten Signalen in die Bucht schoss und am Fort Nicolas beilegte. Sogleich wurde ein Boot herabgelassen und mehrere Personen fuhren zum Ufer. Es war dem Baronet, als sei ihm eine derselben nicht unbekannt, doch war die Entfernung zu gross, um Genaueres zu erkennen.

Die Dämmerung begann unterdessen einzutreten und mit dem Abend sich der Wind auf's Neue zu erheben. Regen und Hagel peitschten gegen das Fenster der Zelle, an welchem der Gefangene noch immer sass, in den beginnenden Kampf der Elemente hinausstarrend. Plötzlich donnerten rasch nach einander drei Signalschüsse von der vorderen Bastion des Forts und Maubrige konnte bemerken, dass Signale mit bunten Laternen aufgezogen wurden, die bald darauf von den Schiffen in der Bucht und auf der Rhede am Eingang wiederholt wurden. Ein lebendiger rascher Verkehr schien sich trotz der unruhigen See zwischen der Flotte und dem Ufer zu erheben, Boote, schwer mit Mannschaft beladen, gingen und kamen, und die ankernden Dampfer begannen zu heizen.

Eine wichtige Nachricht musste eingetroffen sein, das zeigte auch die Bewegung im Fort selbst und die Unruhe auf den nächstliegenden Strassen.

Es mochte gegen 9 Uhr Abends sein, als Tritte sich seiner Tür näherten und ein Offizier in Begleitung zweier Marinesoldaten mit aufgepflanztem Bajonet eintrat, während vier russische Matrosen an dem Zugang stehen blieben.

"Ich habe Ordre, mein Herr," sagte der Offizier, "Sie sofort zum Kommandanten zu geleiten. Zugleich ersuche ich Sie, Ihren Leuten Anweisung zum Packen Ihrer Effecten und zur Ueberweisung derselben an diese Männer zu geben, die sie befördern werden."

"So bin ich meiner Haft entlassen und kann abreisen?"

"Ich befinde mich ausser stand, Ihnen Antwort zu geben," erklärte der Offizier; "ich erfülle die Befehle meiner Vorgesetzten und bitte Sie, sich fertig zu machen, um mir zu folgen."

Der Baronet war zu stolz, um weiter zu fragen, und nach einigen Befehlen an seine Diener alsbald bereit. Der Russe riet ihm höflich, seinen Regenmantel zu nehmen, da draussen das Wetter immer heftiger tobte, und führte ihn dann in Begleitung der Wachen durch die Gänge und Höfe des Forts. Zum Erstaunen des Briten schlug der Offizier den Weg zu dem Tor ein, gab dort die Parole und verliess mit ihm die Citadelle.

Auf den Strassen war trotz der üblen Witterung reges Leben und Treiben, Licht an allen Fenstern, Matrosen und Marinesoldaten kamen und gingen in Trupps aus und zu den Magazinen, Offiziere eilten in ihre grauen Schiffsmäntel gehüllt dahin, und vor dem grossen Eingang des Admiralitätsgebäudes, der wohnung des Oberbefehlshabers Admiral Berg und zur Zeit des Fürsten Mentschikoff, brannten grosse Pechfackeln und war ein lebhaftes Gedränge von Offizieren, Beamten und schaulustigem Volk in seinen russischen, europäischen und tatarischen Trachten.

Der Baronet wurde in ein Vorzimmer des ersten Stocks geführt und nach wenigen Minuten winkte ihm der begleitende Offizier, in den anstossenden Saal einzutreten.

Derselbe war von Offizieren und Marinebeamten gefüllt. An einer grossen Tafel, auf der grosse Seekarten ausgebreitet lagen, waren mehrere höhere Flottenoffiziere eifrig beschäftigt und in einer Debatte begriffen.

Der Wind war unterdessen immer heftiger geworden und gestaltete sich zum Sturm, der in einzelnen langen Stössen durch die Bergschluchten fegte und die hohen Fenster des Saales erklirren liess.

"Es wird kaum möglich sein, Nowossilsky, dass Sie Anker lichten können und die hohe See erreichen in diesem Wetter," sagte ein alter Offizier in der Admiralsuniform, der in der Mitte des Tisches sass. "Warten Sie bis morgen."

"Wir würden höchstens das Tageslicht zum Gewinn haben, Excellenz, und dafür eine kostbare Zeit verlieren," entgegnete ein Mann von kühnem seemännischem Aussehen, der Kommandant der vierten Flotten-Division, Contre-Admiral Nowossilsky. "Sie kennen unsere Stürme und wissen, dass sie ihre Zeit haben müssen. Die englisch-französische Flotte könnte leicht Nachricht erhalten haben und aus dem sichern Bosporus herauskommen. Nachimow hätte dann das Nachsehen."

"Nun, wie Sie wollen. kapitän Tschigiri, haben Sie die Ordre bereit?"

Der Offizier du jour reichte das Papier und Admiral B e r g unterzeichnete es.

"Die 'Paris' und 'Tri Sswjatitelja' liegen bereits auf der Rhede," fuhr der Contre-Admiral fort. "Ich werde mich durch die 'Bessarabia' hinausbugsiren lassen. Wann erwarten Sie Korniloff zurück?"

"Morgen. Sie werden die 'Bessarabia' kommandiren, ihm entgegen zu fahren."

"Nun, ich hoffe, dass er nicht mehr zur rechten Zeit ankommt und uns Andern auch Etwas übrig lässt. Er hat jetzt bereits drei Dampfer den Türken genommen, während wir kaum das Bugspriet aus dem Nest