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Die Favorit-Sultana klatschte in die hände und eine Musik von Zitern und Triangel erschallte aus dem Unterteil des Gemachs. Mit ihren ersten Takten traten die Almen, die vor dem Padischah ihre Tänze aufführen sollten, herein. Die Sultana hatte für diesen Abend die jungen MädchenKinder sollten wir sagengewählt, die von zartem Alter an im Harem für dessen Zwecke erzogen und ausgebildet werden. Wenn auch nicht im Serail des Grossherrn, – wo dessen person der alleinige Zweck und Mittelpunkt ist, um den sich Alles drehtso doch in vielen andern Harems speculiren die Frauen förmlich in jungen Mädchen, die sie als Kinder ankaufen, erziehen und in verschiedenen Künsten unterrichten lassen, um sie dann, wenn sie mannbar geworden sind, oft mit grossem Vorteil an alte Lüstlinge zu verhandeln.

Die Almen der Sultana waren Mädchen von 10–14 Jahren, ein Alter, wo unter diesem Himmelsstrich bereits die jungfräulichen Formen vollständig sich entwickeln. Sie betraten den obern Raum an der Barriere zwischen den Sitzen der Odalisken und stellten sichsechs an der Zahlin einem Halbkreis auf, worauf sie zugleich auf die Knie sanken und mit der Stirn zum Zeichen des Grusses den Boden berührten.

Das Costüm oder vielmehr die Ausstellung dieser jungen Geschöpfe war so lüstern und schaamlos, wie sie eben nur für die Zwecke sinnlicher Aufregung dienen kann. Der obere teil des Leibes von den Hüften aufwärts war gänzlich unbekleidet, arme und Hals waren mit Goldspangen und Perlenschnüren umgeben, und nur die über die Brust gekreuzten hände verbargen den emporschwellenden jugendlichen Busen. Eine Kappe von eigentümlicher Form aus Goldbrokat bedeckte das Haupt, von dem wohl in zehn mit Perlen und Bändern durchwundenen Flechten und Zöpfen das Haar herunter hing. Türkische Beinkleider von roter Seide gingen bis zum Knie, von wo ab das Bein wieder nackt war, indess der Fuss in goldgestickten niedern Schuhen von gleicher Farbe wie die Beinkleider steckte.

Nach dem eintönigen Takt der Musik begann hierauf der Tanz, indem sie drei lange Shawls von farbiger Seide zu allerlei Draperieen und Dekorirungen verschlangen, erst langsamdann immer rascher und wilder bis zu den üppigsten Bewegungen der Flucht und der Hingebung. Die jungen kaum erschlossenen Körper wanden sich in Geberden und Stellungen des Verlangens und der Verführung einer leidenschaft, die ihnen noch unbekannt war, während die nackten Glieder in hundert Bewegungen und Verschlingungen sich kreuzten.

Der Tanz dauerte wohl eine halbe Stunde, während der die Sultana die Blicke häufig auf das Antlitz des Grossherrn beobachtend gerichtet hielt. Doch vergebens suchte sie den gewünschten Ausdruckdie Augen des Padischah blieben schlaff auf das gewohnte Schauspiel geheftet, es vermochte nicht seine Nerven zu erregen, und als jetzt nach einem Zeichen der Sultana, den Tanz zu enden, die Aelteste der Almen näher trat und knieend dem Padischah eine silberne Schaale vorhielt, warf er mit derselben Gleichgültigkeit einige Goldmünzen hinein. Mit Wut und Erbitterung nahm die Favoritin wahr, dass dabei der blick des Sultans immer wieder nach der Stelle sich wandte, wo Mariam auf dem Divan sass.

Auf ein zweites Zeichen der Sultana liessen jetzt die Eunuchen von der Decke des Unterraums einen straffgezogenen Leinwandvorhang fallen, die Lichter im obern teil diesseits des Vorhangs wurden ausgelöscht und die Musik, verstärkt durch mehrere Tambourins und Handtrommeln, eröffnete eine neue Melodie.

Es folgte nunmehr in Form eines Schattenspiels eines jener scheusslichen Schauspiele, halb Pantomime, halb Dialog, die in Stambul die Stelle unserer Arlequinaden und Hanswurst-Teater ersetzen. Die Hauptfigur derselben, K a r a g o ï s genannt, ist eine Art komischer Don Juan oder frivoler Hanswurst, der in verschiedene Liebesabenteuer gerät, wobei namentlich Griechen und Griechinnen fungiren. Der Dialog wimmelt, wozu die türkische Sprache leicht gelegenheit gibt, von den infamsten Zweideutigkeiten, die Actionen und Scenen aber sind der Art, dass die "Sittlichkeit" der europäischen Bordelle davor erröten würde.

Diese Sorte von Schauspielen ist nicht allein unter dem Volk in Stambul eine der beliebtesten Unterhaltungen und findet öffentlich argen Entré statt, wobei ein grosser teil des Publikums aus K i n d e r n besteht, sondern sie sind eben so ein gesuchtes Amüsement in den Harems der Reichen, und viele der Würdenträger halten sich besondere Darsteller. Namentlich erpicht sind die Frauen aus diese Schauspiele und es gibt für dieselben auch besondere öffentliche Teater, in denen sie in Gitterlogen sitzen.

Die Variationen derselben sind sehr mannigfaltig. Was die ausschweifendste, aller Schaam baare Phantasie erdenken kann, ist durchgängig der Gegenstand nicht nur der Worte, sondern der Action, um die physische Erschlaffung aufzustacheln. Unter solchen Verhältnissen wird es der Leser dem Autor erlassen, auf eine nähere Beschreibung des angedeuteten Schauspiels einzugehen.

Es hatte wohl eine Stunde gedauert, als der Padischah selbst das Zeichen zu seiner Beendigung gab. Die Schauspieler und der Vorhang verschwanden, die Kerzen wurden auf's Neue angezündet und Kaffee und Zuckerwerk gebracht.

Diesmal sah die Sultana ihre Arrangements von einem Erfolg begleitet. Die Stirn des Grossherrn zeigte eine leichte Röte, seine Augen hatten sich belebt, und als der Glanz der Lichter das Gemach wieder durchstrahlte, irrten sie über den Reizen seiner Odalisken umher und blieben dann auf Mariam, der Mingrelierin, mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit und Feuer haften, dessen Bedeutung nicht zu verkennen war und den das Mädchen mit gleicher sehnsucht erwiderte.

Der Padischah machte eine Bewegung nach dem Kislar-Aga, zu dessen Vorrechten es gehört, der begünstigten Kadine oder Odaliske die ihr zugedachte Auszeichnung zu verkünden, als die Sultana dem Befehl zuvorkam und sich vor