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strömten über seine Lippen die Gebete der Kindheit.

Wie lange hatte er nicht gebetet, wie lange hatte der Dämon des Zweifels und der stolzen Freigeisterei seinen Sinn in Fesseln geschlagen, ärger als der krasseste Aberglaube! O, wie wohl tat es ihm jetzt, glauben und beten zu können so recht aus vollem Herzensgrunde für ein vergehendes Leben, am Sterbelager der fremden Odaliske.

Er sah, wie über ihr Antlitz die Schatten des Todes bleicher und bleicher zogen, – er sah das ersterbende Auge sich umfloren mit den ewigen Geheimnissen des Jenseits. Mit einer letzten Anstrengung hob sie die unverletzte Hand gegen ihn empor, streifte einen Ring von ihrem Finger und presste ihn krampfhaft in die seineneine Gabe der Erinnerung. Er fühlte den Puls des Lebens schwächer und schwächer sich verlierenimmer weiter zum Herzen hinund faltete seine hände über den ihren. Dann hob sich die Brust noch ein Mal hoch, über die Lippen quoll im Todesseufzer der Name Abdul, des Grossherrn Name, der im Arm einer andern Odaliske ruhte, und das schwarze Auge verging glasig und kalt in der Erstarrung des Todes.

Mariam hatte geendet!

Lange noch betete der fremde Arzt an ihrem Lager; dann bedeckte er das Gesicht der toten mit dem Teppich und schritt ruhig und entschlossen, um das eigene Schicksal unbekümmert, nach der Tür. Auf sein klopfen öffnete der Wache haltende Eunuch und vom Divan taumelte ihm sein vornehmer Führer entgegen.

"Was bringen Sie uns für Nachricht?"

"Sehen Sie selbst Ihr Werk, mein Herr. Die Dulderin da drinnen hat ein Höherer, den Sie Allah, den wir Gott nennen, jeder weiteren Qual entzogen. Das Mädchen ist tot."

Der Minister trat bleich und erschrocken zurück.

"Inshallah! Es war Gottes Wille! Kommen Sie."

Er wandte sich mit leichtem Schauder von der Tür ab und winkte dem Arzt, ihm zu folgen. Mit der Ruhe des guten Gewissens, aber Verderben und verräterische Opferung in jedem Augenblick erwartend, folgte ihm Welland stumm durch das Vorgemach, von wo auf den Wink des Effendi zwei Schwarze ihnen voranschritten und sie durch mehrere Gänge und über Terrassen und Höfe geleiteten, bis der Deutsche sich in dem grossen ersten Hof des Serails wiederfand, in den von der Stadtseite der Pavillon oder die P f o r t e führt, von der das Reich den Namen hat, Tag und Nacht von fünfzig Kapidschi's bewacht. Hier blieb der Effendi stehen und reichte dem Arzt einen schweren Beutel.

"Nehmen Sie," sagte er, "und schweigen Sie wie das Grab, das Jene bedecken wird. Die Kapidschi's werden Sie bis zur brücke geleiten, – Allah behüte Sie."

Der Arzt wies mit einer ernsten Geberde das Geschenk zurück, um keinen Preis hätte er das Blutgeld angerührt. Dann eilte er rasch durch das Tor, die Begleitung der Kapidschi's von sich weisend, und in die noch belebten Strassen. Seine Gedanken waren unwillkürlich auf die Flucht der Mohrin gerichtet und ob sie gelungen.

Als er seine wohnung erreichte, war es nahe an Mitternacht.

Nach einer Nacht voll wilder Träume erwachte Welland ziemlich spät, und die schrecklichen Erinnerungen, die seine Seele belasteten, mit Gewalt von sich schüttelnd, machte er sich eben bereit, auszugehen und seinen Freund aufzusuchen, als Baron Oelsner bei ihm eintrat. Derselbe schien etwas echauffirt, suchte aber einen scherzenden Ton anzustimmen.

"Was lange währt, wird gut, Doctor," sagte er lustig; "ich bringe gute Nachrichten, eben komme ich aus dem Seraskiat und habe diese Depesche für Sie mitgenommen." – Er warf dieselbe auf den Tisch. – "Raten Sie, wohin Ihre Bestimmung lautet?"

Welland griff hastig danach.

"Man liess mich hoffen nach dem Hauptquartier?"

"Falsch geraten. Sie sind zum Oberarzt in Silistria bestimmt, und ich freue mich, dassich darf es sagenmeine Bemühungen für die Realisation Ihrer Wünsche nicht ohne Einfluss gewesen sind."

Der Doctor hatte während dessen die Depesche geöffnet und fand darin die erwähnte Ernennung mit der Ordre, sich alsbald nach seinem Bestimmungsort zu begeben, und dem Bujurulteh für die Stationen der Reise.

"Sind Sie aber auch bereit, noch heute und zwar so bald als möglich aufzubrechen?"

Welland schaute ihn gross an.

"Davon ist Nichts in der Ordre erwähnt. Sie lautet bloss auf Schleunigst."

"Man sagte mir mündlich im Seraskiat, dass man erwarte, Sie noch heute abreisen zu sehen."

"Aber das ist nicht möglich, ich muss doch einige Vorbereitungen treffen; ich werde sogleich selbst nach dem Seraskiat gehen, um Urlaub auf zwei Tage zu erhalten."

Der Baron schien befangen und dann rasch einen Entschluss zu fassen. Nachdem ein blick auf die Tür ihn überzeugt hatte, dass sie unbelauscht waren, trat er vertraulich auf den Deutschen zu.

"Sollten Sie nicht vielleicht selbst wünschen," sagte er mit Beziehung, "sobald wie möglich Constantinopel den rücken zu wenden, um Erinnerungen und Nachforschungen zu entgehen? Zufällige Ereignisse, wenn sie auch der Schatten der Nacht birgt, können selbst den tapfersten und ehrenwertesten Mann zur Vorsicht mahnen."

Welland blickte ihn erstaunt anwie konnte er wissen

"Mein Rat ist," fuhr der Baron fort, "Sie sind binnen zwei Stunden unterwegs, und Sie wissen, ich meine es gut mit Ihnen. Ich erfuhr bereits heute Morgen die notwendigkeit Ihrer raschen