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Minister trat heraus, sein schönes Gesicht war bleich, das Auge funkelte zornig und der Mund war wie in festem Entschluss zusammengekniffen.

Ohne laut winkte er dem Arzt, ihm zu folgen.

Welland betrat ein zweites grosses Gemach, – fensterlos, nur von einer Lampe düster erhelltaber leerkein Bewohner zu sehen. Im Hintergrunde öffneten sich durch schwere Vorhänge geschlossen zwei Türen.

Zu der rechts führte ihn der Effendi und hob den Vorhang; das Gemach war dunkel, nur aus Spaltenöffnungen der einen Seitenwand schienen einzelne helle Lichtstrahlen hervorzubrechen. Als sein Auge sich an das Dunkel gewöhnt, sah er, dass sie durch die Oeffnungen eines Vorhanges kamen, der in dicken schweren Falten einen Eingang zum Nebengemach schloss.

Nach dieser Seite geleitete ihn der Moslem und deutete ihm an, sich auf den Divan niederzulassen. Dann hob er ein Tuch von einem Gegenstand, der unter den Falten des doppelten Vorhanges hervor auf den Divan gestreckt war, und bedeutete ihn, denselben zu fassen.

Der Arzt legte die Finger daraufes war eine warme Menschenhand, – die Weiche der Haut, die zarte, volle Form zeigte ihm eine Frauenhand, die in der seinen zuckte, offenbar jenseits des Vorhanges durch eine Einzwängung des Armes in dieser Lage festgehalten.

"Lassen Sie mich fort, Herr, das ist ein Weib, um keinen Preis der Welt mag ich Teilnehmer der Handlung sein, die sich hier vorbereitet."

Der Minister drückte ihn zurück auf den Sitz.

"Schweigen Sie, und tun Sie Ihre Pflicht," sagte er mit verhaltener dumpfer stimme, "oder Sie sind selbst das Opfer. Die Personen hinter jenem Vorhang sind nicht gewohnt, mit sich spielen zu lassen. Weib ober Mann, das Verbrechen ist dasselbe, eben so die Strafe. Hier ist die Klingel, mit der Sie ein Zeichen zu geben haben, wenn die äusserste Gefahr eintritt, – doch nur dann! – Sie wissen, was allein hier Rettung bringen kann."

Ehe Welland sich fassen, ehe er antworten konnte, war sein Führer verschwunden, er hörte das Gemach von Aussen durch einen Riegel verschliessen.

Wieder trat einige Augenblicke tiefe Stille ein, dann erklang durch die Falten des Vorhanges ein tiefer stöhnender Seufzer.

Er hatte die Hand der Unglücklichen gefasst, sie war weich und sanft und musste einem noch jungen, vielleicht so schönen Wesen angehören. Er drückte sie leise zum Zeichen, dass eine teilnehmende Seele in ihrer Nähe sei.

Der Seufzer schien ein Echo zu wecken; ihm war, als vernähme er ihn wiederhallen in dem dunklen Gemach, in dem er selbst sich befand, dicht neben sich.

Aber er hatte keine Zeit, darauf zu achten!

Ein leichter Kohlenrauch schien durch die Spalten des Vorhanges zu dringen und gleich darauf zuckte die Hand scharf in der seinen – – –

Die Marter hatte begonnen!

Ein brandiger Geruch wie von verkohlendem Fleisch zog durch die Luft, rascher und krampfhafter wurde das Zucken der Hand.

Er hörte im Nebengemach das Flüstern mehrerer Stimmen, dann eine lautere Frage, ein Stöhnen zur Antworter entnahm daraus, dass der Unglücklichen ein Knebel den Mund verschloss.

Sie musste durch ein Zeichen verweigert haben, Antwort zu geben, denn der Brandgeruch dauerte fort und verstärkte sich.

Kalter Schweiss perlte über die Stirn des Arztes, – zehn Mal wohl griff die Hand nach der Schelle, um das Halt gebietende Zeichen erschallen zu lassen, aber die Vernunft sagte ihm, dass es der Dulderin nur einen kurzen unnützen Verzug bringen werde.

Er liess die Hand los und begrub das Gesicht in die seinen.

Da störte ihn ein heiseres tückisches lachen, und ein tiefes jammerndes Wimmern folgtedem wiederum jenes seltsame Echo neben ihm zu antworten schien.

Er fasste rasch nach der Hand, sie war krampfhaft geschlossener fühlte, dass die Leidende in heroischem Trotz gegen die Martern kämpfte. Sein Finger suchte den Pulser schlug rasch und wogend, aber noch immer kräftig.

Ein wildes Kreischen der Wut schien eine verneinende Geberde der Leidenden zu erwidern, dann kam der herrische Befehl einer Weiberstimme. Er vernahm die seines Führers dazwischen sprechen, aber der Befehl wurde gleich heftig wiederholt.

Plötzlich fühlte er die Hand und den Arm, so weit er vor ihm lag, krampfhaft erbeben und ringen, wie als wollten sie sich gewaltsam befreienminutenlang dauerte diese schreckliche Bewegungeine grauenhafte, entsetzliche Tat schien auf Armeslänge von ihm vor sich zu gehen, und rasch fasste seine Hand die Klingel, um auf jede Gefahr hin der Marter ein Ende zu machen.

Da streckten sich der Arm und die Handdas wilde Ringen hörte auf, mehrere Personen schienen um die Gemarterte beschäftigt, die Frauenstimme sprudelte Verwünschungen aus, wie er nach einzelnen ihm bereits verständlichen Worten zu schliessen vermochte. Darunter hörte er wiederholt die Benennung: Moskaw. Eine zweite Frauenstimme mischte sich drein und zugleich die des Effendi, dann schwieg der Lärmen und eine schwache, selbst in ihren gebrochenen Tönen noch süsse stimme sagte einige Worte.

Wiederum fragte der Effendi dazwischen.

Die stimme sagte noch Einigesdann stockte sie und verstummte endlich ganz.

Die Frage wurde dringend wiederholt, auch die Weiberstimmen mengten sich hinein

Welland glaubte dazwischen, dicht neben seinem lauschenden Ohr ein lateinisches Gebet, – das Ave murmeln zu hören. Er spannte alle Nerven an, um zu hören, sich zu überzeugen

Todtenstille!

Zwei Worte, schneidend, befehlend, unterbrachen sie.

Diesmal schien der Henker es verschmäht zu haben