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."

"Aman! Aman! Allah sendet Euch mir zum Beistand, Effendi! Steigt ab und helft mir, ich bin ein armer Mann, der vom Pferde gefallen ist und das Bein gebrochen hat."

"Inshallah, ich habe keine Zeit. Des Bluttrinkers Zorn sitzt hinter mir, wenn ich nicht eile! Mach' Dich zur Seite!"

"So seid Ihr ein Bote des Padischah?"

"Ich bin sein Tatar! Fort, oder auf Dein Haupt komme es!" Der Mohr gab dem Pferde die Sporen und es setzte zum Sprunge an. Im Nu war der Bandit auf den Beinen und griff ihm in die Zügel, zugleich knallte aus dem Gebüsch ein Pistolenschuss und Jussuf wankte im Sattel.

"Pesevenk50!"

Er stürzte schwerfällig zu Boden; während Hassan das Pferd bändigte, warf sich der Corse über den Blutenden und begann ihn zu durchsuchen. Um den Hals gebunden, fand er den seidenen Beutel mit dem wichtigen Dokument, im Gürtel des Tataren die schwere Geldbörse. Der Verwundete versuchte vergebens, das anvertraute Dokument zu verteidigen, während seine grossen Augen in Schmerz und Verzweiflung auf den Mörder rollten.

"Lasst mir den Beutel, es ist ein Brief des Grossherrn und nützt Euch Nichts!" stöhnte er.

Sta Lucia lachte. – "Das kannst Du nicht wissen, mein junger Rabe! Eben um den Brief war's uns zu tun. Und nun zum Teufel, wo ist Dein Bujurulteh?"

Der Mohr deutete verneinend an, dass er keinen besitze, dann aber wurde er von dem Blutverlust ohnmächtig. Die Kugel hatte ihn in die linke Seite getroffen.

"Wir haben, was wir brauchen," sagte der Corse zu seinem gefährten, "und mehr als das. Was tun wir mit dem Burschen da?"

"Schneid' ihm die Kehle durch und lass ihn liegen."

"Nein, das geht nicht, man würde ihn finden und das könnte unsere Sache stören. Hilf ihn mir auf's Pferd laden, der schwarze Halunke hat vollkommen genug und wir wollen ihn in die Schlucht am Meer werfen, an der wir vorbeigekommen. Dort liegt er ungestört, bis ihn sein und Dein Prophet erwecken mag."

Beide legten Hand an und über den Sattel geworfen, führten sie den leblosen Körper eine Strecke in's Land mit sich fort. Erst am rand der Schlucht, als Sta Lucia ihn in seine nervigen arme fasste, schien dem Unglücklichen noch ein Mal das Bewusstsein wiederzukehren und seine Augen blitzten finster und drohend den Mörder an, während die Hand sich auf die Wunde presste. Ein kräftiger Schwungund hinunter flog der Körper über die Klippen und Beide hörten seinen Fall in's wasser. Sta Lucia schwang das verhängnissvolle Papier hoch in der Hand. "Hundert Ghazi's gewonnen, Kamerad, ausser diesem Beutel und dem Pferd! Bei allen Teufeln, das war keine schlechte Morgenarbeit. Fort nach Stambul!" – – – – – – – Am 23. October wurde gegen russische Kriegsfahrzeuge, welche die Donau hinauffuhren, von der türkischen Festung Isakscha unterhalb der Prutmündung das e r s t e F e u e r eröffnet. Die Russen erzwangen mit starkem Verlust die Passage. Am 25. ging auf Befehl des Sirdars ein türkisches Corps bei Widdin über die Donau und setzte sich in Kalafat fest. Zu spät traf der Ferman des Padischah am 27. im Hauptquartier ein: d e r K r i e g h a t t e b e g o n nen!

(Schluss des ersten Teils.)

Fussnoten

1 Die schönste Moschee Constantinopels, im äussern Anblick selbst grossartiger und symmetrischer als die Sophia, 1550–56 von dem Baumeister Sinan erbaut. 2 Zum Verkauf auf dem Sclavenmarkt kommen jetzt nur noch, und auch diese nicht öffentlich, die schwarzen Sclavinnen. Der Preis für dieselben wechselt von 1000–6000 Piastern (10–60 Napoleond'ors). Die weissen Sclavinnen, die von den Sclavenhändlern in Circassien und Georgien oft noch als Kinder von den Eltern gekauft werden, haben gewöhnlich schon ihre Bestimmung, ehe sie Constantinopel erreichen, und werden je nach ihrer Schönheit um ihren buhlerischen Talenten oft mit 100,000–120,000 Piastern (1000–1200 Napoleond'ors) bezahlt. Sie werden immer noch in grosser Zahl nach Constantinopel gebracht, und da Russland im Jahre 1842 diesen Menschenhandel aus jenen Ländern verbot und die türkischen Schiffe streng controllirte, wurde der Transport von Trapezunt aus gewöhnlich durch e n g l i s c h e Dampfer vermittelt. England verfolgt bekanntlich aus a n d e r e n Meeren den Sclavenhandel. 3 Z.B. Chosrew Pascha. Selbst Mehemed Ali Pascha, der Schwager des Sultans, war ein circassischer Sclave. 4 Der teil des Hauses, in dem die Frauen wohnen; Selamlik: die wohnung der Männer. 5 Diesen Namen führen die nachbeschriebenen grösseren Zimmer in den türkischen Wohnungen. 6 Alem Penah, einer der Titel des Grossherrn. 7 Schande, Schande! 8 Moskow, ein Moskowite, Russe. 9 Den 24. October. 10 Zil Allah. Titel des Sultans. 11 Das Oberhaupt der weissen Verschnittenen und der Major Domo des Palastes. 12 Die Welt. 13 Türkischer Courier. 14 Was gibt es? 15 Der Titel Effendi wird selbst Frauen gegeben. 16 Der Secretair des Sultans. 17 Der oberste Geistliche und Richter. 18 Titel des Grossveziers. Mustapha gehörte zur Frie19 Tänzerinnen. 20 Sibirien, woher die schönsten Ametyste