"gibt es Wege durch diese Sümpfe, auf welchen man an das Ufer der Donau im rücken der grossen Schanzen gelangen kann?"
"Es laufen der Pfade viele, aber sie alle führen in die Irre und keiner zum Ziel. Einen nur gibt es, aber nur Wenige, die da leben, wissen von ihm und er ist ein geheimnis, das diese Wenigen Einem, der jetzt tot ist, mit heiligen Eiden auf die Christenbibel, auf den Koran und auf den grossen Stern meines Volkes gelobt haben, nimmer zu verraten."
"Und gehört Ihr zu diesen Wenigen?"
"Ich kenne ihn!"
"Wohl. Ist der Weg der Art, dass nicht bloss Menschen, sondern auch Pferde und Gefähr ihn passiren können?"
"Ich habe ihn zwanzig Mal gemacht mit den Reitern Dessen, der dahin ist und der schwerbeladenen Keroutza5, die Waaren brachte und holte vom Donaustrand. Mein einsamer Fuss betritt ihn oft, wenn ich klage um den Verlorenen."
"So hört. Könnt Ihr uns diesen Weg zeigen und eine Colonne unserer Soldaten mit Geschütz noch in dieser Nacht an das Ufer der Donau in den rücken der türkischen Stellung führen, so soll Euer Sohn nicht allein frei und jeder Strafe ledig sein, sondern Ihr selbst sollt noch eine Belohnung von zehn Goldstücken erhalten."
"Gold? – Blankes Gold?" – Ihre Züge belebten sich in der Spannung der unglückseligen Habgier, die sie einst zum Verrat am Teuersten geführt hatte. "Ich habe lange kein Gold gesehen. Zeige es mir, Fremdling, dass ich sehe, Du täuschest die Zinka nicht."
Der kapitän sah, wie das Mädchen sich mit zornigem blick von ihrer Erzeugerin abwandte. Ihn selbst widerte diese Gier, die sogar den tiefsten Schmerz überwand, an, doch galt es hier Höheres; er zog seine Börse und nahm eine Handvoll Goldstücke heraus, die er der Frau zeigte.
"Dies wird Euer Lohn sein, wenn Ihr uns den Weg verratet."
Das Weib schauderte.
"Verraten! Ihr sprecht das richtige Wort aus. Ein Mal schon hab' ich seinen Leib verraten um blankes Gold, nun soll ich wieder verraten sein Vertrauen und den Eid, den ich ihm geleistet. Verderben über mich, dass ich es tat!"
Sie begrub das Gesicht schluchzend in ihre hände.
"Denkt an Euren Sohn, Weib. Dem toten nützt das geheimnis nicht und Ihr rettet Euer eigen Kind dadurch vom Galgen."
Sie fuhr empor.
"Du hast Recht, Fremdling. Nur den Atmenden gehört die Welt. – Bei Azraël, dem Engel der Nacht, ich will Dir den Weg zeigen. Aber zuvor muss ich sicher sein des Lebens meines Kindes."
"Der Ober-General der Armee selbst wird es Euch zusichern. Ich führe Euch zu ihm."
Die Frau nickte. Dann holte sie aus dem Winkel eine grosse Decke, die noch mit einzelnen Resten goldener Tressen besetzt war, und schlug sie um Kopf und Schultern. So trat sie zu der Greisin auf dem Lager im Winkel und rüttelte sie auf aus ihrer Letargie.
"Ich verlass Dich Mutter, für diese Nacht, denn mein eigen Blut ruft mich."
Die Alte richtete sich auf ihrem Stroh empor.
"Es sind Männer hier aus anderm Geschlecht als das unsre. Hüte Dich, Tochter; die Blanken bringen den Kindern des wandernden Vaters Unheil, und Du hast es erfahren."
"Der Blanke bringt uns Gold, Mutter, und Aleko Pelin, den Bojarensohn, der uns beschützt, kennst Du."
"Aleko Pelin?" fragte die Alte und starrte auf den jungen Mann. "Lass ihn zu mir treten, ehe Du gehst, und den blanken Mann, der Gold brachte in unsre Hütte, mit ihm. Der Geist unseres Stammes liegt auf mir und ich muss die Worte der Zukunft reden."
Ihr Auge belebte sich mit phantastischem Glanz, ihre Lippen murmelten vor sich hin, während der kapitän und sein Begleiter auf den Wink Zinka's näher heran traten.
"Reiche mir Deine linke Hand, Sohn des Reichen. Die Stunde ist gekommen, wo ich den Schleier heben darf von Deiner Zukunft. Auch Du, blanker Fremdling, gieb die Hand, die von Deinem Herzen kommt, aber versilbre sie auf dass meine alten Augen sich öffnen mögen und die Zunge lehren das Schicksal der Zukunft."
Der kapitän erinnerte sich der Gewohnheit der Zigeuner, dass ein Geschenk ihrer Prophezeihung vorhergehen muss. Er legte eines der Goldstücke auf die Fläche seiner Hand.
Die Greisin fasste hastig danach.
"Gold," flüsterte sie, "Gold, blanker Junge? Möge das Leben Dir so golden sein, wie Du freigebig bist. Aber die Linien Deiner Hand lehren mich, dass Du das wahre Gold nicht aus dem dunklen Schoos zu holen verstehst, wo es Dir gewachsen ist. Dass Die, welcher Dein Herz gehört, Dich allzu sehr liebt, das wird Dein und ihr Unglück sein! Nur das Ende aller Gefahr ist Deine Gefahr. Hüte Dich vor dem Achten!"
Sie liess die Hand des über den seltsamen Spruch Betroffenen los und fasste die des jungen Bojaren.
"Der Edelmann gehört nicht zur Tochter der Verachteten, der Herr soll nicht sein Blut mit der Sclavin mischen. Wahre Dich vor dem S a l z 6, Bojarensohn; es gab nur einen Tunso, und der ist tot, aber der Verräter gibt es