1855_Goedsche_156_284.txt

, den Knebel der Leidenden erst wieder einzuzwängen. Ein Nerven und Mark erschütternder Ton wie von zermalmenden Knochenzugleich ein herzzerreissender, wilder Schrei, ein zweiterWelland liess wie wahnsinnig die Klingel ertönen, aber die gellende stimme eines Befehls fuhr dazwischen und Schrei auf Schrei erscholl fort in ersterbendem Jammer.

Mit beiden Händen hatte der Deutsche die Vorhän

ge gefasst und riss die befestigten gewaltsam auseinander: das schreckliche Schauspiel bot sich jetzt seinen zornfunkelnden Blicken dar.

Auf einem Ruhebett dicht an seiner Seite, lang aus

gestreckt und befestigt, lag die nackende, kaum über den Hüften mit einem Tuch bedeckte Gestalt einer jungen, selbst in der Entstellung des Schmerzenskampfes noch reizenden Frau. Aschblonde, wild umherfallende Haare umgaben das blasse Gesicht, aus dem die schwarzem halbgebrochenen Augen auf ihn emporstarrten.

Wer sie gesehen, die junge, reizende Odaliske, als

sie vor wenig Abenden noch an der Brust des Grossherrn ruhte, Liebe spendend und empfangend – M a r i a m , die Beneidete des Harems, die Gebieterin des Gebieters in drei Weltteilenwer hätte ahnen mögen das schreckliche Schicksal, das ihr der finster schleichende Hass bereitete!

Die Anklage auf den gefundenen Brief hatte ihr Ziel nicht verfehlt, der Grossherr hatte die Geliebte aus seiner Nähe verbannt.

Aber ahnte er wohl, während er im selben Augenblick vielleicht in den Armen Nausika's, der verlokkenden Tochter des Rächers von Chios, schwelgte, ahnte er wohl, wie verstümmelt der süsse Leib, der sein Lager geteilt, in den Zuckungen grausamer Schmerzen sich wand?

Nimmermehr!

Ein blick genügte dem Arzt, die furchtbare Marter zu ermessen, die das zarte Weib mit Heldenmut ertragen hatte. Von den halb verkohlten Fusssohlen stieg noch der widrige Geruch empor, die Mitte der Brust zeigte ein tiefes Brandmal, in dem noch die dunkle Asche der verglühten Kohle lag. Die zwei schwarzen HenkerStumme mit teuflisch grinsenden Mienen, die dem Winke ihres Meisters gehorchten, der in der Mitte des Gemachs an einem Tandur die Eisenzange glühte, von schrecklichen Instrumenten umgeben, – an der Seite der Unglücklichen stehend, waren eben mit jener einfach höllischen Maschinerie beschäftigt, dem Knebel, der zwischen Holzstücken die Gelenke der Glieder zermalmt. Auf dem Divan gegenüber, Furien, der Hölle entstiegen, sassen in ihre Yaschmaks verhüllt, zwei reichgekleidete türkische Frauen, in den Augen grausamen teuflischen Triumph; in kurzer Entfernung von ihnen mit finsterm bleichem Gesicht, wie einer furchtbaren notwendigkeit gehorchend, der türkische Würdenträger, die Feder, in der Hand, das Papier vor sich auf dem Schoos, um die Geständnisse der Unglücklichen aufzuzeichnen.

Mit einem Sprung war der deutsche Arzt über das Schmerzenslager der Gemarterten hinweg, und schleuderte die schwarzen Henkersknechte zur Seite. Sein flammender blick scheuchte den Tschannador zurück, der nach dem Handjar im Gürtel griff.

"Mörder, blutdürstige Mörder, die Ihr seid! – Seht Ihr nicht, dass diese Frau stirbt in den wahnsinnigen Martern, die Ihr derselben bereitet?"

"Nieder mit dem Gjaur! schlagt ihn zu Boden!" schrie die Eine der Frauen den drei Verschnittenen zu, doch der Effendi warf sich zwischen sie und vor den Arzt.

"Haltet ein, Sultana! Dieser Ungläubige wird das Weib vom tod retten, und Du weisst, dass dies notwendig ist. Ihr Tod könnte uns doppeltes Verderben bereiten."

Sein Befehl wies die Henker aus dem Gemach, nach einigem Widerreden fügten sich auch die Frauen, ihnen zu folgen, während Welland bereits mit der Unglücklichen, Bewusstlosen beschäftigt war und sie zum Leben zurückzurufen suchte. Zum Glück hatte er eine jener kleinen tragbaren Apoteken bei sich, welche die ärzte auf Reisen mit sich zu führen pflegen; ein flüchtiges Salz regte die Lebensgeister der Gemarterten wieder auf, und er versuchte alsbald einen Verband auf ihre Wunden zu legen.

Seine Erfahrung belehrte ihn jedoch bald, dass das Leben des armen Wesens in höchster Gefahr schwebte und ihre Kraft immer mehr ermattete. Um ihr wenigstens Ruhe zu sichern, bedeutete er energisch den Effendi, welcher besorgt an dem Lager stand, die Kranke müsse wenigstens einige Stunden ungestörte Ruhe haben und er selbst werde bei der auf's Aeusserste Gefährdeten wachen. Nach einigem Zögern fügte sich der Staatsbeamte mit der Erklärung, er wolle im Vorzimmer bleiben.

Der Vorhang der Tür fiel hinter ihm, Welland befand sich mit dem Opfer grausamer Verfolgung jetzt allein.

Er betrachtete wehmütig, schmerzlich das schöne blasse Gesicht mit den in Letargie geschlossenen Augen, auf das der Todesengel bereits seine grauen Schatten zu verbreiten begann. Die Wunden und Verletzungen, die das Mädchen empfangen, waren allerdings nicht absolut tödtlich, aber ihr ganzer innerer Organismus schien so verletzt, so zerrissen, dass er den Leiden schwerlich zu widerstehen vermochte.

Was konnte dies junge schöne Wesen getan haben, das eine so grausame Strafe nötig machte? was konnte das schwache Mädchen mit den Geheimnissen wichtiger Reiche zu tun haben?

Er hatte sie mit einem Teppich bedeckt und sass im schmerzlichen Nachdenken an ihrer Seite, ihren Puls in seiner Hand.

Da erklang wieder der stöhnende geheimnissvolle Seufzer, den er schon früher gehört und für das Echo des Schmerzenrufs der Dulderin gehalten hatte. Diesmal überzeugte er sich, dass er sich geirrt, dass der jammernde laut von einem andern Wesen kommen musste.

Sie schien ihn gleichfalls gehört zu haben, denn ihre Augen erschlossen sich, erst irrten sie starr umher, dann fielen sie mit dem Verständniss und dem Ausdruck des Dankes auf den Arzt, und einige Momente nachher schienen sie ihm zu