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erhalten, den Admiral in Sebastopol zu benachrichtigen, dass, wenn die russische Flotte ausliefe, um Truppen auf türkisches Gebiet zu bringen, oder irgend einen Akt offener Feindseligkeit gegen die Pforte zu begehen, er den Befehl habe, die Besitzungen des Sultans gegen jeden Angriff zu schützen.

Diese Ankündigung deutete bereits klar auf die Absichten der Westmächte hin, da der türkischen Flotte keineswegs eine Reciprocität auferlegt wurde und türkische Fahrzeuge fortwährend Kriegsmaterial und selbst Zuzüge an die tscherkessischen Küsten schafften.

Kaiser Nicolaus machte noch einen persönlichen Versuch, die deutschen Kabinette für seine Interessen zu gewinnen, und traf zu diesem Ende am 8. October in Saussouci ein, seinen erlauchten Gast und Schwager, den König von Preussen, dahin zurückbegleitend. Es war das letzte Mal, dass der mächtige Kaiser die fremde liebliche Stätte sah, von der er einst die Mutter seiner Kinder geholt hatte. Schon in der Nacht zum 10. trat er wieder die Rückreise nach Petersburg an. Der König von Preussen begleitete ihnein treuer Freund! – bis zum stettiner Bahnhof in BerlinAugenzeugen berichten, dass er mit Tränen dort von dem Kaiser schied. Welche Gefühle mögen beide grosse Herzen bei jenem Abschied bewegt haben, wenn sie auch nicht ahnen konnten, dass es das letzte Schauen im Leben war! Zwei treue vielgeprüfte und vielbewährte Freunde auf hohen Tronen, die letzte Mahnung des königlichen Paters ehrendhat nur das Grab ihr Bündniss gebrochen.

Unter dem Vielen, was das preussische Volk König F r i e d r i c h W i l h e l m IV. schuldet, sind gewiss jene Tage in Sanssouci nicht das Kleinste. Dem Freunde, dem Schwager, den historischen Erinnerungen und dem eigenen Herzen gegenüber blieb der preussische König fest bei seinem Entschluss, sein Volk fern zu halten von dem sich bereitenden Kampfe, dessen V e r a n l a s s u n g er für keine gerechte hielt, so lange nicht die unumgängliche notwendigkeit ihm das Schwert in die Hand drängen würde. – Wenige wissen esaber in den Herzen dieser Wenigen ist die Bewunderung desto tiefer eingegraben, – welche Kämpfe in jenen Tagen der König bestand, welche hohen Lockungen dem haus Hohenzollern wurden und wie schwer der gerechte Sinn Friedrich Wilhelm's damals in die Wage der Völkerschicksale fiel! – Dagegen hat er eben so treu sein Freundeswort gehalten und durch keine Drohung, kein Drängen von der andern Seite sich bewegen lassen, sich den Feinden anzuschliessen. Preussens eherne Haltung hat offenbar Russland gerettet! – –

Bereits am 17. hatten die Türken eine Insel auf der Donau zwischen Kalafat und Widdin besetzt, doch war noch keine Feindseligkeit erfolgt. Omer Pascha rechnete den 24. als den Ablauf der dem Fürsten Gortschakoff gesetzten Frist.

Am 20. beriefen Lord Stratford und Herr de Latour die Flotten nach Constantinopel. In diesem letzten Augenblick machte der österreichische Gesandte, Baron von Bruck, noch einen Versuch und drang auf Aufschub der Feindseligkeiten. Lord Stratford interessirte sich scheinbar dafür und in der Tat wurde im Divan durch den Einfluss der Friedenspartei der Aufschub um z e h n Tage beschlossen und der Ferman an den Sirdar dem Sultan zur Unterzeichnung vorgelegt.

Für Russland wäre dieser Aufschub von grosser Wichtigkeit gewesen, da bei der verhältnissmässig geringen Zahl des Besatzungsheers in den Fürstentümern wichtige strategische Operationen und Vorbereitungen noch im Rückstand waren. – –

Während Welland mit Paduani über die am Tage vorher bei dem englischen Gesandten stattgefundene Conferenz der Vertreter der vier Grossmächte sich unterhielt, hörte der Baron offenbar zerstreut und mit wichtigen anderen Gedanken beschäftigt der Unterhaltung zu und blickte häufig nach dem Eingang des Gartens. Auch Paduani schien verstimmt und nachdenkend und lenkte mehrmals das Gespräch auf Vorbedeutungen und Ahnungen. "Es ist heute ein Tag unangenehmer Erinnerungen für mich," sagte er endlich, "und ich habe mich seit dem frühen Morgen mit einer seltsamen Unruhe getragen. Glauben Sie an Ahnungen, Doctor?"

"Im Allgemeinen nicht, – in einzelnen Fällen: Ja! Der Dänenprinz hat Recht, wenn er sagt, es ist Vieles zwischen Himmel und Erde, das wir nicht begreifen können. Ueberdies leben wir ja im land der Vorbestimmung und dürfen also an einer Ahnung derselben nicht zweifeln."

"Ohne Winkelzügesagt Ihnen Ihre Erfahrung Ja oder Nein?"

"Ich lernte in Paris einen jungen Engländer kennen, Master Morton, kapitän bei der schottischen Garde. Er ist der jüngere Sohn der berühmten schottischen Familie der Earls von Faulconbridge, in denen das zweite Gesicht seit Jahrhunderten sich vererbt haben soll. Es wiederholte sich auch bei seinem Vater. Im Jahre 1835 gegen Ende Novembers kam Lord Faulconbridge von London nach seinen Besitzungen in Schottland, wo seine Familie, darunter der Sohn, der mir die Tatsache mitgeteilt, ihn bereits erwartete. Als der vierspännige Reisewagen in die breite Ulmenallee einbog, die zum Schlossportal führte, sah der Lord dieses plötzlich mit fackeln erleuchtet und eine Schaar Männer, welche in tiefer Trauer einen von der inneren Halle aus kommenden Leichenzug zu erwarten schien. Zum tod erschrocken befahl er zu halten, aber schon war die Vision verflogen. Weder der Postillon noch die Diener hatten Etwas gesehen. Lady Faulconbridge suchte ihrem Gemahl das Ganze auszureden, aber am dritten Tage um die Stunde des Gesichts sank der Lord plötzlich zu Boden, als er sich mit den Seinigen eben zum Diner niederlassen wollte. Ein Nervenschlag hatte ihn getroffen. kapitän Morton war fest überzeugt, dass auch ihm sein Tod vorher verkündet werden würde."

Paduani hatte den Kopf