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den Zug, an der Spitze von vier mit blanken Säbeln bewaffneten circassischen Sclaven.

Der GrossherrAbdul-MedschidK h a n – zur Zeit unserer Erzählung im einunddreissigsten Jahre stehend24war eine grosse Gestalt mit vollem fleischigem, aber blassem Gesicht, das zwar unverkennbar einen Zug von Gutmütigkeit trägt, aberoffenbar von dem frühen Genuss der Haremsfreuden, zu denen ihn seine ehrgeizige Mutter verleiteteden Ausdruck des Schlaffen, Teilnahmlosen hat. Alles innere Leben scheint aus diesem Antlitz verschwunden, das durch die breite offene Stirn und die edle Form der Nase selbst schön zu nennen wäre, wenn das grosse dunkelbraune Auge mehr Feuer und nicht jenen melancholischen blick der Seelenapatie zeigte. Es ist gewöhnlich zu Boden geschlagen, oder wenn es erhoben wird, starr und kalt; nur selten sprüht ein Blitz der leidenschaft oder des Bewusstseins der Macht daraus hervor, und dann wird es dem scharfen wilden Auge seines grossen Vaters ähnlich.

Der Sultan trug die halb europäische Kleidung: weisse Pantalons, darüber einen zugeknöpften indigoblauen Rock mit steifem Kragen und den roten Fess, statt der gewöhnlichen schwarzen lackirten Stiefeln25 jedoch gelbe Pantoffeln. Die einzige Auszeichnung, die ihn schmückte, war ein mit grossen Diamanten besetztes Brustschild, da wo der Rockkragen sich schloss. Alle seine Begleiter trugen gleichfalls den abscheulichen Fess, diese unkleidsame und zweckwidrige Tracht, welche die Reform des verstorbenen Sultans für die Civilbeamten und das Militair eingeführt hat. Mit dem letzten Janitscharen sank die malerische Kleidung der türkischen Krieger.

Als der Grossherr über die Schwelle des untern Gemachs trat, fiel die Reihe der Dienerinnen und Eunuchen knieend zu Boden, mit der Stirn fast die Erde berührend, auch die Odalisken beugten sich tief und verharrten, Alle das "Selam Aleikum"26 murmelnd, in dieser Stellung, bis der Sultan, der nie den Gruss eines Untertanen erwiedern darf, durch ihre Reihe hin- und zu dem Ehrensitz in der Ecke geschritten war, auf dem er Platz nahm. Ein rascher kurzer Seitenblick, als er an Mariam vorüberging, der nicht bloss von dieser, sondern auch von den beiden Sultaninnen sehr wohl bemerkt worden war, bewies, dass er trotz seiner äussern Gleichgültigkeit auf seine Umgebung achtete. –

Der jetzige Grossherr hat, wie gesagt, in seinem Wesen keineswegs das Entschlossene, Gebietende des Despoten, was man wohl an dem unumschränkten Herrscher des Orients erwartet und was in den meisten Gliedern seiner Familie ausgeprägt war. Vielmehr liegt etwas Schüchternes, Unentschlossenes in seinem Wesen und er ist nicht einmal der Gebieter in seinem Harem. Die Erfahrungen seiner Jugend mögen daran schuld sein, zuerst der Druck seines despotischen, keinen Willen neben dem seinen duldenden Vaters, und die Erziehung nicht im Feldlager, sondern im Harem, in dessen Genüsse er bereits mit seinem dreizehnten Jahre eingeweiht wurde. etwa andertalb Jahre vor seinem Tode27 schenkte ihm Sultan Mahmud eine wunderschöne Circassierin, zu welcher der Jüngling eine heftige Liebe fasste, die bald auch Folgen hatte. Wir haben oben bereits das unnatürliche Regierungsprinzip erwähnt, dass die Söhne und Brüder des Sultans bei seinen Lebzeiten keine Kinder haben dürfen. Die Circassierin weigerte sich, eines jener abscheulichen Mittel anzuwenden, welches das Kind unter ihrem Herzen tödten sollte, und der Prinz konnte sich nicht entschliessen, sie dazu zu zwingen. Er rechnete auf den Tod des Sultans, der sich bekanntlich dein Trunk ergeben und schon mehrere Anfälle des delirium tremens gehabt hatte, um dann als Herr und Gebieter die Sclavin und ihr Kind anzuerkennen. Bis dahin suchten Beide auf alle mögliche Weise die Schwangerschaft zu verbergen. Aber der Neid der Odalisken brachte sie an den Tag, und der Sultan stellte die grauenvolle Wahl, dass entweder das ungeborene Kind oder die Sclavin geopfert werden müsse. Die Geliebte des Prinzen weigerte auch jetzt noch standhaft das Verbrechen gegen die natur, und als der junge Abdul zwei Abende darauf den Harem besuchtewar sie verschwunden: man hatte sie erdrosselt.

Vier Wochen nachher starb Sultan Mahmud am Delirium in seinem Kiosk auf den Höhen von Goksu am asiatischen Ufer des Bosporus.

Abdul Medschid gelangte mit sechszehn Jahren zum Sultanat, doch hatte er damit kaum den Herrn gewechselt, denn die Sultanin Valide, seine Mutter, und die Intriguen des alten Chosrew-Pascha hielten ihn unter ihrem Druck, bis zwischen Beiden selbst Feindschaft ausbrach. Auch nachher noch gönnte er seiner Mutter einen grossen Einfluss auf die Regierungsgeschäfte, bis sie im Frühjahr 1853 starb.

Kurz vorher, ehe sie erkrankte, hatte der Grossherr von Ali Pascha, dem Gouverneur von Brussa, die Odaliske M a r i a m zum Geschenk erhalten und ihr alsbald eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, da sie seiner gemordeten ersten Geliebten auffallend ähnlich sein sollte. Dieser Vorzug hatte natürlich unter den Frauen des Harems bedeutende Aufregung und Eifersucht hervorgerufen und ihre Intriguen und die Herrschsucht der Mutter des Tronfolgers erschwerten den Umgang des Sultans mit seiner neuen Geliebten auf alle mögliche Weise. Man sah in ihr nicht nur die gefährliche Nebenbuhlerin um die persönliche Gunst des Sultans, sondern auch um den politischen Einfluss, und es ging das Gerücht im Harem, dass sie eine heimliche Christin und von der russischen Partei in den Harem gebracht sei. Wir haben bereits angedeutet, dass man einer Schwangerschaft zuvorgekommen war, da sie die Geburt eines Kindes den Sultaninnen mindestens gleichgestellt hätte, während die Unfruchtbarkeit der Kadinen für eine Schmach gehalten wird und diese ohne Rechte nur in der Lage einer begünstigten Sclavin verbleiben lässt. Selbst der Wille und die Macht des Sultans vermochten sie kaum genügend gegen die Angriffe ihrer Feindinnen zu schützen.

Wir haben