Was nun, o Sultana?"
"Fluch über die Christin! Mögen ihre Augen verdorren und meine Torheit mir Unglück bringen, dass ich sie so lange geschont. Unser Plan ist ein Rauch, bosch! – Die hunderttausend Piaster," setzte sie flüsternd zur Freundin hinzu, "die mir der Eltschie von Frangistan hat versprechen lassen, sind Wind. Ne apalum! was kann ich tun?"
Die intriguante Gattin des Sirdar sann nach.
"Mashallah!" sagte eine der Kadinen, "ich habe da einen Talisman bei der Moskowitin gefunden, als sie in Schwachheit lag und wir ihr helfen wollten. Was weiss ich? vielleicht ist es der Zauber, den sie gegen den Padischah anwendet."
Sie brachte den Pergamentstreif zum Vorschein, den sie im Busen der Unglücklichen gefunden.
Die Khanum nahm ihn schnell und überflog die Schrift, da sie die einzige war, die in der Versammlung lesen konnte.
"Allah kerim! Gott ist gross!" rief sie, "wir haben das Verderben der Moskau in dieser unserer Hand. Ich eile zu Fuad-Effendi, er ist ein schlauer Mann und wird uns raten!"
Die lebhaft erregte Neugier der Odalisken musste sich jedoch mit diesen Worten begnügen, denn nach einem kurzen heimlichen Gespräch mit der Sultana, das diese hoch zu erfreuen schien, verliess die Vertraute hastig den Harem. – – –
Kaum zehn Minuten darauf strich ihr Kaïk, von zwei Ruderern getrieben, eilig über die Fluten des Bosporus und nahm seinen Weg stromaufwärts nach Kura-Tschesme, wo das Landhaus des Sirdars liegt. Anstatt aber dort anzuhalten, befahl sie plötzlich den Ruderern, quer über den Bosporus die für die kleinern Kaïks nicht ganz ungefährliche Fahrt zu machen und nach Kandili am asiatischen Ufer sich zu wenden. Hier hielt der Kaïk am Wassertor einer einfachen, mehr im europäischen Geschmack erbauten Villa, und die Khanum schickte einen der Kaïkschi's in das Haus mit einer Botschaft für dessen Herrn.
Schon nach wenig Augenblicken erschien derselbe, ein Mann von etwa 30–35 Jahren, grosser körperlicher Schönheit und höchst eleganten französischen Manieren. Es war F u a d - E f f e n d i , der junge Staatsmann, der offenbar befähigt und bestimmt ist, in der geschichte seines Vaterlandes noch eine hervorragende Rolle zu spielen, wie jetzt schon beim Beginn der orientalischen Verwickelung seine Stellung und Tätigkeit von Bedeutung war.
Schon früher, als Fuad seine Erziehung in den Salons von Paris und auf den Missionen nach London, Madrid und Lissabon vollendete, richteten sich die Augen der europäischen Diplomaten auf sein Talent, und als er zuerst, damals Grossreferendar des Divans, nach dem Ausbruch der Revolution in Bukarest und der Vertreibung des Fürsten Bibesco im Juni 1848 als Commissarius der Pforte in den Fürstentümern auftrat, um, unterstützt durch das Besatzungsheer Omer Pascha's, die Fehler Soliman's wieder gut zu machen und zugleich der russischen Einmischung die Wage zu halten, entwickelte sich seine spätere Stellung. Weder den russischen Diplomaten36, – welche die gleiche Mission erhalten, – noch den russischen Generälen37 gelang es, mit der eleganten, schlangengleichen Gewandteit Fuad-Effendi's in die Schranken zu treten, und die Brutalität Mentschikoff's, mit der er später diese Niederlage in Constantinopel selbst rächte, kann die Tatsache nicht verwischen. Von jener Zeit her, in welcher die Khanum den damaligen Muschir38 begleitete und, da seine Frauen keineswegs die gewöhnliche orientalische Absperrung erlitten, den Grossreferendar persönlich kennen lernte, schreibt sich die Verbindung desselben mit Omer Pascha, die indess nur ein Bündniss zweier ehrgeiziger Gemüter ist, so lange ihre Zwecke zusammengehen.
Als später (1849) Fuad-Effendi als Gesandter nach Petersburg ging, während der Muschir selbst die Verwaltung der Fürstentümer übernahm, lernte das petersburger Kabinet die volle Gefährlichkeit des jungen Diplomaten kennen, der die Lage seines Vaterlandes und die drohende Suprematie Russlands sehr wohl zu würdigen verstand, und als später alle Versuche scheiterten, ihn in Constantinopel für die russischen Interessen zu gewinnen, er vielmehr einer der Hauptbeförderer des englischen und französischen Einflusses und zugleich Minister des Auswärtigen wurde, war seine Entfernung aus dem Cabinet eine der ersten Bedingungen, die Fürst Mentschikoff stellte und durchsetzte.
Fuad zog sich bei seinem Rücktritt nach Kandili zurück, wo er nahe genug dem Mittelpunkt der Intrigue war, um täglich in das Spiel eingreifen zu können.
Dies war der Mann, der zu der Khanum an's Ufer trat, worauf diese das Boot verliess und Beide sich abseits eine kurze Zeit besprachen. Dann führte der Effendi die Dame höflich wieder zu ihrem Sitz zurück.
"Sei versichert," sprach er zum Abschied, "ein Geschäft, das Fuad übernimmt, wird er auch zu Ende führen. Der Ferman soll beim Propheten Deinen Gatten, den Sirdar, nicht an dem Uebergang über die Donau hindern! Morgen erhältst Du Botschaft."
Während der Kaïk der Dame seinen Weg nach dem europäischen Ufer zurücknahm, gab der frühere Minister der Dienerschaft seine Befehle und ehe zehn Minuten vergingen, flog er in einem vierrudrigen Boot mit der Schnelligkeit des Dampfers durch das Dunkel auf Stambul zu. – – –
Pera und die fränkische Bevölkerung hat zwei öffentliche Vergnügungsorte, wo sie im Freien die Kühle des Abends geniesst. Der Eine ist die Promenade am kleinen Campo39 zwischen Pera und Tershana, eine etwa 200 Schritt lange Art von holpriger Esplanade, 30 Schritt breit, auf der einen Seite durch ein eisernes Gitter von dem Begräbnissplatze geschieden, auf der andern von hohen steinernen