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."

"So können wir auf den Sir Kiatib16 und seine Versicherung rechnen, dass der Ferman noch nicht abgesandt ist?"

"Bei meinen Augen, Herrin. Er lag zur Unterschrift des Padischah bereit, aber der heilige Scheik ul Islam17 hat das Versprechen des Schatten Gottes, dass die Sache nochmals beraten werden solle. Der heilige Mann und der Saderel Azan18 haben sich böse Worte gesagt."

"Er ist unser Feind," warf die Schwägerin der Sultana ein; "möge seine Leber schwarz werden."

"Ist Alles geschehen, wie ich befohlen? Sind die Alme'n19 bereit und das Spiel? Haben die Weiber die Sclavin vorbereitet und sie gesalbt?"

"Möge das Licht Deiner Augen auf Deinen Sclaven fallen. Das Mädchen hat so eben das letzte Bad erhalten und ihre Schönheit strahlt, wie der Abendstern, neben der Sonne der Sultana."

"Es ist gut. Lasst uns das Ende erwarten. Allah möge uns beistehen."

Der durchdringende helle Klang zweier in einiger Entfernung zusammengeschlagenen Becken unterbrach das Gespräch.

"Der Padischah!" ––––––––––––––––––––––––––––

Während am Ende des Oberteils die Weiberintrigue im Interesse der alttürkischen Partei sich schürzte, um den Ausbruch des Krieges herbeizuführen, war unsern der Gruppe eine andere geheimnissvolle Scene vor sich gegangen.

Der Leser wird sich erinnern, dass in dem Augenblick, als die Favorita auf die blonde Odaliske deutete, diese mit aufmerksamerem blick als bisher die Gruppe gegenüber zu betrachten begann, die sich um den Schmuckkasten der jüdischen Juwelenhändlerin drängte. Dir Ursache hiervon war diese selbst, indem sie in einem Augenblick, als zufällig das Auge des jungen Mädchens auf sie fiel, ein rasches Zeichen machte und den Zeigefinger der linken Hand auf die Lippen legte.

Die Odaliske wandte der Verkäuferin nun ihre volle Aufmerksamkeit zu, und als ein zweiter und deutlicher Wink der Augen ihr gezeigt, dass die Jüdin ihr Etwas mitzuteilen habe, aber vor den bewachenden Augen der Sultaninnen sich nicht selbst ihr zu nahen wage, erhob sie sich langsam und trat wie gleichfalls neugierig zu der Gruppe ihrer Gefährtinnen heran und nahm einen oder den andern der Gegenstände in die Hand. Die gewandte Jüdin ergriff sofort den Moment.

", Herrin," sagte sie, indem ihr blick die Odaliske bedeutete, aufzupassen; "der Gott Abrahams segne Eure Schönheit. Wollt Ihr nicht dieses Halsband versuchen? es sind reine Ametysten aus dem kalten land der Moskowiten, unserer Feinde, wo der Schnee das ganze Jahr lang auf der Erde liegt, obschon ich mir habe sagen lassen, dass die Sonne die Hälfte der Zeit dort nicht untergeht und die andere Hälfte Nacht ist20. Nehmt, Effendi, und prüft es an dem Elfenbein Eures Halses."

Sie drängte der Odaliske das Halsband auf und diese fühlte zugleich, dass aus dem weiten Aermel der Jüdin ein anderer Gegenstand mit in ihre Hand glitt. Besonnen trat sie vor einen der grossen Spiegel, die, meist Geschenke europäischer Fürsten, in prachtvollen Nahmen an der Wand des Kiosks ohne alle Regelmässigkeit aufgehängt, eine Lebensnotwendigkeit für die eitlen und putzsüchtigen Haremsbewohnerinnen sind, und legte das Halsband wie prüfend um, indem sie geschickt dabei den zusammengerollten Streifen Pergament, den sie zugleich erhalten, in das süsse Versteck aller Frauen, den Busen, gleiten liess. Dann gab sie ablehnend den Schmuck wieder zurück und wandte sich nach ihrem Platz.

Noch ehe sie diesen erreicht, erscholl das Zeichen, welches den Besuch des Grossherrn verkündete. Wie mit einem Zauberschlage änderte sich das Bild. Die Jüdin raffte ihre Sachen eilfertig zusammen, warf der Odaliske noch einen raschen bedeutsamen blick zu und wurde von den Verschnittenen aus dem Gemach getrieben. Auch die erste Khanum Omer Pascha's schlug ihren Yaschmak um das Haupt und barg sich nach einigen rasch mit der Favoritin gewechselten Worten unter den Dienerinnen im Unterteil des Gemachs. Während die beiden Kadinen zu der Sultana traten, stellten sich die Odalisken in zwei Reihen entlang der Divans auf, die hände über die Brust gekreuzt und die Augen zu Boden gesenkt, ebenso die Dienerinnen und Eunuchen im Unterteil.

In der Bewegung, die dieser Anordnung voranging, gelang es M a r i a m , der blonden Odaliske, den Zettel in der hohlen Hand zu lesen. Derselbe entielt die Worte:

"An die Khanum Mariam. – Die Verschiebung des Angriffs um zehn Tage ist heute zwar im Divan auf den scheinbaren Rat des englischen Eltschie21 beschlossen, heimlich aber drängt man den Sultan, die Absendung des Befehls zu verzögern. Erlange um jeden Preis seine Unterschrift und die Absendung des Fermans, womöglich noch in dieser Nacht, denn morgen wachen die Feinde. Im Namen des Gottes, den Du im Herzen verehrst. Die Sache ist wichtig."

Sie bog den Pergamentstreif zusammen und verbarg ihn in dem Gewande, denn der Zug des Sultans nahete, wie das Zusammenschlagen der silbernen Becken verkündete.

Einen Augenblick hielt er vor dem grossen Eingang des Gemachs, während die mit entblössten Säbeln Wache haltenden Eunuchen den Vorhang zu beiden Seiten emporhielten.

Zunächst traten vier Itschoklans22schon in ihrer Jugend verstümmelte Kinderein und schritten bis zu dem Aufgang des Oberteils vor. Ihnen folgte eine gleiche Anzahl schwarzer Eunuchen, die Becken schlagend, und darauf der Tschannador-Aga23, den grossen Pfauenwedel tragend, womit die Pagen dem Grossherrn Kühlung zufächeln. Hinter ihm kamen die beiden Schwertträger des Sultans und dann dieser selbst auf den Arm des Kislar-Aga gestützt. Der Kapi-Aga (Agassi) oder das Oberhaupt der weissen Verschnittenen schloss