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und schlau und werden sicher einen zuverlässigen entschlossenen Mann senden."

Der General sann nach. – "Ich wüsste im Augenblick kaum, wem ich als zuverlässig den Auftrag anvertrauen könnte!"

Der Journalist, der bisher schweigend zugehört, wandte sich zu ihm. – "Sta Lucia," sagte er, "er weicht nie von seiner Aufgabe."

"Ja, aber Sie wissen – –"

Ein Lärmen im untern Gemach unterbrach ihn. Die Treppe herauf stürmte ein schwerer Männertritt, und ehe weiter ein Wort gesprochen, stand der Ebengenannte in der Tür. Er schien erhitzt, atemlos von einem raschen Lauf, seine Kleidung war in Unordnung und wie hände und Gesicht mit Blut bespritzt.

"Was ist geschehen?"

Der Bandit trat langsam bis zu dem Tisch vor und stiess mit gewaltiger Kraft den Dolch, den er in der Faust hielt, dicht vor dem General in die Platte, dass die breite Klinge fast zwei Zoll tief in das Holz fuhr. – "Der Schuft wird den 9. November47 nicht mehr sehen! Ich wollte zwar warten bis zum Jahrestage seines Verrats, aber die gelegenheit war heute günstig. Doch muss ich mit Hassan dem Arnauten für einige Tage fort, General, man hat uns dabei überrascht und die türkischen Hunde waren hart auf meinen Fersen."

"Ein Verräter verdient den Tod," sagte der General ernst, "und Dieser war ein doppelter, der sein Spiel lange genug mit uns getrieben. – Es trifft sich glücklich, dass ich Euch sogleich entfernen kann. Der Gefährte dieses Mannes kann, wenn es Euch genehm, Effendi, sogar den Courierritt nach Schumla machen. Er diente früher als Tatar bei der englischen Gesandtschaft und musste gewisser Vorgänge wegen verschwinden."

Der Minister, der mit Interesse den Banditen betrachtet hatte, nickte zustimmend, und nachdem Hassan in das obere Gemach gerufen war, wurde der Auftrag den Beiden kurz auseinander gesetzt. Der Kaïk des Effendi mit den vier Ruderern sollte sie sofort um die Spitze des Schlosses der sieben Türme bringen bis in die Bucht von Kütschük-Tschekmedgeh, an deren Ufer die Strasse nach Adrianopel vorüberläuft. Am Nachmittag, zu einer bestimmten Stunde, sollte der Effendi oder ein Vertrauter mit dem nötigen Gelde an dem Ufer des Lykus vor dem Tore von Adrianopel (Edrene-Kapussi) auf den Boten harren, der Nachricht über den Erfolg des Unternehmens und womöglich den Ferman zurückbringen würde.

Die Verhandlungen waren rasch geschlossen, und nachdem die Banditen das Aufgeld in Empfang genommen, verliessen sie mit dem Minister zugleich die Spelunke und eilten zu dem harrenden Kaïk. Derselbe setzte seinen Herrn in der Nähe des Serails in Stambul an's Land, um sein Haus in der Stadt zu erreichen, und dann, von acht kräftigen Armen getrieben, seinen Weg entlang der Seeseite fort. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Es mochte gegen vier Uhr Morgens sein, als der Teppichvorhang vor der Tür des inneren Schlafgemachs des Grossherrn ein Geringes zurückgeschlagen wurde und das schöne Haupt der Odaliske Mariam in der Oeffnung erschien. Ihr Auge schaute forschend umher, von den beiden Verschnittenen, welche, den entblössten Handjar in der Faust, auf der Schwelle des Gemachs schliefen, nach dem Divan gegenüber, auf dem es Nursädih ruhend erblickte. Ein leiser Ruf erweckte dieselbe und brachte sie vorsichtig herbei. Die Herrin reichte ihr ein in einen seidenen Beutel gehülltes Papier und eine Börse mit Gold.

"Jussuf, Dein Bruder, möge sofort den Fuss in den Bügel setzen und nicht ruhen, bis er dies in die hände des Sirdars gelegt hat. Der Bujurulteh48 ist unnötig, seine Erlangung würde nur die Abreise verzögern und gefährlich machen; in dem Beutel ist Gold genug, um überall Pferde zu kaufen. Geh' undder Gott, zu dem wir Alle beten, begleite Dich und ihn!"

Der Vorhang fiel zurück. – – – – – – – – –

Da, wo unfern der ersten tiefen Buchtung des Marmorameers in das südliche Ufer der rumelischen Landspitze, auf welcher Constantinopel liegt, – etwa zwei Stunden von den Toren der Stadt, die Strasse nach Adrianopel sich in zwei Richtungen, in die über Silivria und Burgaz, und in jene über Tschataldscha und Wisa, teilt, – windet sich der Weg zwischen einem Felsufer hin, dessen Ausgang ein Gebüsch von Feigen und wilden Myrrten umgiebt. Hier hatten sich seit etwa einer Stunde die beiden Banditen in Hinterhalt gelebt, ihr Opfer erst im Laufe des Vormittags erwartend, als plötzlich der nahende Galopp eines Pferdes sie aufmerksam machte.

"Diavolo!" sagte der Corse; "ob das am Ende gar schon unser Vogel ist? Leg' Dich quer in den Weg, Hassan, so muss er einen Augenblick halten, und wir können uns wenigstens der Sache versichern."

"Jawasch49!" antwortete der Arnaut, indem er die Waffen in seinem Gürtel zur Hand rückte. "Ich bin nicht umsonst Tatar gewesen und kenne einen Kameraden." Damit legte er sich mitten auf die Strasse, während sein Gefährte sich in die Schatten des Gebüsches verbarg.

Einige Augenblicke darauf erklang der Hufschlag näher und der Reiter ritt in den Hohlweg ein.

Hassan fing an, jämmerlich zu stöhnen. Im nächsten Moment sprengte der Reiter heran: es war Jussuf, der Bote Mariam's und des Padischah's.

"Gieb Raum da, dass ich vorüber kann