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in die Hand gestützt. "I h n e n , Doctor, IhnenIhre eigenen Erfahrungen?"

Der Arzt sann einige Augenblicke nach. "Zwei Erinnerungen aus meinem Leben sind es, welche mir jene unerklärlichen und doch unleugbaren Fäden nahe gebracht haben, durch welche der Mensch mit der Geisterwelt in Verbindung zu stehen scheint. Ich erzähle sie Ihnen wohl ein ander Mal."

"Nein, jetzt, ich bitte Sie. Sie möchten s o n s t keine Zeit mehr dazu haben!"

Welland schaute den Italiener bei den seltsamen Worten aufmerksam an; das Gesicht desselben hatte eine aschbleiche Farbe angenommen, er befand sich offenbar in der grössten Aufregung, der er mit aller Mühe Herr zu werden suchte. Der Arzt schüttelte den Kopf, doch folgte er seinem Wunsche.

"Ich war," erzählte er, "ein junger Mensch von 16 Jahren, und in Breslau auf schulen. Meine Eltern hatten mich bei einem Gelehrten in Pension gegeben, der in einem frühern Kloster an der Oder wohnte. Die älteste Tochter der Familie, Amalie, war eine Blondine mit herrlichen Locken, so schön, wie ich sie nie wieder im Leben gesehen, ein Madonnengesicht, die Stirn von breiten Goldflechten gleich einem Diadem eingefasst, das erste und einzige Weib, in das ich wahrhaft verliebt gewesen bin. Es war eine halb kindische leidenschaft, denn das Mädchen war mehrere Jahre älter als ich und trug den Gram einer unglücklichen Liebe im Herzen. Ein junger interessanter Maler war von ihr durch die Eltern getrennt worden und bald darauf in rätselhafter Weise verschwundenman glaubte an einen Selbstmord, später erwies sich, dass er im Duell gefallen und von den Secundanten in die Oder geworfen worden war. Ein einziges Andenken war dem Mädchen aus der Zeit ihres Umgangs geblieben, ihr eigenes von dem Geliebten entworfenes aber nicht beendetes Portrait, von dem auffallender Weise nur der Kranz der goldenen Haare vollendet war, während das Gesicht noch in der Scizzirung der ersten Anlage verschwamm. – Ich war etwa ein Jahr im haus gewesen, als Amalie plötzlich an einer nervösen Krankheit starb, – ich fand sie bei meiner Rückkehr von den Ferien als Leiche im Sarg und war untröstlich. Am Abend vor dem Begräbniss, als ich sie noch ein Mal besuchte, schnitt ich ihr eine der breiten Flechten ihres schönen Haares ab, um dieselbe zum Andenken zu bewahren. Es war Mitternacht, als ich ruhelos bei einem Buch in meinem Zimmer, einer ehemaligen Klosterzelle, sass; hinter mir hing das vorhin beschriebene Bild an der Wand. Zufällig blickte ich vom Buch auf und in den grossen Spiegel mir gegenüber. Da sah ich das Portrait sich darin spiegeln, aberschrecklich! in veränderter Form: das klar ausgeprägte blasse Leichengesicht, wie ich es eben verlassen, dagegen mit kahlem, aller Haare beraubtem Scheitel! Ich hatte die Kraft, mich langsam umzuwenden nach dem Bild an der Wand unddasselbe Todtengesicht ohne den Lockenschmuck starrte mich an. Mein Haar sträubte sich, ich glaubte eine Mahnung der toten zu sehen, dass ich einen frevelhaften Raub an ihr begangen; denn selbst ihrem Geliebten hatte sie stets die Gabe ihrer Haare verweigert, aus die sie auffallend hielt. Ohne das Auge von der schrecklichen Erscheinung abwenden zu können, taumelte ich rückwärts zur Tür meines Zimmers und öffnete sie; – drüben über dem gang hörte ich das Mädchen noch handtieren und rief dasselbe. Sie kam mit Licht, – ich bat sie, noch ein Mal mit mir zur Leiche zu gehen undlegte still die Flechte wieder in den Sarg, wohin sie gehörte. – Sie sehen," sagte der Doctor nach einer kleinen Pause, "wohin die aufgeregte Phantasie führen kann."

Der Baron war während der Erzählung aufgestanden und nach dem Eingang des Gartens zu gegangen, wo er mit einem eben Eingetretenen eifrig sprach, der die Kleidung eines jüdischen Handelsmannes trug. Paduani hatte aufmerksam zugehört, doch schien ihn die Erzählung nicht zu befriedigen. "Und die andere, Doctor, die andere?"

"Der zweite Fall, ich muss es gestehen, ist mir selbst unerklärlicherer natur und beweist mir allen Zweifeln gegenüber die Gabe des zweiten Gesichts bei gewissen Personen. Während meiner Studienzeit besuchte ich von Berlin aus Verwandte in Stendal, einer Stadt in der Nähe von Magdeburg. Eines Abends waren wir in Gesellschaft und man erwähnte einer Dame, die erwartet wurde, und die ich noch nie gesehen, da sie sich fast von allem Umgang zurückgezogen hatte und nur einer nicht auszuschlagenden Einladung diesmal gefolgt war. Es schien mit ihrer person ein gewisses geheimnis verknüpft, obschon Niemand recht mit der Sprache heraus wollte, die Meisten aber die Sache verspotteten. Endlich erschien die Dame, eine Frau, bereits im mittleren Alter, wahrscheinlich noch heute lebend, von blassem seinem Aussehen, ohne alles Auffallende, und die Gesellschaft nahm ihren gewöhnlichen gang. Plötzlich, mein Auge war grade auf sie gerichtet, sah ich die Fremde unruhig und ängstlich werden. Sie versuchte offenbar dies Gefühl mit Gewalt zu unterdrücken, doch schien es ihr nicht möglich, denn sie entfernte sich bald darauf in ein Nebenzimmer und liess von hier aus um Hut und Mantel bitten. Ich war grade in dem Zimmer anwesend, als Wirt und Wirtin in die Dame, eine Verwandte von ihnen, drangen, zu bleiben, oder ihnen wenigstens den Grund ihres raschen Weggehens zu sagen. Lange weigerte sie sich, endlich sagte sie zitternd und höchst aufgeregt:

'Sie kennen das unglückliche Geschenk