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dass er aufgeweckten und scharfen Verstandes war und sich auch hierin von seiner Nation vorteilhaft auszeichnete, die gewöhnlich die grösste geistige Stumpfheit zeigt.

Auch bei Caraiskakis blieb Welland ungewiss, ob dieser durch den Baron Etwas von seinen schauerlichen Abenteuern der vergangenen Nacht wisse. Der Grieche deutete mit keiner Sylbe darauf hin und erwähnte nur, dass ihm die Benachrichtigung des baron, Welland werde sofort nach dem Kriegsschauplatz aufbrechen, sehr willkommen gewesen sei.

Sie waren bereits über die Bai von KütschükTschekmedsche gesetzt und nicht weit von Kumburgas, als sie unfern von einigen Fischerhütten am Meer halten mussten, um die Fähre abzuwarten, die sie über die zweite Buchtung führen sollte. Da dieselbe noch am anderen Ufer war, machte Welland den Vorschlag, zu den Wohnungen zu reiten und dort die Rückkunft abzuwarten, zugleich um zu versuchen, wasser für sich und die Pferde zu erhalten.

Als sie den Hütten nahten, kamen einige türkische Frauen und Kinder heraus, und eine derselben brachte auf die Bitte einen Krug mit wasser den abgestiegenen Reisenden. Dabei betrachtete sie aufmerksam den Deutschen, der sich durch seine fränkische Kleidung vor den Uebrigen auszeichnete. Die Türken scheinen den Glauben zu hegen, jeder Franke ohne Unterschied müsse ein Hekim-Baschi, das heisst ein Arzt, sein, und da sie im Ganzen zu den fränkischen Aerzten weit mehr Zutrauen haben, als zu ihren eigenen, ergreifen sie im inneren des Landes jede gelegenheit, von dem europäischen Reisenden Hilfe für ein oder das andere Uebel zu verlangen.

Ein solches Anliegen schien auch die Frau, unterstützt von ihren Gefährtinnen, die sich um die Gruppe versammelten, zu haben, denn sie sprach eifrig auf Welland ein, der endlich seinen Freund zu Hilfe rief. Dieser verdolmetschte ihm das Anliegen der Frau dahin, dass in ihrem haus ein Kranker liege, der von Räubern überfallen, verwundet und dann in's wasser geworfen worden sei, wo ihn durch Zufall ihr zum Fischen dahin, gekommener Mann gefunden und gerettet habe.

Welland war sogleich bereit, seine Kunst anzuwenden, und indem er Nursah befahl, ein bezeichnetes Kistchen aus dem Gepäck ihm nachzubringen, folgte er den Frauen in das Haus.

Hier, auf einem dürftigen Lager, hatte die Menschenfreundlichkeit der armen Moslems J u s s u f , den Courier der unglücklichen Mariam, gebettet; denn dieser war es, den vor acht Tagen die Fischer, in der Küstenbucht ihre Hafen aufstellend, auf den Steinen am Ufer der tiefen Schlucht gefunden hatten.

Die Kugel des corsischen Mörders hatte den Schwarzen in der linken Seite getroffen, war aber durch den dicken Shawl des Gürtels geschwächt worden und hatte glücklicher Weise kein edleres Gefäss verletzt. Nur der Schmerz und die Betäubung warfen ihn zu Boden, und selbst der schreckliche Sturz von der Höhe des Felsens in's wasser hatte neben mehreren geringeren Contusionen nur einen Bruch des linken Arms zur Folge gehabt. Die Kühle der Wellen hatte zugleich die betäubte Lebenskraft wieder aufgeregt und die Blutung gestillt; so gelang es ihm, das Ufer zu erreichen, und hier, halb im kühlen wasser hängend, liegen zu bleiben, bis gegen Abend der Zufall die Fischer herbeiführte.

Das Alles wusste Doctor Welland freilich nicht, aber es bedurfte dessen auch nicht, um seine Teilnahme für den Leidenden zu erregen, und nachdem er sich von der Beschaffenheit seiner Verletzungen überzeugt, war er eben bemüht, mit der Sonde die Kugel zu suchen, als hinter ihm ein geller Schrei erklang und der Knabe Nursah, das Gerät des Herrn zu Boden werfend, auf den Verwundeten zustürzte und ihn stürmisch umschlang. Ausrufungen, zärtliche Worte, Liebkosungen und rascher Austausch des Erfahrenen in fremder, allen Anwesenden unverständlicher Sprache wechselten im Fluge, und erst auf sein wiederholtes fragen und nachdem Nursah dem Kranken noch Vieles zugesprochen, erfuhr Welland, dass die Beiden Geschwister seien, durch den Zufall kürzlich getrennt, so wie das Schicksal, das Jussuf, den Tataren, betroffen hatte.

Der Knabe Nursah hatte bereits in dem Arzt ein so lebhaftes Interesse erregt, dass er sich mit doppeltem Eifer des Kranken annahm. Während er den gebrochenen Arm so gut, als es die Umstände erlaubten, schiente und verband, die Kugel aus der Seite glücklich herauszog und einen Verband auf die eiternde Wunde legte, war Nursah mit tausend Hilfsleistungen tätig und schien dabei eben so eifrig für seinen Herrn, wie für den leidenden Bruder.

Indess Caraiskakis mit den Fährleuten verhandelte, machte Welland, so unangenehm es ihm auch war, dem Knaben den Vorschlag, zur Pflege seines Bruders hier zu bleiben und dann ihm nachzukommen, aber Nursahnach kurzem Nachdenken und einigen Worten mit seinem Bruder, und nachdem er von seinem Herrn gehört, dass Jussuf, wenn er sich ruhig verhalte, in höchstens drei Wochen das Lager wieder verlassen würde, – weigerte sich entschieden, zurückzubleiben.

Der Führer der Pferde drängte zur Abreise. So schied denn Welland von dem Kranken, nachdem er dessen Wirten einige Anweisungen für seine Pflege gegeben und ihm selbst eine kleine Geldsumme zurückgelassen hatte, zu der auch Caraiskakis eine reichliche Gabe fügte. Noch ehe sie die Fähre erreichten, kam Nursah, der bei dem Bruder zurückgeblieben, ihnen nachgesprengt und küsste mit leidenschaftlichem Dank die Hand seines Herrn.

drei Stunden nachher waren sie in Silivria, dem ersten Haltepunkt auf der grossen Strasse nach Adrianopel und Schumla.

Fussnoten

1 Stellvertreter des Pascha's. 2 Schreiber eines Pascha's. 3 Klephte ist die Benennung der freien griechischen Parteigänger, oder eben so richtig Wegelagerer. 4 Oberrichter.