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Pontus, lebte Ovid; Papst Clemens I. fand hier Schutz in seiner Verbannung; die Römerkaiser sahen deine blauen Wellen; die Schiffe der gierigen Genueser und Venetianer durchfurchten sie; nach dem gold'nen Byzanz sandte Rurik die Söhne; über deine Fluten trug der Islam sein Zeichen! – Katarina's Flotten unterjochten sie und das neue Jahrhundert trug seine Donner hinüber nach Varna's weisser Feste!

An deinen Borden liegt eine Historie der Welt! – Dort unten im Süden, wo die rastlos zusammenschliessende Pforte der Symplejaden erstarrt ist zum kanonen-gespickten Felsen von Rumili- und AnatoliKawak, hielt König Phineas Hof, gepeinigt von den Harpyen, welche die Argonauten verjagten. Jason errichtete seinen Altar der Cybele an des Bosporus Tor, das sich zur Kaiserstadt öffnet: Byzanz, Constantinopel, Istambul, der Weltstadt. An Anatoliens Küste, vom Olymp überragt, das sagenumflossene ritterglänzende Trapezunt, die Heimat des Agripant, dann das Land der Berge und kühnen Helden ihrer Freiheit, das den Elbros durchströmt; – Tiflis, die Oase von Orient und Occident, und der Ararat, auf den die Arche sank! Die Wunderufer der Yalta mit dem kaiserlichen Traum Orianda! Ssewastopol, das neue Epos in der geschichte der Waffen; Odessa, das segensreiche, das eine halbe Welt versorgt; die Mündungen des deutschen Stroms verkümmernd im Sande gleich der deutschen Herrlichkeit; Varna, das Odessus der Alten, die weisse Moslemsfeste, die das russische Bajonet zwei Mal mit Blut färbte; die Felsenufer von Burgas, das alte Apollonia und die Bergkette des Hämus.

Stürmischesbösesliebliches Meer, über deine weissen Höhen schwellt das Segel des Kauffahrers, donnert das Geschütz des stolzen Kriegsschiffs, zieht der Dampfer seine ringelnden Kreise! Aber wehe, wenn der Sturm deine Wellen regt und in kurzen Stössen gegen die Wolken schleudertwenn die Aequinoctial-Geister deine Tiefen gegen den Himmel wühlen und deine Wässer gegen die starren Felsen schleudern, die kein Mitleid haben mit Menschenwerk und Menschenleben! Dann bist du furchtbar in deines Zornes Herrlichkeit, gleich dem Zürnen des Allmächtigen, dessen Kind du bist, grosser, schönerstürmischerlieblicher P o n t u s , der die Mutter der Völker bindet mit der Herrscherin gewordenen Tochter! ––––––––––––––––––––––––––––

Durch die Wogen des Pontus brauste der "W l a d i m i r ," im langen Strom den dunklen Dampf des Schornsteins hinter sich d'rein ziehend. Das Meer ging ziemlich unruhig, in jenen, dem Pontus eigentümlichen und von Schiffern und Reisenden gefürchteten kurzen Stosswellen, denn am Tage vorher hatte der Novembersturm über die Fläche gefegt.

Das Schiffeine Dampffregatte vom russischen Geschwader des Schwarzen Meereskam von der türkischen Küste und hatte vor Varna gekreuzt. Es geschah trotz der Kriegserklärung mehr als ein Mal, dass russische Schiffe sich bis in die Bucht von Varna wagten und unter den Batterieen ihre Beobachtungen vornahmen.

Auf dem "Wladimir," der von Sebastopol1 ausgelaufen, hatte der General-Adjutant, Vice-Admiral K o r n i l o w , selbst die türkische Küste zwischen der Sulina und Burgas recognoscirt und wandte sich nun, da keine feindlichen Schiffe sich blicken liessen, gegen die anatolische Küste, an der die Escadre des Vice-Admirals N a c h i m o w kreuzte.

Auf dem Hinterdeck standen und sassen um den Kommandirenden, kapitän-Lieutenant B u t a k o w , die meisten Offiziere des schiffes Fürst Barjatinski, der Zweitkommandirende, und die Lieutenants Dobrowalski und Iljinski nebst zwei schiffes-Fähnrichen2, während die nicht im Dienst befindliche Mannschaft an den Bollwerken in allen Stellungen lungerte oder mit leichten arbeiten beschäftigt war. Die Wetterseite des grossen und Vorderdecks maass mit langen Schritten der wachtabende Lieutenant Popandopulo, zuweilen am Bugspriet einen der Hühnerkästen ersteigend und hinaus schauend auf die weite Wasserwüste, die im dunkelbezogenen Himmel bleifarben wogte, während sie so süss und blau erglänzt im lieblichen Sonnenstrahl.

"Nun, S c h e l e s n o w ," fragte der erste Lieutenant einen jungen Offizier, der eben die Treppe des Pavillons heraufstieg, "was meint Seine Excellenz, sollen wir wenden?"

Der Offizier erwiderte die Frage nicht, sondern wandte sich salutirend an den Kommandirenden.

"Seine Excellenz lassen bitten, nach dem Fahrzeug abzuhalten, dessen Rauch sich am Horizont zeigt; es wäre von höchster Wichtigkeit, Nachrichten aus dem Bosporus zu erhalten."

Der kapitän erwiderte den Gruss und wandte sich an den Fürsten.

"Wollen Sie die nötigen Befehle geben, Herr Lieutenant!"

Damit kehrten Alle unbekümmert zu ihren Cigarren und der begonnenen Plauderei zurück.

"Steuerbord umlegen! – Halten Sie auf das Fahrzeug ab, das in Sicht ist."

Die Befehle gingen durch das Schiff und der Lauf desselben wandte sich nach Süden.

"Wache dort oben! welche Richtung steuert der Dampfer in Sicht?"

"West-Nord-West, Euer Wohlgeboren, er kommt auf uns zu."

"Es muss ein Türke sein," sagte der kapitän bedächtig; "die Escadre des Admirals kann unmöglich in dieser Gegend sein. Hinauf in den Mastkorb und wohl ausgelugt."

Der Fähnrich, dem er den Befehl erteilt, eilte, das Fernrohr um den Hals, an der Leiter des grossen Mastes empor.

"Der Dampfer gibt ein Signal," lautete nach kurzer Zeit die Meldung.

"Flagge auf! geben Sie das Privat-Signal, Popandopulo!"

Die weiss-blaue Flagge flatterte