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es Zeit sei, und alle drei am Wassertor der Villa den harrenden Kaïk bestiegen, der sie mit der Strömung rasch nach dem goldenen Horn führte. Hier bogen die Ruderer auf einen Befehl des Herrn nach der Serailspitze, umfuhren dieselbe und landeten auf der Seeseite an einer Pforte, die aus der rings das Serail umgebenden Mauer zum wasser führt. Eine Wache stand an der Tür und öffnete dieselbe auf ein Loosungswort des Ministers zum Eintritt. Der General hielt seinen türkischen Freund hier zurück. "Ich glaube, Hoheit," sagte er mit einem gewissen Schauder, der Welland nicht entging, "es wird nicht nötig sein, dass ich das Seraï mit betrete. Mein Geschäft ist hier beendet, Doctor Welland wird seine Pflicht tun undgerade heraus, ich bin Soldat, aber weder Arzt nochMoslem. Das Resultat erfahre ich morgen aus Ihrem mund." Der türkische Staatsmann lächelte. "Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben, General," sagte er, "i c h h a b e d e n D o c t o r , und das ist vorläufig genug. Mein Kaïk steht Ihnen zur Disposition. Auf Wiedersehen morgen."

Er fasste Welland's Hand und zog ihn durch die Pforte.

Obschon die Erwartung der Scene, die kommen sollte, das Gemüt des Deutschen einnahm, konnte er doch nicht gleichgültig sein gegen die historischen Erinnerungen, die sich ihm bei dem seltsamen Eintritt in diesen geheimnissvollen Ort aufdrängten, den Europa noch immer mit einer gewissen Scheu betrachtet und dessen Namen es mit dem Begriff reizender und furchtbarer Geheimnisse verknüpft. Jetzt sind es freilich nur noch die Erinnerungen, welche diese Mauern mit dem Schleier aus Tausend und Einer Nacht, mit Glanz und Purpur, und Gold, mit all' der orientalischen Wunderpracht und den Schatten blutiger Historie umweben; – der Glanz des Trones, das geheimnis reizender Odalisken ist verschwunden, seit Mahmud seine Residenz aus diesen Mauern verlegt hat. Jetzt leben hier, von den Eunuchen und Kapidschi's6 bewacht, nur noch die abgedankten Kadinen und Odalisken des Harems des verstorbenen und gegenwärtigen Grossherrn, und in den weiten äussern Räumen und Gebäuden einige Würdenträger des Reichs mit ihrer eigenen und einem teil der Dienerschaft des Sultans. Dennoch ist das Seraï-Burnu auch jetzt noch nicht ohne seine tief umschleierten Geheimnisse, und bei Lebzeiten der Sultanin Valide, die hier ihren Wohnsitz hatte, spannen sich von hier aus gar oft die wichtigsten Fäden der geschichte des Reichs. –

Durch den rings die Gebäude umgebenden, mit hohen Cypressen und Platanen besetzten, sonst aber öden und wüsten Garten führte der Minister den Arzt nach dem gegenüber liegenden Eingang. Links zur Seite blieben die grossen Ställe des Sultans, die für 1000 Pferde Raum haben, rechts der Kiosk des Padischah, nach dem Bosporus hin, auf Bogen gebaut mit vergoldeten Kuppeln; in einiger Entfernung nach der Stadt zu liegt ein zweiter, die Aussicht auf den Hafen gewährend. In dem erstern hielten sich früher während des Tages gewöhnlich die Herrscher mit ihren Weibern und Stummen auf. Die Kais um das Serail sind mit Artillerie ohne Lafetten besetzt, die meisten Geschütze in der Höhe des Wassers. Bei den öffentlichen Festlichkeiten und das Ende des Ramazan verkündend donnert diese Artillerie, unter der sich die grosse Kanone befindet, durch welche nach der Sage Babylon gezwungen ward, sich an Sultan Murad zu ergeben. Ein anderer, von der Historie bewahrter Mörser befindet sich in der Ecke des ersten Hofesin ihm sollen die aufrührerischen Ulemas zu tod gestampft worden sein.

Das Seraï-Burnu wurde von Mahomed II. erbaut und bildet auf der Landspitze zwischen dem Horn und dem Marmorameer eine Art Dreieck, dessen längste Seite sich nach der Stadt hin erstreckt, nach welcher sich auch die Tore und Höfe des Zugangs befinden. Es ist ein Conglomerat von zu verschiedenen zeiten je nach der Laune der Sultane und Sultana's erbauten Gebäuden der verschiedensten Bestimmung, in deren inneren zum teil alte orientalische Pracht, das heisst Vergoldung und Stuckatur, eingelegte arbeiten in Gold und Azur, Marmorbecken, Bäder und Springbrunnen, die unbesorgt auch im ersten Stockwerk angebracht sind, noch vorhanden ist.

Die Eintretenden schienen erwartet zu sein, denn zwei Kapidschi's traten alsbald zu ihnen und gingen vor ihnen her bis zu einer zweiten, in die Gebäude sich öffnenden Tür, an der wieder zwei Schwarze die Wache hielten. Hier übernahm ein harrender Eunuch, in bunte schreiende Farben gekleidet, ihre Führung und geleitete sie durch einen kleinen Hof und verschiedene gewundene Gänge, in deren Richtung Welland ganz irre wurde, zu einem hell erleuchteten Divan-Hane, in der an den Wänden mehrere schwarze Sclaven standen, der Sprache und der Mannheit beraubte Geschöpfe, willenlose Werkzeuge der Willkür ihrer Gebieter.

Hier musste Welland auf einen Wink seines Begleiters sich niederlassen, während dieser durch einen Vorhang in das anstossende Gemach verschwand.

Alles war Schweigen um ihn her, – ein unheimliches Schweigen schon während des ganzen Ganges durch das weitläufige Gebäude. Das dauerte auch hier lange Zeit, bis er endlich eine leise flehende stimme in einiger Entfernung zu vernehmen glaubteschaudernd, denn er fühlte, seine Aufgabe begann jetzt.

Er lauschte, – doch nur einzelne Laute drangen zu ihm herüber, dazwischen klang es zuweilen wie eine scharfe, kräftige Frauenstimme, zuweilen auch glaubte er die seines Begleiters in einzelnen Worten zu vernehmen. Dann war wieder Alles still, – die menschlichen Bildsäulen um ihn her rührten sich nicht.

Plötzlich wurde der Vorhang gehoben und der