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Haar in wirren Locken umgab ein Gesicht, das in kühnem Oval vorspringend eine überaus schöne leichte Beugung der Nase zeigte, während dunkle hochgezogene Brauen das glänzende Auge einrahmten. Die eigentümlichste Schönheit dieses Gesichts bildeten jedoch Mund und Kinn, der erstere, von einer halb aufgeworfenen Oberlippe bedeckt, die in ihrer Mitte das glänzende Weiss der Zähne durchschimmern liess; das Kinn, von kräftiger runder Contour und von jenem seltenen und stets einen energischen unbeugsamen Charakter voll mächtiger Gefühle oder Leidenschaften verratenden Schnitt, welcher nicht im scharfen Winkel gegen den Hals zurücktritt, sondern bei dem die Linie des Halses am Vorderkinn selbst ihren Anfang zu nehmen scheint und gleichsam gewölbt nach der Brust zu sich herabsenkt. Das Gesicht, von jenem durchsichtig roten Teint gefärbt, den man Blutteint zu nennen pflegt und der z.B. in jüngeren Jahren das ähnliche Antlitz der Königin Victoria auszeichnete, war zu auffallend, um je wieder vergessen zu werden, und hatte bei dem Mangel jeden Bartes zugleich ein Aussehen, das den Beschauer an stolze Frauenschönheit erinnerte.

"Sie sind aber auch der unaufmerksamste Zuhörer, den man sich denken kann, Fürst," sagte lachend der Lion zu dem eben beschriebenen jungen Mann. "Seit einer halben Stunde bin ich bemüht, mit einem Pinsel, der dreist mit Hogart oder Cruickshank wetteifern kann, Ihnen die Silhouetten der werten Gäste Ihrer noch werteren Frau Tante zu geben. Was ich Ihnen da erzähle, würde das Glück eines Memoirenschreibers machen und von unseren Feuilletonisten verschlungen werden, aber Sie sind und bleiben zerstreut und scheinen selbst den Vicomte angesteckt zu haben. Er betrachtet Sie mit Blicken, als wären Sie die Fürstin, Ihre schöne Schwester, der er bekanntlich stark den Hof und die sich eben, wie ich sehe, von Oberst Wassilkowitsch zum Contretanz führen lässt."

Er unterbrach sich lachend und sah die beiden Nachbarn neckend an.

"Ah, meine Herren, hab' ich endlich den rechten Punkt getroffen? – Sie sind ja Beide ganz rot und erregt. Wäre es wahr, Fürst, dass Sie eifersüchtig sind auf Ihre Schwester wie ein Türke? und Sie, M è r i c o u r t , kann dies starre lauernde Gesicht, das ich, valga me Dios! wahrhaftig auch nicht liebe, einen berühmten Krieger, wie Sie, so leicht in Harnisch bringen?"

Der kapitän legte ihm die Hand auf den Arm.

"Keine Scherze, de Sazé," sagte er ernst, "der Gegenstand ist zu hoch dazu."

"Bon! So wende ich mich zu einem geeigneteren Bilde. Sehen Sie, Fürst, dort jene lange hagere Gestalt mit der hohen fabelhaft weissen Cravatte? Dass es Einer unserer neuen Herzensalliirten ist, ein Exemplar, das uns Azincourt und Waterloo, Malplaquet und St. Helena vergessen machen soll, brauche ich nicht erst zu sagen. Man wittert den reisenden Briten auf hundert Schritt. Der MannLord Scherkliffe, Parlamentsmitglied und Besitzer einiger solider Grafschaftenmacht jetzt aufsehen in unserer guten Stadt Paris, und wenn er das glattrasirte Kinn in die Loge der italienischen Oper steckt, wenden alle Damen die Gläser nach ihm. Wissen Sie, warum? Er ist ein Otello ganz neuer Art. Lord Scherkliffe ist einer der ersten Gemäldekenner unserer Zeit und beschäftigte vor etwa fünf Jahren einen jungen Maler in Rom, einen Italiener, der bereits durch seine Bilder auf allen Ausstellungen einen bedeutenden Namen erworben hatte. Der gute Lord besass neben seinen Millionen eine blonde Lady, der aber der römische Künstler besser gefiel, als der langweilige Bildernarr, ihr Gemahl. Erst nach mehreren Monaten überzeugte sich dieser, dass er auch hier den Narren gespielt, empfahl sich höflich seinem Protegé, dem Maler, und reiste mit der verliebten Dame nach haus, wo er sie manierlich ihren Eltern ablieferte, nachdem er ihr die in Rom gemachte Entdeckung mitgeteilt. Dann ging er auf Reisen und besuchte Deutschland, Russland, Italien, und sammelte überall zu enormen Preisen Gemälde. Mit einem ganzen Wagen voll kam er nach Rom, besuchte seinen alten Freund und kaufte alten Freund und kaufte ihm die neuesten Werke seines Pinsels ab. Kaum war er im Besitz derselben, so verlangte er Genugtuung für seine Hahnreischaft und forderte den Erstaunten auf Pistolen. Man schlug sich, und mit dem ersten Schuss lähmte der Engländer dem Künstler den linken Arm. Nach einem halben Jahre kam er wieder und bestand auf einem zweiten Duell. Der Künstler musste sich fügen und die Kugel des beleidigten Eheherrn traf sein rechtes Handgelenk, so dass die Hand amputirt werden musste. Als die Kur glücklich vorüber war, erschien der Lord am Krankenbett seines Feindes und sagte ihm gelassen: 'Ich habe jetzt meine Rache befriedigt. Sie sind als Künstler zu einem lebendigen tod verdammt.' – 'Sie irren sich,' entgegnete der Unglückliche; 'meine Werke werden Ihre Bosheit überleben. Der Ruhm meiner Madonna in Paris, meiner Auferstehung in der Gallerie von Petersburg und zahlreicher anderer Werke vermögen Sie nicht zu vernichten. Ich kann nicht mehr malen, aber meine Bilder werden meinen Namen lebendig erhalten.' – Der Lord zeigte ihm ein Papier. 'Ist diese Liste Ihrer Bilder vollständig?' – Mit Staunen bejahte der Künstler. – 'So bin ich im Besitz aller Ihrer Werke, selbst die Skizzen habe ich nicht vergessen. Es hat mit viel Mühe gemacht und viel Geld gekostet, aber ich habe meinen Zweck erreicht. Wollen Sie mich nach haus begleiten, um sich zu überzeugen? mein Wagen wartet