1855_Goedsche_156_26.txt

versuchte die Tür des Hauses einzustossen. Eine Kugel, die im nächsten Augenblick durch seinen hohen Fess fuhr, belehre ihn, dass die Bewohner bereits wach und zur Verteidigung bereit seien. Emporblickend bemerkte er ein männlich schönes, nur etwas starres Gesicht, das von hochblondem lockigem Haar umgeben, sich mit furchtlosem Ausdruck aus dem Fenster des ersten Stockwerks gerade über der Tür heraus bog, um die wirkung des Schusses und die weiteren Vorgänge im hof zu erspähen. Ein weisser voller Arm schlang sich um den Hals des Engländers und zog ihn halb mit Gewalt in das Haus zurück.

Im hof schlug sich Katarchi mit den beiden Khawassen, sein Untergebener war Caraiskakis zu hülfe geeilt und suchte mit diesem die Tür einzudrängen. Ein Ruf des Bandenführers, der die Augen überall hatte, mahnte Gregor, zur Seite zu blicken. Aus einem Nebenfenster des Erdgeschosses, nahe der bestürmten Tür, lehnte sich ein vierschrötiger Engländer in Seenmannstracht bequem heraus und suchte für seine Flinte im Anschlag den Kopf des Griechen zu fassen. Die Gefahr war dringend und fast unabwendbar. Aber im Augenblick, wo der Finger des Briten den Drücker berührte, schwankte das Gewehr und der Schuss fuhr zur Seite vorbei, der Engländer aber verlor das Gleichgewicht und an den Beinen in die Höhe gehoben, stürzte er schwerfällig aus dem Fenster auf das Marmorpflaster des Hofes. Mauro, der gewandte Schelm, war durch eines der Fenster in's Haus geklettert und zum glücklichen Augenblick erschienen. Im nächsten hatte er die Tür entriegelt und Caraiskakis, sein Gefährte und der Räuberchef, der sich des einen Khawassen durch einen schweren Hieb in die Schulter entledigt hatte, stürzten in das Haus. Zugleich eilte aus dem Oberstock Sir Maubridge, von zwei anderen Dienern und dem Hausaufseher gefolgt, die Stiege herab, denn oben auf dem flachen dach leckten und schlugen bereits die Flammen empor, die Jan's geschleuderte Fackel an dem trockenen Holzwerk entzündet. In dem linken Arm des Briten, halb getragen von ihm, hing ein griechisches Weib in wallenden Nachtgewändern, das bleiche Gesicht umflattert von den fessellosen wallenden Locken. "Diona!" wiederholte Gregor und das bleiche Frauenbild zuckte zusammen bei den bekannten Tönen und streckte die hände nach ihm aus, – aber wie von unwiderstehlicher Macht dahingerissen, klammerte sie sich von Neuem an den Geliebten und der flammende Stahl trennte die Geschwister, denn kühn und gewandt schwang Maubridge den Säbel in seiner Rechten gegen die Herandrängenden, und die drei Diener wehrten mit allen Waffen, die in der Eile zur Hand waren, den Angriff ab und sicherten seinen Rückzug. Zwei Mal hob Gregor die Pistole und visirte nach dem Verführer, zwei Mal liess er sie sinken, denn des Mädchens Brust deckte opfernd den Geliebten. So tobte, der Kampf von Zimmer zu Zimmer, bis der hintere Ausgang des Hauses erreicht war und unter der Hand der Diener aufflog. "Hundert Pfund, wenn Ihr fünf Minuten die Tür haltet!" bot der Brite und warf sich mit seiner schönen Beute in's Freie, während die drei Engländer wie grimmige Bulldoggen sich vor den Ausgang stellten und den Gegnern das Weisse im Auge boten. Ein Schuss durch den Kopf aus Gregors Pistole streckte den einen der Diener zu Boden, dem Hauswart traf ein Messerstich des Buben Mauro in die Weichen, und während der dritte Gegner dem Räuberchef einen gewaltigen Boxerstreich versetzte, der diesen fast zu Boden warf, tönte draussen bereits der Ruf des Triumph's; Welland trug das ohnmächtige Mädchen auf seinen Armen hinab zum Ufer, indess seine beiden gefährten den zu Boden geworfenen Baronet mit Stricken zusammenschnürten. Hoch auf schlug die Flamme aus dem Landhause in den blauen Nachtimmel und beleuchtete die blutige Scene. Da eilte vollen Laufs der Bandit herbei, den Jan auf Posten gegen das Dorf gestellt hatte und verkündete das Nahen von Leuten. Im Nu waren Alle an den Booten versammelt, – drei der Männer schwer verwundet, auch Jan blutete aus einem Schulterhieb, – die Boote flott gemacht und besetzt, – in der nächsten Minute stiessen sie vom Ufer und flogen in das bergende Dunkel, während hinter ihnen drein noch ein Schuss des entflohenen Khawassen knallte und die jeden Moment sich mehrenden Gestalten am Ufer hin und her eilten. Welland hatte das noch immer von Ohnmacht befangene Mädchen dem Freunde auf den Schooss gelegt und arbeitete rüstig mit zwei Rudern. In der Spitze des Kahns stand Jan, um die Bewegungen zu lenken, damit sie nicht zu nahe der Felucke kommen möchten. In der Tat war hier Alles wach geworden von dem wiederholten Schiessen und dem Brande, der mächtige Rauchwolken in die Morgenluft emporqualmte. Man rief sie an, aber der Räuber antwortete gewandt, dass sie vor dem Angriff flüchteten und bald waren sie ausser Schussweite. Im Hauch der frischen Seeluft kam Diona wieder zur Besinnung. Zuerst fuhr sie empor und blickte wild um sich, wie den schützenden Freund suchend, – dann, indem sie den Bruder erkannte, warf sie sich in seinen Schooss und weinte heftig. In der Nähe des Ufers trennten sich die Kähne, und während der Banditenchef das Geschwisterpaar weiter hinauf nach seinen Verstecken führte, landete der Knabe den Arzt in der Nähe der Frankenstadt und geleitete ihn durch die noch einsamen Strassen bis zum Eingange seines Hauses. Am nächsten Abend versprach er ihn zu dem Freunde zurückzuführen.

In Smyrna selbst war der Abend und ein teil der Nacht zwar ruhig und stürmisch, aber doch ohne Gewaltat der Flüchtlinge vergangen. Der Tiger hatte noch nicht Blut geleckt. Eine Deputation an Herrn von