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allein zu haus sein. – Doch sehen Sie, Fürst, – es muss sich etwas Ungewöhnliches ereignet haben. Ihre Herren Kameraden treten zusammen und ich sah eben Fürst Gortschakoff mit mehreren Generalen durch jene Tür sich entfernen. Bitte, gehen Sie und erkundigen Sie sich, wir Frauen sind neugierig."

Auch der Fürst bemerkte, dass eine besondere Aufregung im saal stattfand und die Offiziere in Gruppen zusammentraten. Er beurlaubte sich mit einer Verbeugung und eilte zu der Menge, die sich namentlich um die Tür zu einem der Nebengemächer versammelt hatte, aus dem jetzt Baron von Meusebach seinen Gästen entgegentrat.

"Seine Durchlaucht," sagte der General-Consul mit lauter stimme, "bitten die werte Gesellschaft mit mir, sich durchaus nicht zu beunruhigen oder stören zu lassen. Es sind einige Depeschen eingegangen, die den Fürsten für kurze Zeit in Anspruch nehmen, aber keineswegs irgend eine Besorgniss rechtfertigen. Meine Herren, ich bitte Sie, in dem Tanz fortzufahren."

Das Orchester begann auf seinen Wink auf's Neue,

doch nur wenige Paare bildeten die Colonne. Man flüsterte in Gruppen oder verkehrte mit den Adjutanten, die hastig aus den Gemächern, wohin sich der Fürst zurückgezogen hatte, ab und zu gingen und hier und da einem der Offiziere einen Befehl zu bringen schienen. Man bemerkte, wie alsbald die Angeredeten aus dem saal verschwanden, und von der Pforte des Hauses aus klang der Galopp der Davonsprengenden herauf.

Fürst Iwan wandte sich an einen ihm bekannten Ar

tillerie-Offizier und fragte ihn nach dem Vorgefallenen.

"Der Teufel ist los!" sagte der kapitän. "Pawloff

hat uns bei Oltenitza die Türken über den Hals kommen lassen und ist bereits heute Mittag von ihnen zurückgedrängt worden. Kommen Sie, Fürst, wir hören die sichersten Nachrichten von dem Boten selbst."

Er nahm ihn unter den Arm und führte ihn durch

die Menge zum zweiten Salon, wo am Büffet eine Anzahl Militairs um einen staub- und schmuzbedeckten kosacken-Offizier versammelt war, der, am Tisch sitzend, grosse Gläser starken Arracpunsches hinunterstürzte. Die Unterhaltung wurde hier russisch geführt und das andere Publikum hatte sich daher zurückgezogen.

"Nun, Herr Kamerad," sagte kapitän Besutoff zu dem kosacken, "kann man von Ihnen erfahren, welche Nachrichten Sie gebracht haben, oder ist die Sache geheimnis?!"

"Warum halten hinter dem Berg mit der sache', die doch sein püblic morgen früh!" radebrechte der Kosak. "Wir haben bekommen Schläg', starke Schläg'; die Herren Muselmann, meine Colleg', waren gekommen zu viel und haben gedrängt uns zurück. Wir werden haben morgen starke Affair'." Er hob das neugefüllte Glas und betrachtete den Inhalt schmunzelnd durch das Licht. "Dieser Punsch sein ser gut. Auf kuten Erfolg, meine Herren Kamerad'!"

Der Bursche leerte das grosse Glas auf einen Zug. Indess die Offiziere sich bemühten, die Details aus ihm herauszuholen, trat einer der Adjutanten des Oberbefehlshabers zu der Gruppe.

"Seine Durchlaucht hat den Ball verlassen, meine Herren, und sich in sein Quartier begeben. Sie werden wohltun, sich fertig zu machen und möglichst schnell im Hotel einzufinden, um ewige Befehle in Empfang zu nehmen. Wir brechen noch diese Nacht auf nach Budeschti. Sie, Herr Lieutenant," er wandte sich zu Iwan, "wünscht der Fürst gleichfalls zu sprechen."

Ein allgemeiner Aufbruch der Gesellschaft erfolgte. Als Fürst Oczakoff in den Ballsaal zurückeilte, um die schöne Bojarin noch zu sprechen, fand er, dass sie bereits mit ihrem Gatten das fest verlassen hatte, das jetzt rasch ein Ende nahm.

Die Offiziere eilten teils nach ihren Quartieren, teils nach den Kasernen, oder direct nach dem Hotel des Oberbefehlshabers. Fürst Iwan traf hier bereits die Vorgemächer voll von Ordonanzen und Offizieren aller Waffengattungen. In dem Saal des Hauses, wohin er mit mehreren Andern beschieden wurde, fand er den Fürsten mit der Generalität und den Mitgliedern des Generalstabs um die Karten versammelt.

Der Oberbefehlshaber dictirte eben die GeneralOrdre an den Chef des 4. Corps, General v o n D a n n e n b e r g , für die Action des kommenden Tages. Sie lautete: "In der Umgegend von Dobrény und Negoeschti die erste Brigade der 11. InfanterieDivision mit der Batterie Nr. 3 und die leichte Batterie Nr. 5 der 11. Artillerie-Brigade, 6 Escadronen des Ulanen-Regiments Olwiopol mit 2 Geschützen der 9. Batterie der donischen kosacken und 300 kosacken vom donischen Regiment Nr. 34 zu concentriren, bei dem dorf Mitréni-Fundéni Stellung zu nehmen und mit diesen Streitkräften den Feind von diesem Punkt aus anzugreifen."

Zugleich wurden Spezial-Ordres an alle diese einzelnen zwischen der Saltscha und dem Mostische cantonirenden Truppen zum sofortigen Ausmarsch gefertigt und die Adjutanten und Ordonanzen flogen damit nach allen Seiten davon.

Der Regen goss in Strömen vom Himmel, die wenigen Strassen und Wege waren bereits grundlos.

In einer Pause der Geschäfte wandte sich der OberKommandirende an den jungen Mann. "Ich habe Sie rufen lassen, Herr Lieutenant, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie mich nach Budeschti begleiten und der Affaire beiwohnen werden. Sie haben damit gelegenheit, sich die Sporen und" – fügte er lächelnd hinzu – "den noch mangelnden Bart zu verdienen. Ich hoffe, Sie mit guter Botschaft von Ort und Stelle an den Herrn Marine-Minister zurücksenden zu können. In zwei Stunden brechen wir auf