winken und auf den zerrissenen Vorhang zur Seite nach dem Nebengemach zu deuten.
Er sah, wie die Leidende sich anstrengte, zu sprechen, und beugte den Kopf an ihre blassen Lippen. Er hörte endlich, wie diese in französischer Sprache flüsterten: "Rettung! – dort!"
War denn noch ein unglückliches Wesen in der Nähe, das seiner Hilfe bedurfte?
Er zog rasch sein Taschenfeuerzeug hervor, zündete das Endchen Wachslicht an und stieg über das Lager hinweg in das Gemach, in dem er so eben die furchtbare Scene miterlebt hatte.
Unfern von seinem Sitz, an den Polstern des Divans, regte und bewegte sich ein dunkler Knäuel, – er hob den bedeckenden Teppich hinweg, – ein schwarzes Weib lag dort am Boden, zusammengeschnürt gleich einem leblosen Bündel, den Knebel im mund.
Ihre grossen Augen starrten ihn an mit unbeschreiblichem Ausdruck!
Mit einigen raschen Schnitten seiner Lanzette hatte er die Bande gelöst und die Mohrin sprang elastisch mit der Schnellkraft der Jugend empor und stürzte sich dann, wie eine Tigerin auf ihr gefährdetes Junge, auf die bleiche Gestalt der Gepeinigten.
Kaum vermochte Welland, rasch hinzuspringend, sie davon abzuhalten, sich auf die Leidende zu werfen, und zugleich das Jammergeschrei zu ersticken, das auf ihren Lippen schwebte und das unfehlbar die Würger auf's Neue herbeigerufen hätte.
Mit Zeichen machte er ihr die Gefahr, die sie bedrohte, so gut als möglich begreiflich. Sie verstand, – sie hatte das Leiden der Gebieterin ja wenigstens mit dem Sinn des Gehörs mitempfunden, – einem Ballen gleich zur Seite geworfen, um, wenn das Schicksal der Herrin entschieden war, wahrscheinlich als unnütze und gefährliche Last in den Fluten des Bosporus begraben zu werden.
Es war eine herzzerreissende Scene für den Arzt, als sich die Schwarze mit all' dem leidenschaftlichen Wahnsinn des Volkes heisser Zone bald am Schmerzenslager der Herrin das Haar raufte, bald sich vor ihm niederwarf, die hände zu ihm emporgestreckt, wie um Rettung flehend für die Sterbende.
Und das Alles ohne laut, – stumm, still, – aller Schmerz, alle Angst und Pein in die leidenschaftlichen Geberden zusammengepresst!
Jeder allzu hörbare laut wäre Tod gewesen, – selbst die Gemarterte schien dies zu empfinden und zu fürchten.
Ihre Augen suchten wieder den Arzt und riefen ihn herbei.
"Bei dem Kreuz des Erlösers, an das ich glaube wie Du, Fremdling, beschwöre ich Dich, rette das Mädchen hier; der Mund einer Sterbenden muss durch sie eine Botschaft senden, die mit meinem Leben erkauft ist."
Welland starrte sie an, – wie sollte er helfen, befreien, hier, in den Mauern des Serails, unter den Augen von hundert Wächtern? – er blickte ratlos umher.
"Dort – dort – das Fenster nach dem Meer!" – ihr Auge deutete nach dem Seitengemach; – zum dritten Male betrat es der Arzt und schaute prüfend und vorsichtig umher. An der entgegengesetzten Wand befand sich der Kiosk, Fenster ringsum, mit dichten Jalousieen geschlossen. Es gelang ihm, eine zu öffnen, durch das vergoldete Holzgitter schaute er hinaus, dicht unter ihm lag das Meer, der Pavillon reichte bis nahe an die Mauer, die das Serail und seine Gärten auch von der Seeseite einschliesst.
Er strengte alle seine Kräfte mit aller Vorsicht an und es gelang ihm, einen teil des Gitters ohne merkliches Geräusch mit seinem Dolchmesser herauszubrechen; – als er den Kopf aus der Oeffnung streckte, bemerkte er zu seiner Freude, dass eine Flucht wenigstens in die öden Gärten möglich war, denn wilde Weinreben schlangen sich um die Bogen und Pfeiler, die den abgelegenen Pavillon trugen, fast bis über die Fenster hinauf.
Als er zurückkehrte an das Schmerzenslager Mariam's, sah er die Mohrin neben der Herrin knieen, das Ohr auf ihre bleichen Lippen geneigt, die leise dringende Worte zu ihr zu sprechen schienen. Aber die Schwarze schüttelte heftig den Kopf, gleich als verweigere sie, um was die Herrin sie flehte. Da rötete sich deren blasses Gesicht, das ersterbende Auge schien in Drohung zu funkeln, zwischen den Brauen faltete sich die Stirn und die keuchende Brust sandte harte, heftige Worte, dem Arzt unverständlich, wie die ganze Unterredung, über die zuckenden Lippen.
Die Sclavin beugte das Haupt, grosse Tränen rollten aus ihren Augen und sie faltete im stummen Gehorsam die hände über die Brust. Als nun Welland herantrat und leise verkündete, dass der Weg zum Versuch der Flucht geöffnet sei, stürzte die Schwarze nochmals am Lager ihrer Herrin nieder und bedeckte ihren Leib und ihr Antlitz mit Küssen. Dann – die hände noch ein Mal flehend gegen den Arzt ausstrekkend und auf die Kranke deutend, verschwand sie in dem dunklen Gemach. Welland sah sie einer Schlange gleich durch die Oeffnung des Fensters schlüpfen und verschwinden.
Atemlos horchte er auf jedes Geräusch, – nur der Schlag seines eigenen Herzens ängstigte ihn, – die Flucht schien gelungen!
Als er, um den Verdacht so lange wie möglich aufzuhalten, den Teppich des Vorhanges wieder möglichst geschlossen und zurück sah auf die Kranke, schien eine tiefe verklärende Freude sich über ihr Gesicht ergossen zu haben.
Ihr Mund flehte leise zu ihm auf: Beten! Der Mann, der seit Kurzem Gefahr und Tod in krassen Zügen um sich gesehen, der der blutigen Bestimmung des Krieges entgegen ging, sank an dem Lager des misshandelten sterbenden Mädchens, – das er zum ersten Male im Leben sah, – in die Knie, und leise murmelnd