Der zweite Stich des Mörders hatte das Herz durchschnitten.
Zwei Tage darauf wurde die Leiche beerdigt; die Mannschaft der Brigg und das Personal des österreichischen General-Consulats folgten. Von den anderen Consuln, denen allen Anzeige und Einladung zugegangen war, hatten nur der sardinische und der preussische, letzterer aus einer jüdischen Familie stammend und in den Jahren 1849 und 50 ein gewandter Agent des Minister-Präsidenten, Mut und Ehre genug, zu folgen.
Am Abend des Mordes und während der nächsten Tage durchzogen die Banden der Flüchtlinge triumphirend und herausfordernd die Strassen in der Nähe des österreichischen Consulats und drohten, dieses zu stürmen, so dass ein Commando der Marinemannschaft darin Posten nehmen musste.
Als Welland, an's Ufer zurückgekehrt, nach der nahen Behausung eilte, fand er dort bereits den Knaben Mauro seiner harren, und eilig trat er mit ihm den Weg zu dem Freunde nach dem Versteck des Räubers an. Er begann zu begreifen, dass auf diesem Boden und in diesem Kampf der entfesselten Leidenschaften das Leben des Einzelnen ein wertloses, kaum beachtetes Ding sei, das nicht das Gesetz, sondern die eigene Kraft schützen müsse. Unter banger Besorgniss, auch dort, wohin er ging, Schlimmes zu finden, nahete er durch die Cypressen der Friedhöfe den mächtigen, aus den Schatten des Abends sich erhebenden Ruinen.
Fussnoten
1 Besika-Bai. 2 Der türkische Gouverneur einer Stadt. 3 Die Landwehr.
Die Doppelgänger.
In den glänzenden Salons der Fürsten L i e v e n , dieses weiblichen Talleirand's der letzten Jahre, in der Strasse Saint Florentin 2, bewegte sich die glänzende Versammlung in jener ungenirten Weise, der höchsten Circles von Paris. Es war der Abend allgemeinen Empfangs, und was die Weltstadt an Notabilitäten der Administration und Diplomatie, der Kunst, der Wissenschaft und der Börse, so wie von Fremden bot, begegnete sich auf diesen Parkets mit den Lions und Lionnes der Mode. Die Salons der Fürstin hatten in dieser Zeit ihre wichtige politische Bedeutung; denn alle Parteien fühlten sich hier gewissermassen auf neutralem feld, und bei der immer ernster sich gestaltenden Spannung zwischen den Höfen von Frankreich, England und Russland bot sich hier eine gelegenheit zu Besprechungen und Verhandlungen, die weniger für den offiziellen diplomatischen Verkehr geeignet, doch oft tief einschneidend und von weitin tragender Wichtigkeit waren. Die Fürstin, ganz geschaffen für die politische Intrigue, wusste mit dem ihr eigenen Tact die feindlichen Parteien zu beschäftigen und aus all' dem bunten und wechselnden Verkehr ihre Vorteile zu ziehen.
Jeder Fremde von durch Geburt, Rang, Reichtum oder Ruf ausgezeichneter Lebensstellung, der zu jener Zeit in Paris war, weiss, dass zugleich diese Soireen die reichhaltigsten und angenehmsten an geselligen Vergnügungen waren, die man finden konnte, und dass neben der politischen Intrigue hier manches geheimnissvolle und interessante Band der Herzen sich knüpfte, manches Rendezvous hinter dem rücken des im Nebenzimmer verkehrenden Gatten oder der wachsamen Familie gegeben wurde. Bei den in dieser Beziehung ohnehin laxen Sitten und Begriffen der pariser Gesellschaft, die nur auf gewisse äussere gesetz der Schicklichkeit basirt ist, sind die Versammlungen der vornehmen Kreise oft der Kuppler für Verbindungen und Speculationen jeder Art.
In einem mit grünem Damast ausgeschlagenen, nur durch die erhobene Portiere von diesem getrennten Nebencabinet des grossen Salons, in dem getanzt wurde, sassen auf einer üppigen Causeuse zwei Männer. Der Eine von ihnen, einige Jahre älter als der Andere und etwa sechs- bis achtundzwanzig zählend, trug die prächtig-phantasische Uniform eines Capitains der Garde-Zuaven, jenes Elitecorps aus den gewandtesten und verwegensten Kriegern Algeriens. Sein Gesicht war das männlich-schöne, mutige eines ächten französischen Soldaten mit Zügen, die jene Aristokratie der Geburt zeigen, welche Namen und Wappen nur bestätigen, nicht verleihen können. Auf der breiten Brust mit der silbergestickten blauen Jade prangte das Ritterkreuz der Ehrenlegion, von dem Janin unter Louis Philipp einst schrieb: Il est une honte, de l'avoir et de ne l'avoir, das seitdem aber wieder neue Würde gewonnen. Neben ihm, mit dem Lorgnon vor dem Auge, sass einer jener hocharistokratischen Flaneurs in den Modecirkeln von Paris, denen ihr vornehmer Name und ihre elegante Toilette trotz ihrer ruinirten Verhältnisse überall Eintritt verschafft, ja die mit einer scharfen und witzigen Zunge begabt, als Chronik des Tages überall willkommen oder gefürchtet sind. Am Spieltisch eben so zu haus wie im Boudoir der Damen, an der Tafel des Ministers wie in den galanten Soireen der demi mond leben diese Männer ein rechenschaftsloses Leben des Genusses, das entweder an einem Degenstich im Gehölz von Boulogne oder an einer Pistolenkugel endet, die falsche Wechsel und den Arrestbrief des Gläubigers quittirt. Zuweilen auch, denn mit dem alten Namen voll legitimistischer Bedeutung verbindet sich oft Talent, Geist und Herz, reisst ein unerwarteter Schlag sie aus diesem Leben luxuriösen Müssigganges und wirft sie in eine Bahn, wo alle Eigenschaften des glänzenden französischen Geistes sich ehrenvoll entwickeln.
A l f r e d d e S a z é , einer der Modekönige des Tages, gehörte zu den Leuten, denen es nicht an diesen höheren und besseren Eigenschaften fehlte, die aber nur wie Lichtblicke auftauschen aus dem tödtenden Firniss seiner modernen Erziehung.
Am anderen Ende der Causeuse, auf einen Sessel gestützt, lehnte ein noch sehr junger Mann in russischer Uniform, dessen eigentümlicher, wunderschön geformter Kopf sofort auffiel, während sein Auge unruhig und zerstreut umherschweifte und er nur hin und wieder auf die pikanten Plaudereien seines Nachbars zu hören schien. Braunes