in ein grosses Gemach führte. Die Scene, die sich hier den Blicken des kühnen Orientalen bot, war eine Orgie der schrecklichsten Art. Rings umher auf schmuzigen breiten Divans lag und sass eine Gesellschaft, die würdig gewesen wäre, die Hölle auszustaffiren, Schwarze und Weisse, Renegaten, Malteser, Griechen, Italiener, in dem buntesten reichen oder zerlumpten Costüm, Alle bewaffnet, – teils spielend mit schmuzigen Karten, das blanke Messer gleich neben sich an den Boden geheftet, zum Angriff und zur Verteidigung bei entstehendem Zank, oder das Moro42 haltend, – teils träg dahingestreckt, Kaffee oder Rakih43 und andere hitzige Getränke schlürfend, plaudernd, schwörend, Zoten reissend mit zwei jüdischen Mädchen, dem Auswurf der eklen Höhle. Dazwischen fuhr der griechische Wirt umher, mit Hilfe eines grösseren Knabens die lärmenden Wünsche seiner Kunden befriedigend. Die einzelnen Gruppen zu mustern, blieb dem Effendi keine Zeit, denn die meisten Inhaber des Gemachs fuhren empor, als sie einen in europäischer Weise gut gekleideten Türken eintreten sahen, der ihnen Allen fremd war; einige Worte des Führers beruhigten sie jedoch und sie setzten achtlos die unterbrochene Beschäftigung fort.
"Signor Tomaso, ist er zu sprechen?"
Der Kahvedschi44 wies dienstfertig auf eine Stiege, die nach dem obern Gemach führte.
"Wollen Excellenza belieben, hier hinauf zu spazieren? der General ist in seinem Zimmer."
Der Moslem stieg die Treppe hinauf, öffnete am Ende derselben eine Tür und trat in das Gemach.
Zwei Personen sassen darin, in Wolken von Tabakksdampf gehüllt, ein etwa fünfzigjähriger Mann von mittelhohem Wuchs und militairischer Haltung, häufig den ergrauenden langen Schnurrbart von ungarischer Form streichend. Den magyarischen Tyus zeigte auch das Gesicht, die gebogene schmale Nase, die breiten Stirnknochen und das scharfe blitzende Auge, in dem etwas Finsteres, Herrisches lag. Der Zweite war ein jüngerer Mann in eleganter französischer Kleidung, mit Papieren und Briefschreiben eifrig beschäftigt.
"Mon dieu – der Minister!"
"Ah sieh, Herr D e c h a m b e a u ," sagte F u a d – denn dieser war der Eintretende – mit leichtem Spott zu dem aufspringenden jüngern Mann, "lassen Sie sich nicht stören in Ihrer Erholung von den anstrengenden arbeiten der Redaction. Sie haben ja gestern einen vorzüglichen Artikel im Spectateur geliefert. Ich kam bloss, um meinen Freund, den General, zu besuchen, der auch so stark beschäftigt scheint, dass er für seine alten Bekannten keine Zeit mehr übrig hat. Wenigstens ist er seit länger als einem monat nicht bei mir gewesen, und ich kann doch nicht glauben, dass meine gegenwärtige Entfernung aus dem Divan die Ursache sein sollte."
Der Militair hatte sich erhoben und dem Ankommenden die Hand gereicht. "Das wissen Sie besser, Hoheit45. Sie haben mich damals in der Walachei vom Strick gerettet, der mir sicher bei den Oesterreichern geworden wäre, und dergleichen vergisst man ohne Not nicht, wenn man auch Revolutionair von Profession ist. Ich hätte jedoch sicher morgen oder übermorgen Ihnen meinen Besuch gemacht, da ich, aufrichtig gestanden, Ihres Einflusses für einige Anstellungen von Schützlingen in der Donau-Armee bedarf."
"Er steht Ihnen zu Diensten, General," sagte der frühere Minister höflich. "Sie wissen, wir müssen nur die Form wahren, da wir in der Flüchtlingsfrage gegen den wiener Hof Verpflichtungen eingegangen sind und uns trotz der englischen und französischen Zusicherungen Oesterreich nicht auf den Hals laden mögen. Uebrigens komme auch ich nicht ohne Absicht in diese abscheuliche Mördergrube, wohin Sie sich einmal incognito einquartiert haben. Ich – –" sagte er mit einem leichten Zögern, "bedarf Ihrer Hilfe zu einem geheimen und schleunigen Dienst."
"Geniren Sie sich nicht, Hoheit – Herr Dechambeau ist mit meinen Angelegenheiten vollkommen vertraut."
"Also zur Sache," sagte der Moslem, der sich auf den Divan niedergelassen. "Sie haben wahrscheinlich schon gehört, dass gestern im Divan der Aufschub der Feindseligkeiten beschlossen worden ist. Der Befehl dazu wird spätestens morgen früh nach Schumla und Rustschuk abgehen."
Der General sah ihn aufmerksam und fragend an.
"Der Tatar mit dem Ferman darf nicht ankommen, mindestens nicht vor dem 25. Der Sirdar hat seine Instruktionen und die Eröffnung der Feindseligkeiten darf unter keinen Umständen verhindert werden."
"Ich verstehe, aber wie soll ich das hindern?"
"Sie haben geeignete Leute genug zur Disposition. Einer oder Zwei müssen den Tataren aufhalten und ihm Ferman und Pass mit Gewalt abnehmen. Inshallah, was kommt es auf so ein Tier an, wo so viel auf dem Spiel steht! Hier ist Gold, fünfzig Ghazi's46 für den Mann; eben so viel erhält er, wenn er den Ferman bringt."
"Aber wird die Sache nicht vieles aufsehen machen?"
"Die Ordre soll auch keinesweges unterschlagen werden, schon um der Einmischung der Gesandten willen nicht, sie soll nur zu spät kommen. Am zweiten Morgen sendet man dann einen andern vertrauten Boten mit Ferman und Pass in Stelle des Beseitigten ab. Haben Sie die passenden Männer zur Stelle? – ich werde sie in meinem Boot noch diese Nacht bis Kütschük-Tschekmedgeh bringen lassen, wo die beiden Strassen nach Adrianopel sich teilen, damit wir keine Vorsicht versäumen. Dort müssen die Leute sich in Hinterhalt legen und warten; ich denke, der Bote wird erst zwei Stunden nach Sonnenaufgang vorüber kommen, doch muss man auf der Wacht sein, unsere Gegner sind tätig