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und ernst schritt sie vor ihnen her, ohne sich anscheinend viel um die Nachkommenden zu kümmern, auf einem Wege, der schlangengleich sich durch den Morast und das hohe Schilf und Röhricht wand. Aleko Pelin schien jedoch ziemlich vertraut damit, denn obschon die hohe Gestalt ihrer Führerin oft im Dunkel verschwand, geleitete er den kapitän doch sicher und ohne sich zu besinnen den verwickelten Pfad, von dem der Offizier mit Staunen bemerkte, dass er obwohl hin und wieder schwankend, wie auf elastischem Grund, doch sicher und fest genug war, eine bedeutende Last zu tragen.

So mochten sie wohl eine halbe Stunde in diesem Wald von Rohr fortgeschritten sein, als sie bei einer plötzlichen Wendung ein Licht vor sich sahen. Es kam aus einer jener walachischen Pfahlhütten, wie sie in den Sümpfen die menschlichen Wohnungen bilden, während auf dem trockneren land die meisten Häuser oder Hütten der Landleute und ärmeren Klassen aus grossen in die Erde gegrabenen Gruben, mit Holz und Moos gegen die Feuchtigkeit ausgelegt, bestehen, mit nur wenig über den Boden, emporragenden Wänden, auf denen das spitze Strohdach sitzt.

Als die Gesellschaft sich der Hütte näherte, deutete ihnen die junge Zigeunerin durch Zeichen an, zu verweilen, stieg dann rasch auf der Leiter empor, die statt der Treppe zum Aufgang diente, und verschwand im inneren.

Die Hütte stand auf acht Pfählen, war ziemlich gross und, ihr Fussboden etwa 3 Ellen hoch vom Sumpfboden entfernt, so dass man nicht in ihr Inneres blicken konnte. Sie bestand aus Balken und Flechtwerk von Rohr, das mit Lehm und Mörtel zu einer ziemlich festen Masse verbunden war. Die Fensteröffnungen waren durch Läden verschlossen bis auf eine, aus welcher der Lichtschein des Feuers in die dunkle neblige Nacht strahlte.

"Sie erwähnten vorhin, Herr Pelin, dass die Mutter des jungen Mädchens von ihrem Stamm verstossen sei und von den Walachen allgemein gehasst werde. Hat sie sich eines besonderen Vergehens schuldig gemacht?"

Der Jüngling trat näher zu ihm heran.

"Haben Sie nie von Z i n k a , der Zigeunerin und ihrem Geliebten, T u n s o , gehört?"

"Die Namen sind mir unbekannt. Wer ist oder war Tunso?"

"Jeder Knabe in Bukarest, ja, in der ganzen Walachei, würde Ihnen Auskunft geben können, wer Tunso war, obschon fast zwanzig Jahre seit seinem Heldentod vergangen sind. Tunso war der gefürchtetste und berühmteste General-Einnehmer der indirekten Steuern der Walachei."

"Was wollen Sie damit sagen?"

"Tunso warwas die Leute so nennen, – eigentlich ein Räuber, der Schrecken der Türken, der Vornehmen und Reichen, aber der Held, der Abgott der Armen. Von den Reichen, nahm er, den Armen gab er. Die Unterdrücker des Volkes zitterten vor ihm, die Lieder des Volkes singen seinen Ruhm!"

"Ich begreife nicht, wie Sie, der Bojarensohn, über einen gemeinen Spitzbuben und Mörder in Entusiasmus geraten können?"

"Tunso hat nie einen Meuchelmord begangen, es war Nichts Niederes an ihm und er konnte, wenn er wollte, den vollkommensten Cavalier spielen. Die kleinste Erzählung seiner Taten und Abenteuer wird Sie über seinen Charakter belehren. Ich will Ihnen nur ein Beispiel anführen, das Ihre eigene Nation betrifft. In der Zeit seiner grössten Macht, als er am gefürchtetsten war, hatte er in Erfahrung gebracht, dass der damalige provisorische Gouverneur der Donau-Fürstentümer, General Kisseleff, sich in der Umgegend von Piteschi aufhielte, um Bäder zu nehmen. Sofort beschloss Tunso, ihm seinen Besuch zu machen. Der General pflegte des Morgens in dem grossen Park, der an sein Haus stiess, spazieren zu gehen. Tunso postirte seine Bande hinter der Umfassungsmauer des Parks, schwang sich in denselben und stellte sich dem General mit dem artigsten Compliment vor." –

'Herr General,' sagte er, 'ich bin Tunso. Es ist durchaus nicht meine Absicht, Ihr Geld, Ihre Kostbarkeiten oder gar Ihr Leben zu nehmen, Sie haben also Nichts zu fürchten.'

'Was wollen Sie denn?'

'Herr General,' entgegnete Tunso mit tiefer Verbeugung, 'meine Braven liegen dort hinter der Gartenmauer im Schatten, ich brauche Ihnen nur ein Signal zu geben, und sie sind zur Stelle. Euer Excellenz werden sich selber daraus den Schluss ziehen, dass Sie in meiner Gewalt sind'

'Noch ein Mal, was wollen Sie?' wiederholte der Gouverneur.

'Nichts als Ihnen meine Aufwartung machen und Ihnen bemerken, dass ich auf Ihre Artigkeit rechne, wenn ich Ihnen in die hände geriete, wie Sie jetzt in den meinen sind.'

"Herr von Kisseleff, der diese Anecdote selbst im haus meines Vaters erzählt hat, kehrte dem Räuber den rücken, eilte in's Haus und gab Befehl, strenge Nachforschungen zu halten und Tunso, ohne ihm ein Leides zu tun, lebendig zu ihm zu führen. Aber die Jagd blieb erfolglos und Tunso lachte den General aus."

Der kapitän lächelte. Er begriff jetzt, welch einen Einfluss ein solcher Charakter und ein solches Leben in einem halbwilden land auf einen jungen erregbaren Mann haben musste.

"Tunso," fuhr Dieser fort – "war oft als Cavalier gekleidet in den ersten Gesellschaften von Bukarest, ja, er hat sogar einen Ball des Fürsten Paul besucht und händigte dort einer schönen Griechin ein kostbares Medaillon wieder ein, das seine Leute am Tage vorher ihr bei