und zur Kanonengiesserei treppenartig hinuntersteigt, findet man rechts nach den belebten Teilen von Galata hin eine Menge wirrer einsamer Quergässchen, deren Aussehen schon keineswegs sehr viel Sicherheit verspricht.
Hier befindet sich der berüchtigtste Schlupfwinkel aller Räuber und Mörder von ganz Constantinopel, das M a l t h e s e r g ä ss c h e n , das Hauptquartier des Auswurfs aller Nationen, der hier ungestört und sicher sein Wesen treibt; denn nach Dunkelwerden wagt sich kein ehrlicher Mensch mehr in diese Umgebung und die türkische Polizei hält höchstens ein Mal, wenn der Gesandte einer grossen Macht wegen vorgefallener Räubereien oder Mordtaten an Untertanen derselben Lärm erhebt, eine Razzia, die gewöhnlich zu Nichts führt, als dass ein oder der andere gewöhnlich unschuldige Vagabond aufgegriffen und einen Kopf kürzer gemacht wird.
Zur Zeit unserer Erzählung war die Unsicherheit in Constantinopel auffallend im Wachsen, was offenbar mit dem Zusammenströmen der Ausgestossenen aus allen Himmelsgegenden zusammenhing, die bei den Kriegsereignissen entweder eine Beschäftigung oder eine gelegenheit zu Raub und Plünderung zu finden hofften. Die Kategorieen, in die sich diese Gesellschaft verzweifelter Menschen teilte, waren natürlich sehr zahlreich. Von den Führern und Propagandisten der Revolutionen in Frankreich, Italien, Ungarn, Deutschland und Polen, von den Offizieren der Schlachtfelder von Novara, Wien, Waghäusel und Schässburg, die ehrlichen Dienst im türkischen Heer suchten oder die Zwecke der revolutionairen Propaganda verfolgten, bis zum maltesischen Banditen und dem tunesischen Räuber herab, der um Para's einen Dolchstoss gibt und um wenige Piaster ein Menschenleben mordet. Welche furchtbaren Scenen in diesen Spelunken der Schande und des Verbrechens mit einander wechseln, würde selbst die Feder des Autors der Mysterien von Paris nicht genügend zu schildern vermögen, da der Orient in den Typen des rohen Verbrechens weit über die Metropole der zivilisation hervorragt.
In einen leichten Mantel gehüllt, schritt eine mittelgrosse schlanke Männergestalt in den Eingang der verrufenen Gasse; etwa dreissig Schritt hinter ihr folgten zwei Kaïkschi's, kräftige Gestalten, die Faust am Kolben der Pistolen, den Handjar im Gürtel. Der kecke Fremde war noch keine drei Häuser weit in der Gasse vorgeschritten, als rechts und links zwei Männer auf ihn lossprangen und ihn an den Armen fassten. Blanke Messer blitzten im Sternenlicht, rauhbärtige wilde Gesichter starrten ihn grimmig an.
"Dein Geld her, Bursche, oder wir machen Dich kalt!"
"Es ist ein Türke," sagte prüfend der Zweite. "Soll ich ihn zwischen die Rippen stossen, Stephano?"
Der Fremde wickelte, ohne ein Zeichen von Furcht, unbefangen die Hand aus den Falten des Mantels.
"Mashallah – nicht so laut, Freunde, meine Begleiter da hinten möchten Euch hören und unrecht verstehen. Die Teufelskerle schneiden einen Kopf ab, ehe Ihr sagen könnt: Kale espera!41 Auch liebe ich's gern, dass man mir drei Schritt vom leib bleibt, die Kleinigkeit da ist nicht angenehm in zu grosser Nähe."
Unter dem Mantel hervor blitzte ein sechsläufiger Revolver; zugleich nahten die Schritte der beiden türkischen Diener und das Waffen-Arsenal in ihren Gürteln klang verdächtig zusammen. Verdutzt und mit einer Art von Respect fuhren die beiden Räuber zurück in das Dunkel der Häuserschatten.
"Ah bon, so lieb' ich's," sagte der kleine Moslem; "das ist eine respectable Entfernung. Aber lauft nicht fort, Kerls, ich habe mit Euch zu reden und Ihr sollt Euer Goldstück diesmal ehrlicher verdienen, als gewöhnlich. Wo ist die Pension des Griechen Palurgos?"
"Wir wissen nicht, wer Ihr seid," sagte nach einer Pause die rauhe stimme eines der Banditen, "und ob man Euch ohne Verrat zu begehen, antworten darf. Gebt erst ein Loosungszeichen."
"Bestia! – wenn ich einer Deiner Collegen wäre, würde ich nicht so lange mit Dir die Zeit vertrödeln! Kennt Ihr einen Signor Tomaso, den Magyaren?"
"Gewiss!"
"Wohl! den muss ich sprechen, ich habe Geschäfte für ihn, und wenn ich ihn recht kenne, wird er's Euch schwerlich danken, dass Ihr mich unnütz hier aufhaltet. Bismillah! macht, voran oder ich suche den Weg allein."
Die beiden Griechen krauten sich verlegen in den Haaren – das moralische Uebergewicht des Fremden hatte sie besiegt.
"Nun wohl, Effendi, auf Eine Gefahr!"
Sie gingen vor ihm her eine kurze Strecke, dann bogen sie in einen der kaum zwei Ellen breiten Durchgänge und blieben an einer Mauer stehen.
"Aber Ihr müsst allein kommen, Eure Sclaven dürfen nicht mit."
"Wohl. Sie bleiben hier, doch Einer von Euch bei ihnen, teils um sie vor unnützem Angriff zu bewahren, teils als Bürgschaft für mich. Euer Lohn wird verdoppelt werden, wenn ich unbelästigt zurückkehre."
Die Banditen besprachen sich einige Augenblicke, dann willigte der Eine in den Vorschlag, und der Osmanli sagte seinen beiden stummen Begleitern einige Worte auf Arabisch, worauf er seinem Führer andeutete, voran zu gehen.
Der Bandit klopfte vier Mal in eigentümlicher Weise mit dem Griff seines Dolches an die verschlossene Tür, worauf diese sich öffnete und Beide in den Hof traten. Im matten Schein einer Laterne bemerkte der Fremde, dass ein griechischer Knabe die Pforte geöffnet hatte und hinter ihnen sorgsam wieder schloss, er hatte jedoch keine Zeit zu weitern Betrachtungen, denn sein Führer schritt voran nach dem haus, aus dem ein wüster Lärmen ihm entgegen scholl, und öffnete die Tür, die sofort