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der Fahrt durch den Wald von Pantelemon geraubt hatten. Eine Karte, die er ihr zugleich zurückliess, benachrichtigte sie, dass es Tunso selbst war, mit dem sie getanzt hatte. Auch hier entkam er glücklich der Wut des Fürsten. Er war der Schrecken der Ehemänner und das Entzücken der Frauen. Begegnete ihm aber ein Armer, ein Unglücklicher, so half und gab er ihm reichlich. Kam ihm die Kunde, dass in Folge eines Sturmes, einer Ueberschwemmung, eines Feuers eine Kirche oder Moschee, ein Haus oder Dorf Schaden gelitten oder zerstört sei, so war er auf der Stelle da und brachte reiche Geschenke. Die Wittwen und Waisen, die Unterdrückten und Verstossenen hatten an ihm einen Freund und Beschützer. Dem Einen half er mit Geld, dem Andern mit Rat oder mit seiner Rache. Darum hingen Alle an ihm, überall fand er eine Zufluchtsstätte, so viel arme und Unterdrückte, so viel Freunde und Späher hatte er."

"Und war der glorreiche Räuber," fragte der Offizier scharf, "auch ein Bojarensohn, wie Sie, der seinen Ruhm so zu beneiden scheint?"

Der Jüngling errötete.

"Er war armer Leute Kind, sein wahrer Name Iuwanitza. Er hütete die Heerde, bis die wunderbar schöne stimme des Knaben den Popa4 veranlasste, ihn zum Metropolitan nach Bukarest zu führen. Gegen seinen Willen wurde er an den Chorpult der Ober-Bisserika gestellt und blieb dort bis zu seinem achtunddreissigsten Jahre das Entzücken der Stadt. Erst als die Liebe zu der Zigeunerin Zinka seine Seele erfasste, warf er das Joch von sich und wurde, was er war."

"Das Mädchen, das uns geleitet, und dem Sie, Herr Pelin, etwas zu tief in die schönen Augen gesehen zu haben scheinen, und der Bursche, der zum tod verurteilt ist, sind seine Kinder?"

"Sarscha ist Tunso's Tochter und, wie die Leute sagen, die ihn gekannt, sein Ebenbild. Aber ihr BruderDoch sehen Sie," unterbrach er sich, "das Mädchen winkt uns, einzutreten. Folgen Sie mir."

Er klomm die Leiter empor, von dem kapitän gefolgt, und Beide traten in den Vorraum der Hütte, die in zwei Teile geschieden war. Ein dürftiges Lager von trockenem Schilfgras, Angeln und Fischgerät, Schlingen für das wild und dergleichen bewiesen, dass hier der Aufentalt des jungen Burschen war, wenn er zu haus, was freilich selten genug vorkommen mochte.

"Du kommst zur bösen Stunde zu uns blanker Fremdling," sagte das Mädchen indem sie des Capitains Hand fasste, um ihn in die zweite Abteilung zu führen. "Der glänzende Aldobaran hat nicht geleuchtet auf die Geburt meines Bruders. Im Verrat ward er empfangen und sein Leben ist Schande. Aber das Mutterherz bleibt ein unergründlich Rätsel, dunkler als die Linien Deiner Hand, und der Schatten meines Vaters würde ohne das Kind des Verrats in ihrem Sinn erbleichen. Tretet ein darum und vollbringt Euer Geschäft, ehe die Stunde naht, da über die Aeltermutter meines Stammes der Geist kommt, der den Schleier der Zukunft hebt."

Sie zog die alte Decke zurück, die den Eingang verhüllte und die drei traten in den inneren teil der ärmlichen Hütte. Auf einem kleinen Heerd von Stein brannte in der Mitte des Gemachswenn man den Raum so nennen kannein Torffeuer, dessen Rauch das Innere füllte, bis er durch die Fensteröffnung oder die Ritzen und Spalten des Daches seinen Ausgang fand. An den Wänden hingen einige geringe Geräte, darunter die Guzla und das Tambourin, und ärmliche Kleidungsstücke. Am Feuer auf einem niedern Schemel, die hände wie im Schmerz verschränkt, sass eine Frau, deren hohe Gestalt und deren noch immer Spuren grosser Schönheit zeigendes Gesicht offenbar das Leiden mehr gebeugt und gealtert hatte, als die Zahl der Jahre. Ihre grossen schwarzen Augen starrten wie abwesend in die Glut und schwere Tropfen fielen aus ihnen auf die im Schmerz verschränkten hände.

In einem Winkel des Gemachs aus der dürftigen Ruhestätte der Familie lag eine zweite Gestalt, eine alte, von dem Fieber und Rheumatismus der Sümpfe gichtisch zusammengezogene Greisin, in wunderlich bunte Lumpen gehüllt, das lange weisse Haar wirr um das verwelkte Antlitz hängend, aus dem die erloschenen Augen gläsern und teilnahmlos auf die Fremden starrten.

Das Mädchen trat zu der Frau am Heerde.

"Mutter Zinka, hier ist der blanke Soldat, der mit Dir sprechen will."

Die Frau fuhr empor und betrachtete einige Augenblicke den Offizier, dann sank sie vor ihm auf die Knie und hob flehend die hände zu ihm auf.

"Tödten Sie ihn nicht, o, tödten Sie den Knaben nicht," bat sie in den gebrochnen Tönen des tiefsten Herzeleids. "Der Unglückliche ist ohnehin schon der Jammer meiner Tage und die Qual meiner Nächte! was sollte ich tun, wenn ich das Kind meines Jammers noch bleich und tot vor mir sehen müsste!"

"Euer Sohn hat geraubt, und gemordet einen wehrlosen verwundeten Soldaten meines Volkes, Frau, der auch eine jammernde Mutter hat, wie Ihr seid." Der Offizier sagte es finster und streng; dann aber fuhr er milder fort: "Es gibt jedoch vielleicht Gnade für den Verbrecher, wenn wahr ist, was mir Eure Tochter gesagt hat. Seid Ihr aus dieser Gegend gebürtig, Frau?"

"Nein, Herr, aber ich kenne hier jeden Fussbreit in Wald und Feld, in Sumpf und Moor."