1855_Goedsche_156_280.txt

die Gewohnheiten seiner Nation. Nur zuweilen funkelte sein dunkles Auge, und in dem Strahl desselben schien ein unheimlich Leben zu kochen und zu walten.

Gleich ihm stumm und verschlossen zeigte sich auch der Knabe, Alles beobachtend was er hörte und sah, und fast nie von der Seite seines neuen Schützers weichend. Er schien bereits alle Gefühle und Neigungen des Kindesalters von sich geworfen zu haben.

Beide waren am Tage vorher mit dem Dampfschiff von Smyrna angekommen und hatten in einer der hintern Strassen von Pera Quartier gefunden. Gregor hatte gehofft, in den Kaffeehäusern am Campo eine Kunde von dem Doctor zu erhalten, da er, schon verhaftet, dessen letzte Nachricht in Dardanelli nicht mehr empfangen hatte. Auch ihn fesselte der schöne Abend im träumerischen Sinnen bis zur Mitternachtsstunde, und so war er zufällig auf dem Heimweg der Retter des Freundes geworden.

Mit Recht glaubte er in Constantinopel zunächst am sichersten die Spur des Briten Maubridge und seiner Schwester erforschen zu können, und wollte deshalb hier einige Zeit verweilen. Für Welland, der eine immer innigere Zuneigung zu dem Griechen empfand, war dies eine sehr willkommene Nachricht, und er versprach, ihn nach Kräften in seinem Forschen zu unterstützen.

In der Tat gelang es ihm auch, und zwar durch Baron Oelsner, welcher zufällig den Griechen bei ihm getroffen, schon in den nächsten Tagen zu erfahren, dass Sir Maubridge sich längere Zeit in Constantinopel aufgehalten hatte und dann nach Varna gegangen war, um das türkische Lager zu besuchen. Eine Gewissheit, ob er diesen Weg allein oder in Begleitung einer Dame gemacht, vermochten auch die reichen Hilfsquellen des baron nicht zu ermitteln, jede Spur von Diona schien verschwunden.

Dagegen bemerkte Welland mit Erstaunen, dass sich alsbald ein sehr vertrautes verhältnis zwischen dem Baron und seinem Freunde entsponnen hatte. Er traf wiederholt den Erstern in der wohnung Gregors und Beide in eifrigem Gespräch, das bei seinem erscheinen abgebrochen wurde. Auch machten sie häufig Gänge, zu welchen er nicht abgeholt wurde.

So waren mehrere Tage vergangen, als an einem Morgen ein Brief im Welland's wohnung abgegeben wurde, welcher ihn, mit dem geheimnissvollen Zeichen versehen, dem er zu gehorchen sich verpflichtet hatte, aufforderte, zu einer späten Stunde des Nachmittags an der Fontaine Mahmud's I. sich einzufinden.

Es ist dies ein Bauwerk, das Welland seiner eigentümlichen Schönheit und Arabesken-Architektur wegen schon oft bewundert hatte, ein viereckiges hohes Gebäude mit plattem, aber hervorragendem und von einem Geländer umgebenem Dach, dessen weisse Marmorwände von eingehauenen Devisen und Sprüchen aus dem Koran bedeckt sind. Der Bau erhebt sich mitten auf dem Markt von Tophana und spendet nach allen Seiten hin den umlagernden Menschen und Tieren köstliche erfrischende Labung. Der Deutsche hatte erst kurze Zeit hier geharrt, als er die hohe soldatische Gestalt des Mannes auf sich zukommen sah, den wir als Bewohner der Herberge im Maltesergässchen mit der Benennung "General" gefunden haben. Beide schienen bereits Bekannte und grüssten sich als solche, der Arzt mit einiger Befangenheit.

"Das ist schön, dass Sie pünktlich sind, Doctor," sagte der General, "nachdem ich Sie so lange ohne Nachricht gelassen. Indessen die Zeit ist da, wo Ihre Tätigkeit in vollen Anspruch genommen werden soll. Sie werden wissen, dass ein Courier bereits die Nachricht von dem Beginn des Angriffs an der Donau gebracht hat."

"Ich habe gehört davon."

"Ihr Gesuch um Anstellung beim Seraskiat ist unterstützt und ich hoffe, Sie werden eine Stelle unmittelbar im Gefolge des Muschirs erhalten. Vorerst aber sollen Sie uns hier einige Dienste leisten. Haben Sie Ihr Besteck bei sich?"

Der Arzt bejahte.

"So haben Sie die Güte, mich zu begleiten."

Der General führte ihn nach dem Ufer und mietete dort einen vierrudrigen Kaïk, der sie schnell über den Bosporus nach der asiatischen Seite trug, und auf Befehl des Generals an dieselbe Wassertreppe in Kandili, an welcher in der Nacht des 21. die Khanum Omer's zu der geheimnissvollen Unterredung gelandet war.

Die Diener führten Beide in ein Zimmer des Erdgeschosses und brachten Kaffee und Pfeifen; bald darauf verliess der General das Gemach und den Doctor darin allein. Nach kurzer Zeit kam ein Diener, der Welland zu folgen bat und ihn in ein mit europäischem Luxus eingerichtetes Zimmer des obern Stockwerks führte. Hier fand er den General wieder in Gesellschaft des Hausherrn, der ihn höflich sich zu setzen einlud.

Auf seinen Wink entfernte sich der Diener und die drei waren allein.

"Doctor," begann nach einer kurzen Pause der General, "ich habe Sie hierher gebracht, weil der Herr hier, einer unserer F r e u n d e , mich ersucht hat, ihm einen zuverlässigen europäischen Arzt zuzuführen, dem er bei einem traurigen Geschäft vertrauen kann. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, dass Ihr Eid Ihnen unbedingten Gehorsam auferlegt, und Sie wissen bereits, dass ich einer Derer bin, die ihn zu fordern haben. Aber ich teile Ihnen zugleich mit, dass von Ihrem Benehmen und Ihrer Willfährigkeit Ihre Zukunft und Ihre künftige Stellung in diesem land abhängen wird, die leicht Ihre kühnsten Hoffnungen und Wünsche übersteigen dürfte. Die Sache, um die es sich handelt, ist jedoch ernster natur undes werden starke Nerven erfordert, davor nicht kindisch zurückzubeben."

"Und was ist meine Aufgabe dabei?"

"Das werden Sie später erfahren. Vor allen Dingen handelt es sich um Ihr Schweigen und Ihre Bereitwilligkeit.