1855_Goedsche_156_276.txt

In kurzer Zeit erschien der Kiaia-Bei1, bald darauf der Gouverneur selbst.

Bis dahin hatte Janos auf keine der an ihn gerichteten fragen geantwortet. Erst als Ismaël-Pascha, ein Moslem von strenger, achtung gebietender Haltung, erschien, fasste er die Hand eines seiner Begleiter und ging mit diesem auf den Pascha zu.

"Du hast diesem mann versprochen, den jungen Griechen, der von Dardanelli aus auf Verlangen des Inglis-Consul in Deine Haft gebracht worden, freizugeben und unbelästigt ziehen zu lassen, wenn Janos, der Kameeltreiber, in Deine Hand gegeben würde. Wohl! I c h b i n J a n o s und stelle mich selbst. An Dir ist es, Dein Wort zu halten."

Der Pascha strich sich den dunklen Bart, indem er aufmerksam den so eifrig von ihm Verfolgten anschaute. Dann sagte er ruhig: "Khosch dscheldin! – Ihr seid willkommen! – Dschidelim! Lass uns gehen!" und damit wandte er sich nach der Tür des Selamlik und schritt voran, gefolgt von Janos und seinen beiden gefährten.

In der grossen Halle des Konak, die zugleich zu den Gerichtssitzungen dient, nahm der Pascha Platz auf dem Divan und lud die Fremden ein, ein Gleiches zu tun, indem er sie fortwährend als seine Gäste behandelte. Auf seinen Befehl erschien alsbald der DivanEffendi2 und setzte eine Schrift auf, des Inhalts: "Nachdem Janos, genannt Katarchi, Räuber und Wegelagerer im Gebiet des Paschalik von Smyrna, Seiner Hoheit dem Gouverneur Ismaël-Pascha seinen Leib zur freien Verfügung angeboten, wenn der in Haft Seiner Hoheit wegen Teilnahme an räuberischem Ueberfall und Brandstiftung befindliche Gregor Caraiskakis jeder Strafe frei und ledig entlassen werde, hat Seine Hoheit der Pascha diesen Vorschlag angenommen und ist darüber dieser Vertrag geschrieben und unterzeichnet worden."

Der Räuber nickte, als die Schrift verlesen wurde, dann nahm er die von dem Schreiber ihm gebotene Feder und malte in rohen Zügen zwei sich kreuzende Messer darunter, als sein Zeichen, wobei er eine Abschrift verlangte, die der Gouverneur gleichfalls unterschrieb.

Von diesem Augenblicke an war Janos nach türkischer Sitte für drei Tage ein Gast in dem Konak des Pascha. Man brachte ihm alsbald Tschibuk und Kaffee und der Gouverneur unterhielt sich lange mit ihm über seine Taten und die Mittel und Wege, auf welchen er bisher allen Nachforschungen entgangen war. Der Räuber erzählte offenherzig und mit einem gewissen Stolz seine Handlungen, hütete sich jedoch sorgfältig, Namen zu nennen, durch welche seine Anhänger in der Stadt kompromittirt werden konnten. Er bat den Pascha, den Gefangenen Caraiskakis bis zur Beendigung seines eigenen Prozesses in Unwissenheit über das Geschehene und in Haft zu lassen, und im Fall im Laufe des Tages ein Knabe sich zeigen und nach ihm verlangen solle, auch auf diesen die Gastfreundschaft auszudehnen. –

Wie ein Lauffeuer durcheilte am Morgen die Kunde von der Tat des berühmten Räubers die Stadt. Das Volk sammelte sich vor dem Tor des Konaks, und eine Menge der vornehmsten und reichsten Griechen Smyrna's besuchten ungescheut ihren Helden in seinem Asyl, jammerten über seinen Entschluss und hielten lange Unterredungen mit ihm. Janos bewegte sich unterm Schutz der türkischen Sitte unbehindert in dem Umkreis des Konaks und jeder seiner Wünsche wurde gleich einem Befehl erfüllt. Mehrmals liess ihn der Pascha zu sich kommen, um ihn den neugierig zum Besuch eingetroffenen fremden Consuln zu zeigen, und Alle unterhielten sich voll Teilnahme mit ihm. Im Laufe des Tages hatte sich auch der Knabe M a u r o eingefunden und bediente fortan seinen Herrn und Oheim.

Es ist ein eigentümlicher Zug im orientalischen Leben, dass trotz des wütenden Nationalhasses zwischen Türken und Griechen Beide heilig auf ein unter gewissen Bedingungen gegebenes Wort bauen. Ismaël-Pascha musste die freiwillige Ueberlieferung des berüchtigten Bandenführers um so willkommener sein, als er sonst wenig Aussicht hatte, seiner habhaft zu werden. Denn obschon er weit energischer als seine Vorgänger im amt auftrat und es seinen Maassregeln auch bereits gelungen war, einen teil der Bande des Janos von den Khawassen überraschen und niedermetzeln zu lassen, so zog sich doch ein weit drohenderes Ungewitter in der politischen Färbung zusammen, welche jetzt diese Banden anzunehmen begannen. In Smyrna, Sardes und Ephesus organisirten sie offen den Aufstand und suchten die Unzufriedenen an sich zu ziehen und die griechische Bevölkerung zur Erhebung der Waffen aufzureizen. Janos galt zugleich als der verwegenste und gefährlichste Führer, und es war den Türken sehr wohl bekannt, dass gerade zu ihm die griechische Bevölkerung, als zu dem geeignetsten Leiter einer Empörung, aufsah.

Da, zu Anfang October, wurde plötzlich auf einem Dampfer der in Dardanelli an seiner Wunde krank gelegene Caraiskakis in Fesseln an den Gouverneur von Smyrna abgeliefert, indem den eben Genesenen mitten in seinen Nachforschungen nach der entflohenen Schwester und deren Verführer der dortige englische Consul durch die türkischen Behörden hatte verhaften lassen. Der Vice-Consul von Smyrna hatteoffenbar auf Veranlassung des Baronets, um ihn an der Verfolgung desselben zu hindern, – eine Klage gegen ihn auf Teilnahme an dem räuberischen Ueberfall und dem Niederbrennen seines Landhauses erhoben.

Der Banditen-Chef schien seine Spione selbst im Konak des Pascha's zu haben, denn alsbald hatte er erfahren, dass der Sohn seines alten Herrn in dem türkischen gefängnis lag und wahrscheinlich verurteilt und in's Bagno nach Rhodus gebracht werden würde. Zwei Tage vor dem seltsamen Ereigniss, das jetzt alle Zungen von Smyrna in Bewegung setzte, war daher ein Fremder im Konak des Pascha's erschienen und hatte diesem