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Kabinet von St. James die Schuld der ersten Drohung immer noch auf Frankreich schiebt, die beiderseitige Haltung missbilligt und sich jeder Einmischung fern halten will!"

"Ich werde sogleich die Ehre haben, diese Anschuldigung näher zu erläutern," entgegnete mit einer Verbeugung nach der Richtung hin, in welcher der Verhüllte stand, der alte Offizier. "Diese Haltung war von dem schwankenden Charakter des Lord John vorauszusehen. Aber sie wurde paralisirt, indem man in Petersburg die Wahl einer ausserordentlichen Mission auf den Fürsten Mentschikoff lenkte und durch die Erklärungen, zu denen sich der Kaiser Nicolaus unvorsichtiger Weise hinreissen liess. Diese sind Ihnen ohne Zweifel bekannt, Herr Graf?"

"Ich, weiss in der Tat nicht, was Sie meinen."

"Dann haben Sie die Güte, diese Aktenstücke zu lesen. Es sind die genauen Abschriften der geheimen Berichte, welche Sir Seimour, der englische Gesandte in Petersburg, über vier Privat-Unterredungen eingesendet, die er am 9. und 14. Januar sowie am 20. und 21. Februar mit dem Kaiser Nicolaus hatte, desgleichen die eines Memorandums vom letzten Datum, was der Kaiser jenem Gesandten zustellen liess." Der alte Offizier zündete eine der auf dem nahen Altare stehenden, geweihten Lampen an und überreichte ein Heft Papiere, das der Andere hastig ergriff und mit grosser Aufmerksamkeit durchflog, während auch der Verhüllte näher hinzutrat und über die Schulter des Grafen mitlas.

"In der Tat, mein Herr," sagte der Letztere nach einer Pause von etwa zehn Minuten, während welcher ihm beim eifrigen Lesen der Depeschenjener Aktenstücke, die später unter dem Namen der Entüllungen des blauen Buches bekannt geworden sindhin und wieder ein Ausruf der Ueberraschung entschlüpft war, "in der Tat, ich kannte zwar im Allgemeinen den Inhalt der Unterredung vom 9., doch diese wichtigen Details sind mir neu. Es scheint, Lord John spielte eine doppelte Karte, indem er uns die Kenntniss so bedeutsamer Entschliessungen vorentielt. Sie müssen auf Ehre eine Art Hexenmeister sein, um sich den Besitz so wichtiger Dokumente verschafft zu haben?"

"Dem Golde, Herr Graf," entgegnete der Pole der halben Frage, "ist in London Alles möglich, gerade wie in Paris den Frauen. –"

"Ich erlaube mir, bis zu dem Augenblick, in dem wir uns befinden, die Vorgänge weiter zu resümiren. Die Art und Weise, in welcher Graf Nesselrode officiell den Kabinetten von London und Paris die Instructionen des Fürsten Mentschikoff bezeichnete, verzögerten den Ausbruch der Differenzen. Danach sollten diese Instructionen sehr gemässigt sein, beträfen nur die Montenegriner und die heiligen Stätten und hätten zum Zweck, ein Aecquivalent für jedes den Griechen genommene Privilegium zu erreichen. Trotz der Beweise, die ich Ihnen eben über die Absichten Russlands vorzulegen die Ehre hatte, zögerte das englische Kabinet noch immer mit einer Einmischung, ernannte aber einen besonderen Gesandten in der person des Lord Stratford. Sie kennen den Lord, Herr Graf, und wissen, dass bei seinem Ehrgeiz und seinem echt brittischen Charakter ein Kampf mit der Anmaassung und dem Stolz des Fürsten Mentschikoff unmöglich ausbleiben kann, wenn der Letztere Forderungen stellt, die in den Augen des Lords mit dem brittischen Interesse im Orient nicht vereinbar sind. Das erste Auftreten des Fürsten in Constantinopel haben die Zeitungen gemeldet. Es war beleidigend und herausfordernd in dem Maasse, dass die Pforte den brittischen Gesandten aufforderte, die englische Flotte zu ihrem Schutz herbeizurufen und Oberst Rose an Admiral Dundas wirklich die Aufforderung gestellt hat, das Geschwader nach Vourla zu führen."

"Aber der Admiral hat sich geweigert, der Oberst hat seine Aufforderung zurückgenommen, die englische Regierung hat, was Sie vielleicht nicht wissen werden, vorgestern den Obersten desavouirt und uns ihr Bedauern ausgesprochen, dass der Kaiser unserm Geschwader im Mittelmeer gleichfalls den Befehl erteilt hat, in die griechischen Gewässer abzugehen."

"Der Kaiser, mein Herr," entgegnete der Greis, "ist ein kluger Politiker und hat sehr Recht getan, die gute gelegenheit zu benutzen, die ihm der Schritt des Obersten Rose geboten hat. Sie werden sich erinnern, dass mein Memoir auf eine solche gelegenheit speculirte. Nach der Absendung der Flotte Frankreichs bleibt England Nichts als über kurz oder lang die Nachfolge."

"Ich gestehe zu," sagte der Graf, "dass es für ein grosses Interesse haben muss, England in einen Krieg mit Russland zu verwickeln und seine ganze Macht im Orient engagirt zu sehen. Die Forderungen des Fürsten Mentschikoff können allerdings den Charakter von Demonstrationen gewinnen, die den Kaiser und das Kabinet von St. James zwingen würden, für eine Krise den Gesandten besondere Instructionen zu geben."

Der Pole lächelte. "Euer Excellenz trauen mir noch immer nicht. Vorgestern, am 22., hat Seine Majestät ihrem Gesandten in Constantinopel bereits diese Instructionen zugesandt. Soll ich Ihnen die vier Fälle der Instruction noch bezeichnen? – Gestern ist die Note an Sie nach London abgegangen, worin die Regierung die Hoffnung an das englische Kabinet ausspricht, dass bei der Krisis in Constantinopel b e i d e Gouvernements gleiche Haltung beobachten werden. Die Depesche wird Ihren Weg gekreuzt haben, Herr Graf, da Sie, durch den Telegraphen berufen, gestern Abend Dover verlassen haben."

Der Graf trat erstaunt einen Schritt zurück, der Verhüllte aber ungestüm auf den Fremden zu, indem er durch die heftige Bewegung den verbergenden Mantel zum teil fallen liess. "Wer sind Sie, mein Herr? Sie sehen