, mit dem mich leider die Vorsehung ausgezeichnet und das mir schon so vielen Kummer und so viele Unannehmlichkeiten bereitet hat, dass ich mich lieber aus allen Kreisen zurückgezogen habe. Während ich vorhin unter den Fröhlichen sass, überfiel mich wieder diese schreckliche Gabe des doppelten Gesichts und ich sah ein Mitglied der Gesellschaft als Leiche vor mir auf dem Tische liegen!' –
Der Wirt des Hauses, etwas ungläubiger natur und auch erst seit Kurzem im Ort, suchte ihr die Grille auszureden und lachte gradezu, als die Dame ihm auf sein Drängen endlich einen Herrn, einen lebenskräftigen kerngesunden Hagestolzen von einigen vierzig Jahren als denjenigen bezeichnete, den sie als Leiche gesehen. Die Dame aber war nicht zu bewegen, wieder zur Gesellschaft zurückzukehren und ich bat daher um die erlaubnis, sie nach haus führen zu dürfen. Unterwegs suchte ich sie mit gleichgültigen Gesprächen zu zerstreuen, doch blieb sie still und traurig, und nahm an der Haustür mit Tränen von mir Abschied.
'Sie werden leider erfahren, mein Herr,' sagte sie, 'dass ich mich nie täusche. Die traurige Erfahrung hat mich's schon zu oft gelehrt.' –
Als ich in die Gesellschaft zurückkehrte, fand ich, dass der Wirt nicht still geschwiegen, sondern von der Prophezeihung gesprochen hatte, und dass man sich allgemein bemühte, darüber zu lachen. Vor Allem war das bezeichnete Opfer der Ungläubigste und Heiterste. Man spielte ein Pfänderspiel und wirklich war bald in der allgemeinen Lust der unangenehme Auftritt vergessen. Da – nach ungefähr zwei Stunden, während ich eben wieder im Nebenzimmer plauderte, hörte ich plötzlich lauten Hilferuf, Gekreisch und Geschrei. Alles stürzte herbei – der Herr, den die Seherin bezeichnet, hatte frisch und gesund noch einen Augenblick vorher auf seinem Stuhl gesessen und sich nach der Gewohnheit Vieler dabei auf den Rückbeinen desselben hin- und hergewiegt, als er plötzlich das Gleichgewicht verlor und mit dem Stuhl hinten überschlug. Man legte eben in der ersten Angst den Körper auf den nämlichen Tisch, den die Dame bezeichnet: – er hatte i m Z i m m e r den Hals gebrochen und war eine Leiche, ehe man ihn aufhob."
"Ei, Doctor, was erzählen Sie da für Schauergeschichten," sagte lachend der Baron, der wieder hinzugetreten war, "und ich glaube wahrhaftig, Herr Paduani lässt seine italienische Phantasie davon in Schrecken setzen. Doch kommen Sie einen Augenblick, Freund, ich möchte Sie um eine kleine medicinische Auskunft bitten."
Er nahm den Arm des Doctors und führte ihn, offenbar sehr aufgeräumt durch eine empfangene Nachricht, in einem Spaziergang durch den Garten.
"Sie haben bereits von der infamen Sitte in diesem land gehört," sagte er nach einem kurzen Bedenken, "den Lebenskeim oft im Mutterschooss zu tödten. Das geschieht nicht bloss durch eigenes Verbrechen, sondern häufig auch durch fremde Bosheit. Ist es möglich, in einem solchen Falle den Folgen des Verbrechens zu begegnen, sie aufzuheben und das Opfer wieder zur erhabenen Bestimmung des Weibes zu befähigen?"
"Die Angaben sind sehr allgemein," sagte ernst der Arzt; "zunächst müsste man wissen, welche höllischen Mittel hier angewendet sind. Es würde nötig sein, die Kranke zu sehen."
"Das geht nicht," erwiderte der Baron ziemlich barsch; "auch ist hier von keiner Kranken die Rede. Ich frage Sie bloss, ob es in dieser Beziehung Gegengifte gibt? Im Orient, müssen Sie wissen, ist man Meister in der Giftmischerei, und unsere Haremsdamen könnten den Borgia's Etwas zu raten aufgeben."
"Die natur ist unerschöpflich, Herr Baron," sagte Welland, etwas verletzt von dem ungewohnten Ton, "und sie reproducirt ewig in ihren geheimnissvollen Werkstätten, deren wunderbarste der menschliche Körper ist. Die Erfahrung lehrt, dass selbst jene Unglücklichen, die in den Höhlen des Lasters sich feil bieten und bei denen jeder Keim der Mutterkraft längst erstickt scheint, bei geordnetem Leben mit der Zeit dieselbe wiedergewinnen. Ich glaube, dass die Zeit allein heilen kann – ein Gegengift aber ist nicht möglich, wenn man das Gift selbst nicht kennt. Ich würde mich nicht entschliessen, ein solches zu geben, wenn ich nicht mindestens vorher die person gesehen habe."
"Das ist nicht möglich, ich wiederhole es." Seine Stirn faltete sich missmütig. "Man muss sie aufgeben und auf andere Mittel denken," murmelte er und reichte dem Arzt die Hand. "Leben Sie wohl, Doctor; ich habe eine Nachricht bekommen, die mir noch einige Geschäfte auflegt. Ich hoffe, wir sehen uns morgen. Bringen Sie den Italiener nach haus, der Mann hat heute ein seltsames Wesen an sich."
Damit schied er.
Als Welland zu der einsamen Laube zurückkehrte, fand er den Banquier mit starren Blicken vor sich hin in die Luft stierend, zuweilen mit der Hand wieder die Augen bedeckend, als wolle er einer äussern Erscheinung entfliehen.
"Sie hatten Recht, Doctor, mit Ihrer ersten geschichte," sagte er fröstelnd; "alle diese Bilder sind mir ein Spiel der aufgeregten Phantasie. – Und doch sehe ich i h n in diesem Augenblick so deutlich vor mir stehen, – schauen Sie," er wies in die leere Luft, "mit dem ausgelaufenen Auge, wo die Kugel in den Schädel gedrungen ist, und den zwei blutigen Wunden in der Brust – gerade wie sie ihn aus dem Glacis zur Morgue gebracht haben!"
Er