oben die eigentümliche Schönheit der jungen Odaliske beschrieben. Sie war eine Mingrelierin von Geburt, mit ihrer Mutter – einer Russin – als Kind in die hände kurdischer Räuber gefallen und später unter den Schutz Ali Pascha's gekommen, der sie dem Harem seines Gebieters bei passender gelegenheit zum Geschenk machte. Näheres wusste und erfuhr man nicht von ihr, doch war es bald offenbar, dass sie dankbar für die Gunst des Grossherrn diesem mit ganzem Herzen anhing und ihn hingebend liebte. –
Ein Schlag der Silberbecken, die während des Ganges durch das Gemach geschwiegen hatten, verkündete, dass der Grossherr Platz genommen, und auf dies Zeichen erhoben Alle das Haupt und es bildete sich eine Gruppe um den Padischah. Die Favorit-Sultana und die Schwester des Grossherrn nahmen auf Kissen am Boden an seiner Seite Platz und neben ihnen die beiden andern Kadinen, während die Odalisken jenseits der Fenster an den Wänden entlang auf dem Divan sich reihten. Neben den Kadinen nahmen der Kislar-Aga und der Kapu-Agassi ihre Stelle ein, während der Tschannador alsbald eine mit Edelsteinen reich verzierte Pfeife mit einem Rohr von Jasminholz, das mindestens sieben Fuss lang war, auf dem Mittelfinger der rechten Hand wiegend, feierlich heranschritt. Ein Offizier der Eunuchen setzte zugleich eine silberne runde Schaale im richtigen Augenmaass auf den Boden, so dass, als der Tschannador den Kopf der Pfeife auf diesen Teller setzte und diese nun zierlich herumschwang, das Mundstück gerade zu den Lippen des Grossherrn reichte. Ein anderer Offizier brachte in der silbernen Zange, welche die meisten Türken in einem Futteral am Gürtel tragen, aus dem Tandur die brennende Holzkohle für den Taback, und dann erst, als die Pfeife in Brand war und er mehrere Züge des duftigen Dampfes getan, indess die Offiziere rückwärts gehend nach dem Unterteil zurückschritten und dort mit gekreuzten Armen stehen blieben, wandte sich der Sultan zu seiner Schwester und der Sultana und begann das Gespräch mit der üblichen Formel: Kosch dscheldin28 und der Frage: Kiefiniz aji me: Ist Eure Laune gut?
Die Sonne war unterdessen am Horizont verschwunden, und dies ist die Zeit, wo die meisten Bekenner des Propheten die einzige oder wenigstens die Hauptmahlzeit des Tages zu sich nehmen. In den Gängen des Palastes erscholl zugleich der Ezan, der Ruf des Imaum's zum Gebet, und sofort knieete der Sultan mit dem Gesicht nach Mekka auf dem Teppich nieder, während alle Anwesenden sich zu Boden warfen, und verrichtete das Abendgebet. Erst als der Padischah wieder Platz genommen, erhoben sich die Andern. Alsbald wurde der Kaffee dem Sultan gebracht und während sich die Sultana Adilé verabschiedete und rückwärts schreitend von ihrer Schwägerin bis an die Tür der Frauengemächer geleitet, ihren kurzen Heimweg im Kaïl nach dem Harem Mehemed-Ali-Pascha's antrat, wurde das Gemach mit einer Unzahl von Wachskerzen erhellt, worauf die Baltahgies, die Köche des Harems, eintraten, und auf einem vor den Grossherrn gestellten Tisch die zahlreichen Gerichte ordneten. Dieselben bestanden – wie stets, wenn der Grossherr im Harem speist – aus türkischen speisen, der Torba oder Fischsuppe, Dolmas: Reis mit Fleischkugeln in Weinblätter gewickelt, Kaftas: farcirtem Fleisch, einem gebratenen Lamm in einem Berge von gekochtem Reis, und Halvas oder Zuckerfrüchten und Eingemachtem, von denen eine Unmasse kleiner silberner Schüsseln aufgesetzt wurden.
Der Padischah speiste allein, von den Pagen knieend bedient, da es nicht erlaubt ist, dass ein Mann und noch weniger eine Frau seine Mahlzeit teilt. Doch sandte er häufig durch einen Wink an die Pagen einer oder der andern der Frauen, darunter auch Mariam eine silberne Schaale mit eingemachten Früchten oder Leckereien. Während der Mahlzeit, die schweigend vollbracht wurde, verrichtete am Eingang des Oberteils die Massaldschi29 ihr Amt, indem sie in halbem, eintönigen Gesang eines jener phantastischen Mährchen erzählte, deren Anhören in den Kaffeehäusern, auf den Strassen und in den Harems einer der grössten Genüsse der Moslems ist. Die Erzählung, mit den ausschweifendsten Farben das Liebesglück schildernd, wurde fortgesetzt, während die Sultana dem Grossherrn aus einer goldenen Kanne wasser über die hände goss, indess einer der Pagen knieend das Becken von gleichem Metall hielt, in dem der Padischah die vom Koran vorgeschriebenen Abwaschungen vollführte. Alsdann wurde mit gleichen Ceremonieen wie vor der Mahlzeit dem Gebieter der Kaffee und eine neue Pfeife gebracht30.
Der "Herr der Welt" erlaubte jetzt durch seinen Wink den begünstigten Frauen, gleichfalls ihr Nargileh zu nehmen, da die Unterhaltungen des Abends beginnen sollten.
Die Dienerinnen naheten sich ihren Gebieterinnen und N u r s ä d i h , die schwarze Sclavin Mariam's, tat dasselbe. Diese gelegenheit benutzte die Odaliske zu einem raschen Gespräch mit ihr.
"Ist Dein Bruder Jussuf, der Courier, im Palast?"
"Du sagst es, Herrin."
"Wohl. Höre meine Worte. Lass ihn sich bereit halten zu einer Reise nach dem Lager des Sirdar. Er soll das schnellste Pferd nehmen, das ihm zu Gebote steht, und nicht rasten unterwegs."
"Du kennst seine Schnelligkeit, o Khanum. Der Pfeil vom Bogen verfolgt seinen Weg nicht gerader denn er."
"Der Padischah, mein Gebieter, wird mich zu seiner Kadina wählen an diesem gesegneten Abend, sein Auge sagte es mir. Nun merke auf. Zu welcher Stunde der Nacht es auch geschehe, dass ich Dich rufe, so sei zur Hand und lass Deinen Bruder den Fuss im Bügel halten."
"Auf mein Haupt komme es.