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Aleko's und des Capitains erhob, zeigte sich diesen eine jener seltsamen Schönheiten, wie sie die in der Walachei noch sehr zahlreiche3 Zigeunerrace in all ihrem Schmuz und aller Versunkenheit oft hervorbringt: eine junonisch schöne Gestalt, die selbst das gürtellose walachische Hemd mit der breiten rot- und gelbgestreiften Schürze nicht zu verbergen vermochte, die Züge des dunkelbraunen Gesichts regelmässig, fein, schwärmerisch; über den Feuer- und Mut-blitzenden schwarzen Augen die schön gewölbten Augenbrauen, an der Nasenwurzel einander entgegenlaufend; das üppig wuchernde schwarze Haar von einem roten Tuch bundartig zusammen gehalten; – das war das Wesen, das ihnen mit einer gewissen kühnen Haltung entgegen trat und eifrig den Bojarensohn befragte. Der kapitän glaubte nicht mit Anrecht in dem Mädchen die Ursache des Interesses zu sehen, das der junge Mann an dem Vagabonden nahm, und erkundigte sich bei dem Unteroffizier der Wache, was derselbe verbrochen habe. Zu seinem Bedauern vernahm er jedoch, dass die Sache ernster war, als er gehofft. Der Bursche hatte sich mit Andern seines Gelichters im Hauptquartier eingefunden, und war am Abend von einer Patrouille mit mehreren gefährten dabei betroffen worden, wie sie einen russischen Soldaten, der sich verwundet zum dorf schleppte, geplündert und ermordet hatten. Der Unglückliche lebte noch und bezeichnete seine Mörder, von denen es nur gelungen war, den Zigeuner zu erwischen. Leugnen nutzte nicht, denn der Beweis lag vor und die Befehle gegen das Gesindel waren äusserst streng. Der Oberst des Regiments hatte kurz entschieden, ihn am andern Morgen vor dem Aufbruch zur Warnung für seine Genossen aufzuhängen.

Als der junge Bojar sich daher wieder an den kapitän wandte, zuckte dieser bedauernd die Achseln und erklärte, dass er gegen das ausgesprochene Urteil eines kommandirenden Offiziers nicht interveniren könne und der Bursche sein Schicksal ohnehin verdient habe.

Das Mädchendie Schwester des Verurteiltenschien an der Miene der Sprechenden den abschläglichen Bescheid erraten zu haben, denn sie warf sich heftig dem kapitän in den Weg, der bereits die Hütte verlassen wollte.

"Weile, blanker Krieger," bat sie flehend, "und höre was Dir S a r s c h a zu sagen hat. M u n g o ist ihr Bruder und Mungo darf nicht sterben, denn er ist Zinka's, meiner Mutter, Sohn und ihre Liebe und das Messer in ihrem Herzen. Wer sollte meinen Vater Tunso rächen, wenn es nicht sein Anblick bei ihr täte? Gieb ihn frei, blanker Krieger, und die Kinder des Egypterlandes werden Dich segnen und können Dir dienen, mehr als Du denken magst!"

"Machen Sie der Scene ein Ende, Herr Pelin," sagte der kapitän, der die walachische Sprache des Mädchens nur sehr unvollkommen verstand, unwillig zu seinem Führer. "Sie werden besser tun, sich mit mir zu entfernen."

"Halten Sie ein, Herr kapitän," erwiderte der junge Mensch, dem Sarscha einige Worte gesagt hatte, während ihr Bruder jammernd zu den Füssen des Offiziers kroch. "Sie ahnen nicht, welchen Dienst Sie von sich stossen. Das Leben dieses Burschen kann Ihrer Armee den Sieg verschaffen, die sich sonst nutzlos vor den Batterieen der Türken opfern wird. Seine Mutter allein vermag es, wenn sie will, Ihre Colonnen durch die Sümpfe des Argisch und den Feinden in den rücken zu führen."

Der kapitän horchte auf. "Was sagen Sie da? Ist das Ihr Ernst?"

"Ich schwöre es Ihnen! Die Zigeunerin Zinka ist die einzige, welche aus früherer Zeit die geheimen Schlupfwege der Sümpfe kennt, und sie wird das Leben ihres Sohnes gern mit diesem Preis erkaufen."

Herr von Meiendorf wusste, welchen unendlichen Wert das Anerbieten haben musste, wenn es sich bewahrheitete. Es konnte das Schicksal des Kampfes sofort entscheiden; denn gelang es dem Feldherrn, Truppen zwischen das Donauufer und die türkische Position zu werfen, so war diese mit gänzlicher Abschneidung bedroht und der Feind musste sich eiligst zurückziehen oder war verloren. Er überlegte einige Augenblicke, dann sagte er:

"Wo befindet sich die Frau, von der Sie sprechen?"

"Sie wohnt in den Sümpfen selbst, einsam und allein mit ihrer Familie, denn ihr Stamm hat sie verstossen und jeder Walache geht ihr mit einem Fluch aus dem Wege."

"Wohlan, ich will Ihnen glauben und mich von Ihnen oder diesem Mädchen zu dem weib führen lassen, um sie selbst zu befragen. Ist das, was Sie sagen, wahr, so bürge ich Ihnen dafür, dass der Verbrecher dort frei und ungestraft ausgehen soll. Beabsichtigt man jedoch, einen Verrat an mir zu üben, so werden meine Kameraden mich rächen. Jeden Falls bleibt der Mensch als Geissel hier gefangen."

Er erteilte dem Unteroffizier der Wache seine Befehle, schrieb einige Worte mit Bleistift an einen Kameraden, um seine Abwesenheit zu rechtfertigen, und winkte dann, dass er bereit sei, sich auf den Weg zu machen.

Sogleich hüllte sich die junge Zigeunerin in ihr Regentuch und verliess das Haus. Der kapitän und Aleko folgten ihr, nachdem dieser noch den jungen Vagabonden beruhigt hatte.

Das Mädchen wandte sich, ohne die Anreden und Spöttereien zu beachten, die ihr von den zahlreichen Soldaten-Gruppen zu teil wurden, zwischen denen hindurch ihr Weg sie führte, nachdem sie das zum grössten teil aus walachischen Erdhütten bestehende Dorf verlassen hatten, sofort nach der Richtung der Sümpfe, die etwa 1000 Schritt zur Seite ihren Anfang nahmen. Stumm