1855_Goedsche_156_310.txt

in der russischen Gesellschaft sehr gebräuchliche Redensart. 6 Sohn eines Lords. 7 Walachen. 8 Giaur, Ungläubiger. 9 Der frühere Insurgenten-General Guyon, Renegat, mit Selim Kommandirender der türkischen Truppen bei Batum. 10 Narr! Dummkopf!

II. Zwing-Pontus.

Es war am dritten Morgen nachher, als ein einfacher Trauerzug aus dem Quarantainegebäude der russischen Pontus-Festung Ssewastopol sich nach dem nahen, am Ende des Quarantainehafens befindlichen Kirchhof bewegte.

Ein russischer Geistlicher ging dem Sarge voran, der nach griechischer Sitte offen und niedrig getragen wurde. Nur wenige Personen hatten sich dem zug angeschlossen, einige Diener aus dem Hospital der Quarantaine, eine griechische Frau und ein Mann in orientalischer Kleidung zwischen zwei russischen Marine-Soldaten.

Der Mann war Edward Maubridge, der Baronet; im offenen Sarge, den Rosmarin in den dunklen Locken und auf der Brust, lag Diona Grivas, die Schwester der Caraiskakis.

In der Nacht nach der Geburt war sie gestorbensie hatte das allzufrühe Leben des Kindes mit dem ihren erkauft. Ihr Verführer war fern ihrem Sterbebett, an dem nur der Pope der Fregatte Wladimir und die in Varna geworbene Dienerin mit den gefangenen türkischen Weibern stand. Dennoch war sein Namen im tod auf ihren Lippen, Vergebung in ihrem Herzen. Sie liess sich das Kind, einen Knaben, bringen, segnete ihn und übergab ihn dem Geistlichen ihres Glaubens mit dem Geschmeide, das sie von ihrer Mutter geerbt.

Erst am anderen Morgen erfuhr der Baronet den Tod der Griechin. Die Nachricht erschütterte den trotzigen stolzen Mann im Innersten.

Er liess dem Kommandirenden des Schiffes die dringende Bitte stellen, zu der Leiche geführt zu werden, und als ihr gewillfahrtet worden, verliess er dieselbe nicht mehr, bis das Schiff in der Nacht auf der Rhede von Sebastopol Anker warf? Am nächsten Morgen lieferten die russischen Dampfer ihre Beute im Quarantainehafen ab, und die Gefangenen wurden in ein zu ihrer Aufnahme bestimmtes Gebäude, die Leiche aber zum Hospital gebracht, von wo aus das Begräbniss am nächsten Tage erfolgte. Durch freigebige Anwendung seines Goldes erlangte der Baronet die erlaubnis, die tote bis zu ihrer letzten Ruhestätte zu begleiten.

In finsterem Brüten vergingen ihm die nächsten Tage, das einzige Geschäft, das er unternahm, war, einen Bildhauer aus der Stadt kommen zu lassen und ihm den Auftrag zu einem einfachen Marmorstein für das Grab des griechischen Mädchens zu geben. Er bezahlte reichlich und im Voraus, um das Werk gefördert zu sehen. Um sein eigenes Schicksal schien er wenig bekümmert.

Am fünften Tage nach der Ankunft der Gefangenen war ihre Quarantaine zu Ende und sie wurden in die Stadt gebracht. Hier ward der Baronet, trotz seiner Protestationen, von der griechischen Dienerin und dem kind getrennt und erhielt seinen Aufentalt im Fort sankt Nicolas angewiesen, wo er in strenger Absonderung mit seinem englischen Diener gehalten wurde.

Nur der Grieche durfte ab und zu gehen und sorgte für ihre Bedürfnisse.

Durch ihn erfuhr Maubridge, dass die Wärterin mit dem kind in der Familie des Geistlichen vom Wladimir, die in Sebastopol wohnte, Aufnahme gefunden hatte.

Von dem Fenster seines hochgelegenen Gemaches aus übersah der Baronet die schöne Felsenbucht von Sebastopol mit den riesigen Befestigungen der Nordseite, dem Fort Constantin, dem Catarinen-Fort, der Sukaia-Batterie und der grossen Citadelle, während rechts der blick am Eingang des Militairhafens vorbei, dessen andere Seite, Fort Nicolaus gegenüber, das Fort sankt Paul beschützte, bis an's Ende der Bucht zu den Höhen von Inkermann schweifte, wo die beiden Leuchttürme des Nachts dem Schiffer ihr leitendes Feuer zeigten. Links am Artillerie-Hafen hin, zwischen dem Fort Nicolas und der grossen Batterie, reichte seine Aussicht bis zum Fort Alexander und den beiden Quarantaine-Forts die auf der Südseite, Fort Constantin gegenüber, den Eingang der Bucht deckten.

Ein buntes Leben herrschte in der prächtigen Seefestung, und der Brite schien recht eigentlich diese wohnung erhalten zu haben, wie als solle er einen Anblick gewinnen von der Macht und Unbesiegbarkeit dieser Vormauer des russischen Kolosses im Süden, von der aus seine Flotten das Meer beherrschten und Constantinopel in ewiger Bedrohung hielten. Die mächtigen granitnen Wälle der Forts und Bastionen starrten von schweren Geschützen, die ein Kreuzfeuer über die Bucht zu eröffnen vermochten, das jeden eindringenden Feind in den Grund bohren musste. Auf den breiten Quais um die prachtvollen Werfte und Docks bewegte sich eine dichte Bevölkerung von Seeleuten und Soldaten; kolossale Marineund Artillerie-Vorräte waren überall aufgehäuft und wurden durch die fortwährend von Odessa und Nicolajew eintreffenden Transportschiffe vermehrt. Dampfer gingen täglich ab und zu und im Hafen selbst und draussen auf der Rhede lag zum Auslaufen bereit die prächtige russische Südflotte, um das riesige Admiralschiff ankernd, das den Namen des General-Admirals des zweiten Sohnes des kaiserlichen Herrn, Grossfürst Constantin, trug.

Dies ganze prächtige und grossartige Schauspiel lag unter den Augen des Gefangenen, doch betrachtete er es mit Gleichgültigkeit. Mit dem tod Diona's war eine auffallende Veränderung in seinem Wesen und Charakter vorgegangen; er fühlte, dass er das Mädchen mit der ganzen Kraft seiner Seele geliebt hatte, und dass er dennoch unehrenhaft an ihr gehandelt. Das machte seinen hochmütigen Sinn noch erbitterter, heftiger, abgeschlossener. All' sein Gefühl sein Denken und seine Entschlüsse concentrirten sich jetzt auf das Kind, das er das seine nannte. Täglich musste der griechische Diener zum haus des Popen wandern, um ihm Nachricht von dem Knaben zu bringen, und eine bedeutende Summe sandte er für die