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, und machen die Andern alle zu Bequirs7 und schneiden ihnen die Schwänze ab, so wahr Allah gross ist."

"Ein Dschaur8 in der Kleidung der Moslems? was will das ungläubige Schwein unter uns? Er ist an allem Unglück Schuld, er hat uns die Moskows über den Hals gebracht. Tödtet den Franken!"

Der Baronet der noch immer vergeblich um den Eintritt rang, schwebte in der grössten Gefahr, ein Opfer des unvorsichtig erregten Fanatismus zu werden. Da donnerte und krachte es über und neben ihnen, und eine schwere Kugel prasselte, die Splitter umher stäubend, durch das Holzwerk und fuhr durch die Frauen-Kajüte.

Die Splitter hatten Mehrere verwundet; in Todesfurcht stürzten die Frauen aus der Kajüte, Alles floh in blindem Schrecken, sich in die untern Räume des Schiffes zu verbergen, und im Augenblick sah sich Maubridge allein mit seinem Diener auf dem behaupteten Kampfplatze. Er drang schnell in die Kajüte, die mit Staub und Trümmern gefüllt war. In der hintern offenen Kabine auf dem Schmerzenslager allein lag Diona. Er stürzte an ihre Seite, er verschwendete tausend Zärtlichkeiten an sie, indem er zugleich seinem Diener befahl, nötigen Falles mit Gewalt die griechische Dienerin herbeizuschaffen. Dazwischen donnerte draussen über die Wogen her Schuss auf Schuss und die Kugeln fuhren durch Takelwerk und Rumpf.

Die Mannschaft hatte den Kopf verloren und vermochte nicht einmal die feurigen Grüsse zu beantworten oder die Flagge zu streichen, bis endlich einer der Maschinisten, ein Italiener, aus dem raum sprang und das Flaggentau durchschnitt. Der rote Wimpel mit dem Halbmond flatterte in's Meer und ein Jubelruf erhob sich am Bord des russischen Schiffes, das bereits fast seitlängs lag, und während die Maschine des türkischen Schiffes zu arbeiten aufhörte, seine Haken an den feindlichen Bord warf. Wenige Augenblicke darauf sprangen die russischen Offiziere, den Degen in der Faust, über die Bollwerke und im Nu war das Verdeck des Djerid mit Mannschaften überflutet.

Aber Widerstand war nirgends zu finden, die Weiber jammerten und schrieen, die Moslems krochen geduldig hervor und ergaben sich in das unvermeidliche Kismet, während der kapitän von dem ersten Lieutenant der Bessarabia genötigt wurde, die Papiere über Ladung und Passagiere vorzulegen.

In Angst und Besorgniss sass der englische Baronet am Eingange der Kabine, in der Diona, die arme Getäuschte, von der griechischen Dienerin unterstützt, mit den Schmerzen rang, die das werdende Leben begleiten. Seine ganze kalte harte natur schien sich umgewandelt zu haben in zärtliche sorge um das junge Wesen, dessen Wimmern und Schmerzensruf wie glühender Stahl sein Herz durchbohrte. Was kümmerte ihn der Kampf umher, er hatte jetzt nur Augen für die Geliebte.

Da legte eine Hand sich auf seine Schulter und eine stimme befahl ihm barsch, aufzustehen. Als er emporfuhr und die Angreifer zurückstossen wollte, fielen diese, zwei russische Matrosen, über ihn her und schnürten ihm die arme zusammen. Ein Offizier mit dem türkischen kapitän trat eben in die Kajüte. Auf den Ersteren sprang Maubridge zu und verlangte mit ungestümen Worten, sofort freigelassen zu werden, und Schutz für sich und seine Leute.

Der Offizier sah ihn gross an.

"Ich bin ein Brite. Unser Gesandter in Constantinopel wird Rechenschaft fordern für jede Beleidigung, die mir widerfährt."

Der Offizier lächelte malitiös.

"Ein Engländer in türkischer Kleidung? Wahrscheinlich ein englischer Spion, um unsere Häfen zu inspiziren. Ihre Papiere, mein Herr!"

Der Baronet erbleichte vor stolzer Wut.

"Ihre Leute haben mich gebunden. Lassen Sie mein Portefeuille aus der tasche nehmen, meine Papiere befinden sich darin. – Ich hoffe, Sie werden die Banknoten dabei schonen!"

Der Russe befahl kalt, ihn zu durchsuchen, und öffnete am Tisch die Brieftasche, während Maubridge zähneknirschend daneben stand. –

"Ein Pass für den Baronet Maubridge und seinen Diener. Das wäre richtig. Sieh' da, Briefe an Churschid-Pascha9 und Selim-Pascha, also in's feindliche Lager. Und hier, ein solcher an Schamyl. – Das ist kein übler Fang!"

"Herr, Sie haben kein Recht, sich an meinen Briefen zu vergreifen!"

"Einem Engländer trauen wir Alles zu und mit einem Spion machen wir nicht viel Umstände. Bringt den Mann zu den anderen Gefangenen."

Ein Schmerzensruf erscholl aus der Kabine, deren Tür halb geschlossen war.

Der Baronet überwand seine Wut und seinen Stolz.

"Sie werden menschlich sein, mein Herr, und in diesem Augenblicke mich nicht von der Frau da drinnen trennen die jeden Moment ihre Niederkunft erwartet."

"Wer ist das Weib?"

"Eine Griechin. Sie gehört zu meiner Begleitung."

"Davon steht Nichts in dem Pass. Pflegen die Herren Briten vielleicht auch schon ihre Harems mit sich zu führen?"

"Sie ist" – er zögerte einen Augenblick – "ich bitte, die Dame als meine Gattin zu achten!"

"Skotina10, wer's glaubt! – Fort mit dem Burschen, die Weiber werden hier besser am platz sein, wie er. Sie können in diese Kajüte gesperrt werden."

Die Russen fassten den Baronet und zerrten ihn fort. Da an der Tür klang ihm zum letzten Male der schneidende Wehruf des Mädchens in's Herzdann ein anderer laut, – er war Vater!

Fussnoten

1 Russisch: Ssewastopol. 2 Midshipman. 3 Hol' mich der Teufel! 4 Das tracische Castell am Meereseingang des Bosporus. 5 Eine unübersetzbare, aber