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scheint, oder in den Sprüngen bacchantischer Lust tobt und rast, – bald dem Padischah nahend, bald sich wieder von ihm nach dem frischen, aufregenden Takt der Musik entfernend, schien die Tänzerin alle Leidenschaften herauszufordern und ihr keckes Spiel mit ihnen zu treiben, bis zuletzt mit der endenden Musik sie in einer reizend lockenden Attitüde am Boden knieete.

Der Padischah war bei dem Ende des Tanzes empor gesprungen; seine sonst so teilnahmlosen Augen flammten mit verzehrendem blick auf die schöne Erscheinung. Selbst die verachteten Halbmänner an seiner Seite schienen neu ermannte Wesen voll Verlangen und Erregung: – mit raschem Schrittvom glühenden, Triumph strahlenden blick der Sultana verfolgttrat er auf die Knieende zu und hob das seidene Schnupftuch, um selbst mit eigener Hand das Amt des Kislar-Aga zu vollziehen und ihr Haupt damit zu bedecken, das Zeichen, dass die Wahl auf sie gefallen, an diesem Abend sein Lager zu teilen.

Da scholl ein schmerzlich gellender Schrei, wie aus zerrissenem Herzen grell durch das Gemach und fesselte seine Hand.

Auf dem Divan lag marmorbleich die schöne Gestalt Mariam's in Ohnmacht.

Während die Frauen mit Nursädih herbei eilten und sich um die Mingrelierin drängten, stand der Sultan einige Augenblicke stumm und unentschlossen, – sein blick hatte die Geliebte erkannt, – dann legte er die Hand wie sinnend an die Stirn, die Röte verliess das Antlitz, die leidenschaftliche Glut der sinnlichen Erregung das Auge, und er wandte sich, ohne weiter einen blick auf sie zu wagen, von der verführerischen neuen Bereicherung seines Harems und trat zu der um Mariam beschäftigten Gruppe, die ihm scheu Platz machte. Es war, als fühlte die bleiche Odaliske seine Nähe; denn alsbald öffneten sich ihre Augen und ihr blick wandte sich zärtlich und flehend auf den des Sultans, während sie ihm wie Schutz suchend die arme entgegenstreckte. Der Grossherr beugte sich zu ihr, flüsterte ihr einige Worte zu und legte der Errötenden das Tuch auf das bleiche Gesicht.

Auf ein Zeichen des Tschannador schlugen sogleich die Silberbecken wieder zusammen, und der Kapu-Agassi umgab mit seinen Verschnittenen alsbald die glückliche, der sofort ein grüner Feredschi über Kopf und Gestalt geworfen wurde, während der Grossherr in Begleitung des Kislar-Aga und der Pagen sich nach der Tür wandte, die in der Seitenwand des Oberteils in die Schlafgemächer des Harems führt. Aber hier warf sich ihm die Favoritin, von den beiden andern Kadinen assistirt, in den Weg, wutblitzenden Auges, die Adern der Stirn vor Zorn geschwollen.

"Haif! Will der Padischah ein Mann sein, und tut seinen Frauen die Schmach an, dass er auf das Geschrei einer Kuh von Kreuzträgerin hört? Mashallahl Er ist ein Lügner in seinen eigenen Bart und ein Weib in seinem haus, nicht besser als dies Tier von einem Halbmann!" wobei sie verächtlich mit der Fläche der rechten Hand sich auf den linken Ellbogen schlug, das Zeichen der tiefsten Geringschätzung.

"Haif! Haif!"31 schrieen dazu die andern Weiber, sich um ihre Verfechterin drängend und den Eunuchen die gespreizten Finger in das Gesicht streckend.

Der arme Sultan schien dergleichen Pantoffelauftritte gewöhnt, denn ohne ein Wort zu entgegnen, suchte er stillschweigend durch ein Manöver die barrikadirte Tür zu gewinnen, während der Kislar-Aga und sein Tschannador sich zwischen die wütende Frau und ihren Herrn warfen. Aber diese Pflichterfüllung sollte ihnen schlecht bekommen, denn die Sultana war eine böse Segnerin und die Schärfe ihrer Nägel so gut, wie die ihrer Zunge im ganzen Serail bekannt und gefürchtet.

"Bah!" schrie die Erbitterte, als der Aga, dessen Gesicht die blutigen Maale der bösen Finger zeigte, unwillkürlich nach dem Handjar im Gürtel griff und die Augen grimmig rollte; "was soll das heissen, Du ägyptisches Vieh? Meinst Du, ich fürchte mich vor einem mann, der kein Mann ist? Wallah! der schlechteste Knecht ist besser als Du, und ich will dem grab Deines Vaters antun, was ihm gebührt. Ist dies der Bluttrinker32, oder ist er Deinesgleichen? für was bin ich seine Bujuk-Hanum33, wenn er meine Sclavin verschmäht? Bana bak, sieh mich an, bin ich bosch, Nichts? Der Padischah ist eine blinde Kuh und seine Aga's sind Esel! Haiwan der, es sind Tiere!"

"Aman! Aman!"34 schrieen die Weiber. "Allah bila versin!"35

Die Eunuchen drängten jetzt mit Gewalt die Tobenden zurück, während es dem Sultan gelang, durch die Tür zu entwischen. Sein letztes Wort an den misshandelten Aga war: "Awret der: Es ist ein Weib! Delhi der: Es sind Tolle!" Der hohe Beamte aber war mit dieser Entschuldigung wenig zufrieden, denn kaum war der Vorhang hinter seinem Gebieter wieder herabgefallen, als er seinem Zorn freien Lauf liess, nach der Peitsche in seinem Gürtel griff und ohne Unterschied auf die tobenden Frauen losschlug, die alsbald das Feld räumten und sich eilig auf ihre Divans zurückflüchteten.

Mariam war unterdessen von den weissen Eunuchen der Eifersucht der Odalisken entzogen und hinausgeführt worden, um den alten Frauen übergeben zu werden, welche die Schönen für das Lager des Sultans "vorbereiten", und die Beamten zogen sich nun eilig zurück, im Stillen über die Schwäche ihres Gebieters grollend. Zur wutkeuchenden Sultana aber, die eben das griechische Mädchen, das ihr nahte, erbittert mit dem fuss von sich stiess, eilte die Khanum des Sirdars tröstend und beratend herbei.

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