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Abreise, – das Wie? erlassen Sie mirund habe alle Vorbereitungen für Sie getroffen. Die Pferde bis zur ersten Station sind bestellt und ich kann Ihnen die gewiss angenehme Nachricht mitteilen, dass Ihr Freund Caraiskakis bereit ist, Sie zur Stelle zu begleiten."

Welland war befangen von dem Unerwarteten, dessen willenloses Spiel er schien. Er sann vergeblich auf Aufklärung, auf einen Entschluss.

"Wenn Sie Geld brauchen, meine Börse steht Ihnen mit jeder Summe zu Diensten," sagte Herr von Montmarquet. "Doch scheint mir ein solches Anerbieten fast unbescheiden bei einem Mann, der solche Kostbarkeiten besitzt und sie achtlos umher liegen lässt."

Er wies auf den Ring, den Welland von der sterbenden Odaliske empfangen und den er bei der Rückkehr auf den Tisch geworfen, ohne ihn zu beachten. Der Baron nahm ihn auf und liess das Feuer des grossen Solitairs in der Sonne blitzen.

"Der Stein ist unter Brüdern mindestens seine zweitausend Imperials wert, jeder Jude im Bazar würde sie auf der Stelle zahlen. Ach habe lange keinen schöneren Diamanten gesehen, und selbst die antike Fassung hat bedeutenden Wert. Wollen Sie den Ring verkaufen?"

Der Deutsche verneinte befangen.

"Wohl! so rate ich Ihnen wenigstens, ihn s o r g f ä l t i g e r aufzubewahren und w e n i g e r zu zeigen. Der Padischah dürfte n i c h t v i e l e solcher Ringe in seinem Schatz haben! – Doch um auf etwas Anderes zu kommen; Sie haben noch keinen Diener und werden doch eines solchen bedürfen. Wollen Sie mir erlauben, dafür zu sorgen?"

"Sie würden Ihre Freundlichkeit damit noch erhöhen. Ich bin ausser stand, irgend Etwas zu bestellen und weiss kaum, wie ich meine Sachen in der kurzen Frist ordnen soll."

"Wohl, ich übernehme die Besorgung und werde einen passenden jungen Schwarzen, der etwas italienisch versteht und geläufig türkisch spricht, Ihnen zuführen. Aber es kann erst am Tor von Edrene geschehen. Jetzt, Doctor, packen Sie Ihren Mantelsack und arrangiren Sie sich mit Ihrer Wirtin. In zwei Stunden wird Ihr Freund mit den Pferden und dem Führer bereit sein. Ich selbst erwarte Sie, wie gesagt, am Tor. Nochmals, lieber Freund, den Rat und die Warnung: es ist am besten für Sie, wenn Niemand, mit dem Sie etwa hier in Verbindung gestanden, vorerst erfährt, w o er Sie zu suchen hat."

Er nahm seinen Hut und entfernte sich eilig. Welland, von all den Eindrücken betäubt, musste seine ganze Willenskraft zusammen nehmen, um sich eilig mit der Ordnung seines Gepäcks zu beschäftigen, da er, ohne eine Lösung für die ihn bedrängenden Rätsel zu haben, doch einsah, dass der Rat des baron bedeutungsvoll war und nicht unbeachtet bleiben durfte.

Zwei Stunden nachher trat Caraiskakis, zur Reise gerüstet, in sein Zimmer, um ihn abzuholen. Auf die Anweisung des baron hatte er die Pferde mit Mauro nach Stambul über die brücke vorausgeschickt und nur einen Hamal7 mitgebracht, das Gepäck des Freundes bis dahin zu transportiren, um so durch die Abreise kein aufsehen zu machen. Auch wechselten in dieser Zeit in den Pensionen und Gastäusern Constantinopels die Kommenden und Gehenden so unaufhörlich, dass der Einzelne unbeachtet blieb, wenn er sich nicht selbst bemerklich machte. Welland mit seiner geringen Habe war bereit, und ehe eine halbe Stunde vergangen, fanden sie auf dem Platz vor der Moschee Walide Mauro mit den Pferden. Bald war der Weg durch die Stadt, am alten Serail, der Suleimania und der Moschee Mahmud's vorüber, zurückgelegt und Edrene Kapussi erreicht. Hier am Begräbnissplatz kam ihnen der Baron mit einem jungen schlanken Mohren, wohl beritten und bewaffnet und mit einem Felleisen versehen, entgegen, in dem sich nach der Mitteilung des baron noch verschiedene notwendige Artikel für seine Freunde befanden. Er empfahl dem Arzt, den schwarzen Knaben, den er ihm als Diener überlassen, freundlich und nachsichtig zu behandeln, da er von gutem Gemüt sei und ihm sicher mit Tätigkeit und Treue lohnen würde; so wie, wenn sich gelegenheit durch einen sichern Boten fände, ihm Nachricht von seiner Ankunft und seinem Wohlergehen zu geben, bis das Schicksal sie wieder zusammenführen werde.

So schieden sie.

Während die kleine Gesellschaft, jetzt aus fünf Reitern mit einem Packpferd bestehend, auf der Strasse nach Crevatis und Silivria dahin galoppirte, wenn man diesen kaum der Beschaffenheit unserer Feldwege damals gleichen Pfad eine Strasse nennen mag, hatte der Arzt gelegenheit, seinen neuen jungen Diener mehrfach zu beobachten. Derselbe hatte ihn mit einem tiefen demütigen Gruss am Tor empfangen und Welland bemerkte, wie seine grossen dunklen Augen oft, wenn er sich unbemerkt glaubte, mit lebhaftem Ausdruck auf ihm hafteten. Es war ein schlanker junger Bursche von ausgebildeten, etwas weichen Formen und einem für einen Schwarzen auffallend edel und wohl gebildeten Gesicht, dessen Züge ihm sogar etwas Bekanntes, Gesehenes hatten, ohne dass er sich jedoch zu erinnern wusste, wie und wo.

Er rief ihn an seine Seite und redete ihn italienisch an, was der Knabe ziemlich gut zu verstehen schien, wenn er sich auch erst dürftig in der Sprache selbst auszudrücken vermochte. Auffallend war es Welland, dass der Schwarze so wenig das heitere sorglose Wesen seines Volkes zeigte, vielmehr eine Art Schwermut und Kummer; doch bemerkte er zugleich aus allen Antworten des Knaben, der sich N u r s a h nannte,