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das Kommando zum Sturm, während die Hälfte der Ulanen mit den kosacken nachrücken und die türkische Kavallerie in Schach halten sollte. GeneralMajor O c h t e r l o n e , ein Ire von Geburt, der Commandeur der Brigade, übernahm selbst das Kommando.

Der Sturmmarsch wirbelte in kurzen Schlägen; die beiden Colonnen setzten sich in Geschwindschritt, die Eine gegen das Quarantainehaus, die Zweite gegen die grosse Verschanzung.

Beide gelangten zu gleicher Zeitohne dass die feindliche Artillerie feuerte, – an das Ziel, die Erste an die Pallisaden, die Zweite an die mit wasser gefüllten Gräben vor den Schanzen.

In diesem Augenblick begann auf ein von den letzteren aus gegebenes Signal ein mörderisches Feuer aus den maskirten Batterieen der Schanzen, aus den Kanonen des Quarantainehauses und von Tuturkai herüber. Zugleich eröffneten die auf der Schanze und im Gebäude postirten Scharfschützennach dem mehrfach hörbaren italienischen Kommando meist Piemontesenein tödtliches Feuer auf die Anstürmenden.

An den Pallisaden wogte der Kampf in wildester Heftigkeit auf und nieder, die Leichen türmten sich in Haufen, der Tod hielt seine grässliche Ernte unter den Russen.

Die finstern verbissenen Männer sanken ohne Klage, noch im Sterben den Feind bedrohend.

Vergebens war der Ansturm; die Pallisaden zwar fielen unter dem Andrängen der Tapfern, die sie mit den Händen aus dem Boden rissen und die stürzenden mit ihren Leichen deckten. Hinter der Wand von Holz starrte die Wand der Bajonette, aus den Fenstern des Hauses regneten die Büchsenkugeln der Scharfschützen und die Kartätschen der Inselbatterieen schlugen grimmig in die Reserve.

Drüben an den Schanzen tobte der Kampf nicht minder heftig. Von den Nachfolgenden getrieben, warfen sich die Vorderreihen in die wassergefüllten Gräben, deren Flut ihnen bis an den Hals ging. – Das Gewehr hoch in der Hand drangen sie vor, wer glitt, wer stürzte, war rettungslos verloren, die Füsse der eigenen Kameraden traten ihn in den Grund. An dem Wall klommen sie empor, Zehn, Zwanzig, Hundert stürzten herab in das nasse Grab, aber hier krallte sich Einer fest auf der Böschung, dort ein Zweiter, ein Dritter, Hundert standen auf dem Wall:

"Hurrah! die erste Schanze ist erstürmt!"

Die fliehenden Türken warfen sich auf ihre Kavallerie, Verwirrung, Toben überall, die Reiter setzten in den Strom, um die Insel zu erreichen, selbst die Infanteristen stürzten sich in die Wellen nach den Booten und Schiffen.

"Victoria!"

Aber der Ruf war zu früh. Von der zweiten flankirenden Schanze donnerten die Kartätschenladungen in die Sieger und rissen breite Lücken. Von Tuturkai herüber schmetterten die Passkugeln Tod und Verderben in die Reihen, ein mörderisches Feuer erhob sich von den Booten.

Von der Front des Quarantainegebäudes wichen die Tapfern, das Kreuzfeuer der Batterieen war nicht auszuhalten. Zum Glück explodirten, von den russischen Kugeln entzündet, zwei Pulverkasten in dem Gebäude selbst und rissen breite Spalten in die kugeldurchlöcherten Mauern, so dass sich die türkische Artillerie daraus zurückziehen musste.

Aber am Ufer fasste sie neues Posto und bestrich von hier aus den Platz um das Haus und die eroberte Schanze.

Ein weiterer Angriff auf die von der Insel und Tuturkai her gedeckten übermächtigen massen wäre Wahnwitz gewesen. General Dannenberg gab das Zeichen zum Rückzug.

Die Ambulancen nahmen unter dem Schutz von Kavallerie-Pikets dicht vor der türkischen Stellung unbehindert ihre Verwundeten auf. Z w ö l f h u n d e r t tote und Verwundete deckten von russischer Seite das Feld, – fast sämtliche Majors, beide Obersten waren verwundet, achtzehn Offiziere unter den Leichen; – die gesicherte Position hatte den Verlust der Gegner bedeutend geringer gelassen.

Der Sieg war unentschieden; das Dunkel des Abends lagerte sich über die blutgetränkten Fluren, die Türken campirten am Donauufer und in der grösseren Schanze, die sie behauptet hatten, die Russen zogen sich auf Oltenitza zurück.

Hierdas Städtchen war verschont geblieben von dem Kampf, – in der stube eines kleinen Häuschens fertigte General Dannenberg zunächst die Depeschen, mit denen Boten nach allen Seiten abgingen. kapitän Fürst Oczakoff erhielt die Ordre, zunächst nach Kalarasch zu General Anrep, so wie für General Lüders oder den Kommandirenden von Galacz, General Engelhard, die Depeschen zu überbringen, welche eiligst alle disponiblen Truppen requirirten.

Die Nacht lag mit ihren feuchten Nebeln über Flur und Strom, als der neue kapitän mit seinem Diener und zwei Ordonanz-kosacken durch die Strassen des Orts schritt, um sich eine Strecke unterhalb Oltenitza im Schutz des Dunkels in einem Fischerboot zur Fahrt nach Kalarasch einzuschiffen.

Von dem Schlachtfelde her trugen die Windstösse hin und wieder seltsame Töne herüber. Aus den Häusern, die zu Lazareten eingerichtet waren, drangen die Klagen und Seufzer des Schmerzes; – ein Zug dunkler Gestalten auf dem Wege zur Kampfstätte defilirte an ihnen vorüber: – die Todtengräber gingen an ihr Geschäft! –

Fussnoten

1 Baschi-Bozuks, zu Deutsch etwa Wirrkopf. 2 Das alte Aegisus. Auf dem bessarabischen Ufer der Donau, tiefer hinein im land, zwischen dem KiliaArm und dem Jalpuk-See, liegt die russische Festung Ismaël, berühmt durch Suwaroff's Sieg, auch durch Byron's Don Juan bekannt. 3 Die Angaben der Zeitungen über die Stärke des türkischen Corps waren damals sehr verschieden und schwankten zwischen 12- und 23,000 Mann (Ostdeutsche Post, Telegraphische Depesche des Preussischen staates-Anzeigers aus Bukarest). Das Journal de Constantinople war sogar naiv genug, seine erste Angabe von 12,000 Mann auf 3700 zu