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Nacht fortgesetzt.

Fürst Gortschakoff beschloss für den nächsten Tag einen gemeinsamen Angriff auf alle Punkte der türkischen Position. Die Vorbereitungen wurden während der Nacht in umfassender Weise betrieben.

Mit dem Schwinden der Nebel am Morgen begann die Kanonade aus mehr als achtzig Geschützen, denen die nicht viel geringere türkische Artillerie antwortete. Der Kanonendonner war deutlich in Bukarest zu hören.

Um 11 Uhr Vormittags begann der Sturm. drei Mal wurde Oltenitza von den Colonnen der Russen genommen, erst zum dritten Mal vermochten sie es zu behaupten, doch war der Sieg nutzlos; denn alsbald beschoss die türkische Artillerie von den Schanzen den verlorenen Halt mit glühenden Kugeln und die Flamme jagte die Sieger wieder aus den erstürmten Gassen.

Am blutigsten tobte jedoch die Schlacht an den Schanzen selbst. Colonne auf Colonne führten die Generale zum Sturm, aber das furchtbare Kreuzfeuer von vier Punkten aus warf sie immer auf's Neue zurück und ihre toten deckten haufenweise den Boden.

Die Türken hatten massen von Schanzkörben von Tuturkai herüber geschafft und mit diesem Material die Stellung am Quarantainehause und den Schanzen befestigt. Die brücke über den Argisch ermöglichte es der türkischen Kavallerie, mit Erfolg an den Einzelngefechten auf beiden Seiten teil zu nehmen.

Erst Nachmittag um 4 Uhr befahl der Fürst den Rückzug; die erschöpften Truppen bivouacquirten um das brennende Oltenitza, neue Kraft zu sammeln für die Blutarbeit des nächsten Tages, die wahrscheinlich eben so vergeblich sein sollte.

Der Generalstab hatte sich nach dem dorf Mitréni-Fundéni zurückgezogen und hielt dort Kriegsrat. Am nächsten Morgen wurde der Ankunft des Generals Anrep mit seinem Corps von Kalarasch entgegen gesehen und der Kampf sollte dann mit den frischen Truppen erneuert werden.

In dem dorf selbst herrschte das Leben eines Feldlagers nach der Schlacht; Truppen aller Waffengattungen kampirten auf den Strassen, in den Häusern und Ställen der Tscharan's1, grosse Feuer, vom Novembersturm oft in langen Zungen über die ärmlichen Erdhütten hin gejagt, gaben den umherlagernden Gruppen Wärme und Nahrung. Geschrei, Lärm, Gelächter und Töne des Schmerzes überall, der Wotka und der Rakih2 machten die fleissige Runde, Juden, Zigeuner und zerlumptes Gesindel aller Art, trieb sich zwischen den Soldaten umher, Lebensmittel feil bietend, oder um Beute schachernd. Hin und wieder klang das Spiel der Citer oder der Trommelflöte, von Zigeunern gespielt, und versammelte die für Musik sehr empfänglichen Söhne des Nordens in dichten Haufen.

Vor dem Quartiere des Oberbefehlshabers herrschte nicht weniger reges Leben, Offiziere aller Grade, Wachen, Ordonanzen, kommende und gehende Boten bildeten ein buntes Gewühl, durch das sich eben ein junger Mann in reicher, aber jetzt schmuzbedeckter ungarischer Tracht drängte, eifrig nach kapitän M e y e n d o r f forschend und fragend. Endlich gelang es ihm, durch das Geschenk eines blanken Dukatens eine Ordonanz zu bewegen, den kapitän, der als Adjutant im Stabe stand, aufzusuchen.

Bald darauf erschien derselbe und schaute sich nach dem Suchenden um. –

"Ah, sieh' da, Herr A l e k o P e l i n ," sagte er freundlich, als er ihn in dem jungen Mann gefunden, "was führt Sie hierher aus der glänzenden Gesellschaft von Bukarest in unsere Reihen, wo der Tod seine Ernte hält? Dieser Ort ist wahrlich kein Aufentalt für einen der ersten Stutzer der walachischen Hauptstadt, der nicht an Gefahr, Anstrengung und Entbehrung gewöhnt ist, wie sie hier allein zu holen sind."

Der junge Mann lächelte einen Moment höhnisch bei dem Spott über seine Weichlichkeit, dann aber fasste er hastig den Arm des Offiziers und zog ihn bei Seite.

"Entschuldigen Sie, Herr kapitän," sagte er erregt, "dass ich die flüchtige Bekanntschaft im haus meines Vaters, des Gross-Kaminars, benutze, um in einer dringenden Angelegenheit mich an Ihre Hilfe zu wenden. Ich bin, wie viele Andere, von Neugier und Teilnahme getrieben hierher gekommen und fand zufällig hier einen jungen Menschen, den ich kenne, in grosser Gefahr, wegen irgend eines Missverständnisses von Ihren aufgereizten Soldaten getödtet zu werden. Es ist – –" er zögerte, "zwar nur ein Zigeuner, aber ich gestehe, ich nehme grosses Interesse an ihm und wusste in meiner Not nicht, an wen ich mich wenden sollte."

Der kapitän blickte ziemlich ernst.

"Sie sollten sich hüten vor solchen Bekanntschaften, Herr Pelin. Sie wissen sehr wohl, dass der GrossKaminar wenig mit Ihrem Treiben zufrieden ist und dass solcher Umgang nicht zu der Stellung passt, die Sie sonst in Bukarest einnehmen. Doch sollen Sie sich nicht umsonst an mich gewendet haben. Wo ist der Mann?"

"Er wird in der nächsten Wache festgehalten."

"Ich hoffe, dass er unschuldig ist und ich Etwas für ihn tun kann. Kommen Sie."

Er ging mit dem jungen Bojaren die Gasse entlang, bis sie an das Haus kamen, wo die Corpswache sich einquartiert hatte. In dem Stübchen fand der kapitän ein seltsames Paar. Ein junger Mensch von siebzehn bis achtzehn Jahren, in der zerlumpten Tracht eines Zigeuners, die hände auf dem rücken zusammengeschnürt, horchte mit bleichem Gesicht, auf dem bereits alle Spuren der Liederlichkeit sich zeigten und jetzt deutlich die Todesfurcht ausgeprägt lag, in einem Winkel zusammengekauert, zagend auf die Trostsprüche eines Mädchens, das, vielleicht zwei bis drei Jahre älter als der junge Verbrecher, auf der Erde neben ihm sass, ohne sich um die Reden und Spöttereien der Soldaten zu kümmern.

Als sie sich bei dem Eintritt