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auf den beiden Oesterreichern und Fumagalli gellte ein wildes lachen auf, indem er Bassisch auf die Schulter schlug und offen auf den Baron wies. "Per bacco amico, da haben wir unser Vöglein von vorgestern! Jetzt kann ich Revange nehmen!" – Die Offiziere hatten Besonnenheit genug, die offenbare Beleidigung nicht zu bemerken, und unterhielten sich leise, während die Angekommenen ringsum die Stühle besetzen, so dass kein Ausgang offen blieb, und Welland rasch zu dem in der Nähe befindlichen Wirt des Café's, Signor Paulo, trat und ihm einige Worte zuflüsterte.

"Bassa manelka!" fluchte Bassitsch. "Grogk hierher! Rasch!"

Der Arzt aber nahete sich der Gesellschaft und suchte durch ein geschicktes Manöver die Mitte zwischen den beiden Tischen zu decken.

"Zum Teufel, Doctor," schnob der ersichtlich schon angetrunkene Ungar, "gehen Sie mir da aus dem Wege, Sie geniren mich im Anblick der verfluchten Röcke, die wir an der Teiss und Donau manch liebes Mal geklopft haben. Ein Kossut! und der Teufel hole die deutschen Tyrannenknechte!"

Der Wirt, der das verlangte gebracht, war am Tische der beiden Marine-Offiziere vorübergegangen, und sich dort ein Geschäft machend, flüsterte er ihnen zu:

"Meine Herren, ich rate Ihnen dringend, sich zu entfernen, es ist hier nicht geheuer für Sie und ich stehe für Nichts."

Eine kurze und leise Beratung zwischen den jungen Leuten folgte, dann standen Beide rasch auf und versuchten fortzugehen. Welland hatte in diesem Augenblicke ihnen den rücken zugekehrt und war bemüht, Bassitsch, der ihm der Gefährlichste schien, zu beschäftigen. Er gewahrte deshalb nicht, wie das schwarze Auge des Italieners Fumagalli jeder Bewegung des Aspiranten folgte, gleich dem blick der Schlange, mit dem sie die ängstlichen Windungen ihres Opfers belauert. Fumagalli hielt den Fuss weit vorgestreckt, so dass er damit den Ausgang zwischen den Stühlen versperrte. Der Baron von Hackelberg war voran; obschon er die offenbare Herausforderung des Lombarden erkannte, hatte er Geistesgegenwart genug, seine Ruhe zu bewahren, fasste mit der Linken an die Mütze und sagte höflich:

"Signor, erlauben Sie, dass wir passiren!"

"Zur Hölle!" gellte die stimme des Lombarden, der wie ein Raubtier emporsprang und sich auf den Offizier warf. Einen hellen schlanken Blitz sahen die Umsitzenden zucken und sich zwei Mal in die linke Brust des jungen Mannes vergraben, dass die Mordfaust gegen die Uniform stiess. Der Baron taumelte, wie von dem Stoss ausser Haltung gebracht, zurück an das Geländer, dann fasste er es mit beiden Händen, stiess einen einzigen lauten, kreischenden Schrei aus und schwang sich mit krampfhaftem Sprung hinüber in's wasser, das ihn spurlos verschlang. Zugleich waren die umsitzenden Flüchtlinge, wie als hätten sie auf dies Mordsignal gewartet, aufgesprungen und stürzten sich mit ihren schweren Stöcken und Dolchen aus den Lieutenant von Auerhammer, ehe dieser noch im stand war, sein Seitengewehr zu ziehen. Mehrere Hiebe über den Kopf warfen ihn zu Boden, drei Dolchstösse verwundeten ihn, zum Glück nur leicht. Wie ein Rasender rang Bassitsch mit dem deutschen Arzt, der im Innersten empört um hülfe gegen die Mörder rief. Zu zweien Malen rang der Ungar die Rechte los und schoss jedes Mal ein Pistol gegen den schon am Boden liegenden Offizier ab, zu dessen Beistand jetzt einige Caffeegäste herbei geeilt waren, die mit erhobenen Stühlen und was zur Hand war, die wütenden Mörder zurücktrieben. Aber die Bemühungen Welland's machten den Schuss unsicher, und nur die zweite Kugel streifte leicht den Verwundeten.

"Zum Teufel mit Euch!" tobte Bassitsch; "Ihr seid auch ein deutscher Verräter, der unsre Feinde schützt!"

"Seid Ihr toll, Signor Dottore?" knirschte Fumagalli und riss den Arzt zurück. "Wer ein Freund der Freiheit ist, steht zu uns, nicht zu Jenen!"

Welland stiess ihn von sich. "Meuchelmörder! Wenn das Euer Kampf für die Freiheit ist, wünschte ich Euch nie gesehen zu haben. Fliehet, da es noch Zelt ist!"

In der Tat drängte eine immer grössere Menge herbei; die blutige Tat hatte das bessere Gefühl des Publikums wach gerufen und Drohungen gegen die Mörder liessen sich hören. Vor der Ueberzahl zogen sich diese zurück, und die blutigen Waffen schwingend, jubelnd über die grässliche Tat, zerstreuten sich auf der Marina, während Welland und zwei Smyrnaer Kaufleute den Verwundeten rasch in eine Barke trugen und hinaus in's Meer rudern liessen, um ihn so vor einem neuen Angriff zu retten. Hier auf der See verband der Arzt die Wunden des Offiziers und brachte ihn aus der Ohnmacht zum Leben zurück. Dankbar drückte der junge Mann ihm die Hand und wurde dann von den Kaufleuten zugleich mit der Kunde des Mordes nach dem Schiffe gebracht, indess Welland in einem anderen Nachen nach dem Ufer zurückkehrte. Dort hatten unterdessen die Nachsuchungen nach der Leiche des jungen baron von Hackelberg begonnen. Der österreichische General-Consul mit den Khawassen des Consulats und der gesamten bewaffneten Dienerschaft war herbeigeeilt, bald darauf traf ein Boot mit Marinesoldaten vom "Hussar" ein und die Nachforschungen nach dem Unglücklichen dauerten bis spät in die Nacht, aber erfolglos. Erst am anderen Mittag gelang es, seine Leiche zu finden. Sie lag genau auf demselben Fleck auf dem Meeresgründe, an welchem er sich im Todeskampfe in's wasser geworfen, mit den Händen fest an die Steine des Grundes geklammert.