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bedeckte schaudernd wieder die Augen mit der Hand.

"Wen sehen Sie denn dort?" fragte forschend der Arzt.

"Wen? – wen anders als den Capitano Blum, den deutschen Revolutionsmann, von dem sie törichter Weise sagen, dass ich ihn im gefängnis verraten hätte. Die Narren! als ob ich damals in Wien gewesen wäre. Ich heisse doch Paduani und nicht ..."

Er ermannte sich.

"Ich rede irre, Doctor, ich glaube, ich bekomme ein Fieber und werde Sie morgen um Ihren Rat bitten müssen."

"Wollen Sie nicht lieber nach haus gehen? ich werde Sie begleiten."

"Nein, Signor, lassen Sie uns in frischer Luft bleiben, ich fühle, mir wird schon besser, es war ein böser Anfall, dem ich manchmal unterworfen bin und ich menge da tolles Zeug zusammen; achten Sie nicht darauf."

In der Tat schien er sich zum Erstaunen des Arztes auch ganz wieder zu erholen, erwähnte mit keiner Sylbe mehr der wüsten Gedanken und nahm das frühere Gespräch über die politischen Ereignisse wieder auf. Nur schien er den Heimweg so lange als möglich zu verzögern, und Mitternacht war bereits nahe und der Garten längst menschenleer, als sie auf Welland's Erklärung, dass er nun die Ruhe suchen wolle, sich auf den Weg machten. Beide trugen die in Constantinopel nach Eintritt der Dunkelheit vorgeschriebene kleine Papierlaterne, da eine öffentliche Beleuchtung nicht existirt, und scheuchten auf ihrem, bis in die Nähe des englischen Gesandtschaftshotels zusammenführenden Wege häufig jene eigentümlichen Strassenbewohner, die zahllosen Hunde, auf, die auf allen Strassen Constantinopels bei Tage und bei Nacht ihr Lager halten und die Sanitäts- und Reinigungspolizei der türkischen Hauptstadt bilden.

Paduani war jetzt ganz verändert und spottete selbst über seine frühere Erregung.

"Wissen Sie," sagte er lachend zu Welland, während sie an dem Kreuzwege standen, der sie trennte, "was vorhin mir den tollen Spuk durch den Kopf jagte? Eine dumme Prophezeihung. Als ich heute Morgen eines Geschäftes wegen in St. Demetri war, begegnete mir auf dem Campo eine alte bulgarische Zigeunerin und bettelte mich an. Ich hatte zufällig keine kleine Münze bei mir und wies sie etwas barsch ab. Da hob sie drohend ihre Krücke und schrie mir nach, Azraël, der Engel des Todes, wie die Moslems sagen, halte bereits seine Fittiche über mir und ehe der Tag um sei, werde ich Niemandem mehr eine Gabe reichen. Der Tag ist vorbei undauf Wiedersehen morgen!"

Er reichte ihm die Hand und bog trällernd in die Seitenstrasse, in der sein Haus sich befand. Welland, der in einer Pension an der Perastrasse seine wohnung aufgeschlagen hatte, setzte seinen Weg ruhig fort, doch war er noch keine zweihundert Schritt gegangen, als er plötzlich einen entfernten Hilferuf zu hören glaubte. Er hielt inneein zweiter lauterer Ruf erscholl und liess ihm über die Richtung keinen Zweifel: er kam aus der Gegend, in der Paduani's wohnung lag. Eiligim Laufe die lästige Laterne von sich werfendflog er zurück und rief nach der nicht sehr entfernt einquartierten türkischen Schaarwache. Am Eingang der Gasse, die zu Paduani's Haus führte und die er im Fluge erreicht hatte, kamen in vollem Rennen ihm zwei dunkle Gestalten entgegen. Er rief ihnen sein Halt zu, doch achtlos sprang der Erste an ihm vorüber, dem Zweiten warf er sich in den Weg und hielt ihn mit beiden Armen fest. "Diavolo!" fluchte eine wilde stimme und eine riesige Kraft warf ihn zu Boden. Dennoch hielt er fest und klammerte sich, laut nach Hilfe rufend, an den Fremden. Die Klinge eines Dolches blitzte im Mondlicht hoch geschwungen über ihm und ehe er selbst zu einer Waffe greifen konnte, glaubte er sie niederfahren zu sehen auf seine unbeschützte Brustda warf sich ein dunkler Körper zwischen ihn und die morddrohende Faust, eine Hand fasste dieselbe und rang mit ihr um die Waffe, während eine jugendliche stimme neben ihm den Hilferuf schreiend wiederholte. Der Mörder, eine kräftige Gestalt, riss den Arm los, stiess den unbekannten Helfer zur Seite und sprang an der Gruppe der herbeikommenden Schaarwache vorüber, deren schwere eisenbeschlagene Stöcke auf dem Steinpflaster rasselten. Ein Pistolenschuss knallte hinter ihm drein, aber die Kugel schlug neben ihm hin in die Häuserwand und er setzte unbehindert seine Flucht fort, alsbald in den Quergässchen, die nach Tophana hinunter führen, verschwindend.

unterdessen richtete der fremde Retter den Deutschen empor, – die Laternen der herbeieilenden Wache erhellten die Scene.

"G r e g o r ?!"

"W e l l a n d ?!"

Vor ihm stand C a r a i s k a k i s mit dem Knaben M a u r o , die so seltsam der Zufall zu seinen Rettern gemacht hatte. Ein nahes Stöhnen und Wimmern verhinderte jedoch alle fragen und Erörterungen, Alle eilten die Strasse hinauf, und vor Paduani's Türden Schlüssel zum Oeffnen in der Hand, – auf der eigenen Schwelle im Todeskampf sich windend, fanden sie den blutigen Körper des Italieners von f ü n f Dolchstichen durchbohrt40. – –

Es war spät in der Nacht, als Welland mit den wiedergefundenen Freuden das Haus des Ermordeten verliess, nachdem alle Bemühungen zu dessen Rettung sich vergeblich gezeigt hatten.

Wenn man von der Perastrasse am russischen Gesandtschaftshotel vorüber den Weg nach Tophana zur Moschee Kilidsch-Ali-Pascha