dem Grossherrn auf die Knie warf.
"Möge das Licht der Welt," sagte sie schmeichelnd, "seiner Sclavin noch einige Augenblicke seiner kostbaren Zeit gewähren und seine Augen auf ein Geschenk werfen, das sie für ihn bereit hält."
Der Sultan setzte sich wieder.
"Was ist es, o Khanum? Du weisst, dass ich der Mutter meines Sohnes ihr Recht nicht verweigere."
Die Sultana verneigte sich. Als sie sich erhob, streifte ihr blick mit dem Vorgefühl des Triumphes über die getäuschte Nebenbuhlerin hin, die mit einiger Beunruhigung auf den unerwarteten Zwischenvorgang sah. Dann klatschte sie zwei Mal in die hände und alsbald öffnete sich der Vorhang der untern Seitentür nochmals, und von zwei schwarzen Sclavinnen geführt, trat eine ganz in einen weiten Schleier und braunen Feredschi gehüllte weibliche Gestalt ein, die langsam – während ihre Begleiterinnen zurückblieben – die Stufe herauf und bis in die Mitte des Oberteils vorschritt, wo sie sich vor dem Sultan zur Erde verneigte und dann, in ihre Gewänder verhüllt, gleich einer Statue stehen blieb.
Erstaunt schaute der Grossherr auf die ungewohnte Erscheinung und dann fragend auf die schlaue Sultana.
Diese zögerte – wie um die Neugier zu reizen – einen Augenblick, dann gab sie das zweite Zeichen.
Im Nu flogen die Gewänder und der Schleier zur Seite und ein reizendes Bild stand vor den Augen des Herrn.
Es war eine Tänzerin, halb europäisch, halb orientalisch gekleidet, in raffinirter Berechnung auf die Erregung der Sinne, – ein griechisches Mädchen von wunderbarer Schönheit, – N a u s i k a , die geraubte Tochter des Räubers und Mörders Janos, des Kameeltreibers, die Tochter des blutigen Feindes der Moslems, dessen kühne Tat einst die Gräuel von Chios gerächt hatte!
Der Leser wird sich erinnern, dass der Musselim von Tschardak das sechszehnjährige Mädchen kurz vor ihrer Hochzeit aus dem haus ihres abwesenden Vaters mit Gewalt geraubt hatte, um sie seinem gönner, Mehemet Ali, in Stambul zum Geschenk zu machen, und dass dieser Raub es war, welcher Janos auf's Neue zum Krieg gegen die Moslems trieb und ihn zum Schrecken Smyrna's machte. Mehemet, dessen Haus die Schwester des Sultans streng beherrschte, hatte die reizende Sclavin durch seine Frau der Sultana für den Harem seines Schwagers übergeben lassen, und diese beschlossen, sich in der Sclavin eine Anhängerin und – beim Verblühen der eigenen Reize – ein Mittel zu schaffen, auf die Sinne des Sultans zu wirken und seine Neigung in der Gewalt ihrer eigenen Interessen zu behalten.
Zugleich war sie klug genug, einzusehen, dass hier selbst bei aller Schönheit des Mädchens das Gewohnte nicht fesseln und reizen könne, da der Harem der schönen Frauen so viele barg, sondern dass es galt, einen aussergewöhnlichen Eindruck auf die Sinne des Gebieters hervorzubringen. Sie fiel auf den Gedanken, die griechische Sclavin während ihrer Gewöhnung zu den Sitten des Harems durch einen italienischen Tänzer ausbilden zu lassen, und diesem war es gelungen, in der Frist eines Jahres aus dem bildsamen Mädchen eine üppige orientalische Pepita zu schaffen. Zugleich vergass in den Lockungen des Ehrgeizes und Wohllebens die Griechin Familie, Glauben und Vaterland, gleich der ersten Liebe zu dem entrissenen Bräutigam, und während ihr Vater auf den Bergen Anatoliens mit blutiger Hand ihren Raub an den Bekennen, des Propheten rächte, war die Tochter bereits die gefügige Odaliske des Harems, die sinneberauschende Alme geworden, die – bisher sorgsam vor den Augen des Grossherrn verborgen – heute ihr erstes Debüt machen sollte.
Mit der Raffinerie der Wollust war die junge Tänzerin gekleidet, verhüllend und entblössend – lockend und verheissend! Um das dunkelbraune, fessellos über den Nacken fallende Haar, worin lange Schnüre von kleinen Goldmünzen eingeflochten glänzten, war ein duftender Kranz von damascener Rosen geschlungen. Grosse blaue Augen unter dunklen Brauen und der üppig aufgeworfene Mund predigten Lüsternheit und Sinnenrausch. Die antik schöne Nase und das Oval des Gesichts mit seinem reizenden weiss und rotem Teint bildeten ein äusserst liebliches Bild des Kopfes, der auf schlankem Hals und üppig geformter Büste sass, die von einem weit bis zur Herzgrube ausgeschnittenem Mieder von drap d'argent gegen die legère orientalische Sitte zur schlanken Taille eingeschnürt war. Um die breiten beweglichen Hüften bauschte ein schwarzer spanischer Seidenrock, kaum bis zum Knie reichend, während aus der Hülle der zahlreichen weiten Unterkleider von weissem Spitzengrund die klassische Form des völlig nackten Beines sich hervorstahl, dessen zierlicher Fuss allein mit fleischfarbenen Seidenschuhen bekleidet war. Eben so von der Achsel ab, wo sie eine kurze schwarze Spitzendraperie einschloss, entblösst waren die arme, an den Handgelenken mit breiten goldenen Bracelets geziert. Ein Strauss frischer Blumen, Rosen und Camelien schmückte und schloss den Ausschnitt des Busens.
Die rechte Hand mit der Castagnette über das reizende Haupt erhoben, die linke stolz auf die breite Hüfte gestemmt, stand die Tänzerin in malerischer Stellung einige Augenblicke vor den erstaunten Augen des Grossherrn. Dann erklangen die rauschenden Töne eines spanischen Tanzes, von Flöte und Violinen vorgetragen, die draussen im Divan-Hane, dem Vorzimmer, postirt waren, durch die Vorhänge der Türen herein dringend, und im kecken Sprunge flog die Alme auf den Padischah zu, den einen Fuss aus der neidischen Hülle üppig-graciös den von den unerwarteten Reizen entflammten Augen entgegenwerfend. Dann in jenen Windungen und Geberden, die so reizend das wollüstige Verlangen und Empfinden des spanischen und italienischen Tanzes ausdrükken, – in denen der Oberkörper schmachtet und lockt, während von der Taille ab der untere teil in glühendem Feuer sich zu erschöpfen