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ausgekramt hatte. Der Handel war in vollem Gange und der Inhalt des Kastens wanderte Stück für Stück durch die an Fingerspitzen und Nägeln mit Hennah gefärbten hände, während das wirre Geschnatter und Geschwätz der Beschauerinnen kaum das eigene Wort verstehen liess.

Dieser Gruppe gegenüber auf der Ecke des Divans, welcher zum Ehrensitz fortlief, lehnte eine dritte, doch nur aus zwei Personen bestehend, beide der Typus einer auffallenden und doch sehr verschiedenartigen Schönheit, Herrin und Dienerin. Die Erste war ein junges Mädchen von kaum siebzehn Jahren, nicht nach gewöhnlicher türkischer Sitte auf dem Divan mit untergeschlagenen Füssen hockend, sondern halb liegend in die weichen Polster gelehnt. Ein zartes, blasses Antlitz von überaus schöner Form, von den im Orient so ungewöhnlichen aschblonden Haaren umgeben, die in einem reichen Lockenwald auf Hals und Brust fielen, erhielt durch die bei dieser Farbe eben so seltene Zierde schwarzer Augen, in denen eine gewisse melancholische Schwärmerei lag, einen wunderbaren Reiz. Die Züge dieses Gesichts waren edel, verständig und harmonisch, die Figur unter Mittelgrösse, zart und schlank, und obschon die Schöne, die den Kopf in die rechte Hand gestützt, sinnend und teilnahmlos vor sich hin schaute, in orientalische Gewänder gekleidet war, hatte Alles an ihr doch den Typus einer Züchtigkeit und Schaam, der offenkundig der Kleidung der anderen Frauen fehlte. Vor ihr knieete, mit ihren Locken spielend und von Zeit zu Zeit ihr allerlei Erfrischungen anbietend, eine junge Mohrin von wahrhaft junonischem Wuchs und einem Ebenmaass der Körperformen, der einem Bildhauer hätte zum Modell dienen können. Sie war in ein weisses Gewand gekleidet, das die dunkle Broncefarbe noch mehr hervorhob, während breite goldene Reife den nackten Hals, die Anne und Knöchel zierten. Eine fast antike Kopfbildung bewies, dass sie zu einem der Stämme Abessyniens gehörte, die sich durch ihre Körperschönheit von allen Mohren so sehr auszeichnen, dass sie kaum zu den Negergeschlechtern gezählt werden dürfen. Einige Jahre älter als die Herrin auf dem Divan, schien sie mit einer wahrhaft mütterlichen Liebe an dieser zu hängen und für sie zu sorgen, denn selbst der lockende Anblick des reichen Schmucks, der auf der andern Seite ausgelegt wurde und das neugierige Zudrängen der Dienerinnen aus dem untern Raum vermochte sie höchstens, von Zeit zu Zeit die schöne Odaliske durch eine Bemerkung aus ihrem Nachsinnen zu stören und darauf aufmerksam zu machen.

Im untern teil des Gemachs um den Springbrunnen waren in ihrem trägen Schlendrian mehrere Dienerinnen und schwarze und weisse Eunuchen beschäftigt, oder pflegten selbst des Käff, jenes dolce farniente der Moslems; denn im Orient besteht die Sitte, dass in einem nur einigermassen zahlreichen Haushalt jeder Diener und jede Dienerin ein einzelnes bestimmtes Geschäft verrichtet und nie die Hand zu einem andern anlegt. Dazwischen gingen mit jenem unhörbaren Schritt und jener Ruhe, welche die asiatische Dienerschaft auszeichnet. Einzelne durch die Teppiche des Eingangs ab und zu. ––––––––––––––––––––––––––––

"Mashallah," sagte die zweite Dame der Gruppe in der obern Ecke des Gemaches aufgeregt zu ihrer Gefährtin, "ist der Padischah, mein Bruder, ein Esel oder bist Du nicht die Sultana seines Harems und die Mutter des Tronerben, dass Du nicht die Macht haben solltest, einen Mann zu dem zu bewegen, was uns das Beste dünkt?"

"Ich küsse Deine Augen, Sultana Adilé," entgegnete die Circassierin, "Allah und die Zuflucht der Welt6 haben es gewollt, dass ich die erste Frau seines Herzens bin, aber Dein Bruder ist veränderlich und die Sonne seiner Gunst ist auf ein geschöpf gefallen, von dem ich glaube, dass sie unsere Feindin ist."

Die Augen der drei Frauen wandten sich bei dieser Erwähnung einen Moment lang auf die blonde Odaliske am Ende des Divans, die in ihrem Träumen nicht bemerkte, dass von ihr die Rede war.

"Half! Half!7 Eine verkehrte Stunde hat sie hierher und vor den Grossherrn gebracht. Wir werden es Ali Pascha gedenken der sie ihm zum Geschenk gemacht hat. Sie ist offenbar eine Moskau8. Aber ich müsste die Sultana nickt kennen, wenn ich glauben sollte, sie werde ohne ihre erlaubnis eine Kadine werden und ihm ein Kind gebären."

"Wallah! Haltet Ihr mich für eine turkomanische Kub? Ich habe Augen in meinen Kopf und sie sind offen."

Ein rascher blick verständigte Beide.

"Es ist gut. Doch lasst uns von dein Geschäft reden, um das Mehemed Ali Pascha, mein Mann, mich hierher gesandt."

"Allah behüte Euch, Ihr redet Wahrheit, Sultana," mengte sich die ältere Frau in die Unterhaltung, "und Mehemed Pascha ist der wahre Hort der Gläubigen. Hier ist das Schreiben meines Herrn, des Sirdar, eines so guten Moslems, wie nur je einer das Antlitz des Padischah geschaut hat, obgleich sein Vater und seine Mutter als Ungläubige verdammt sind. Omer meldet darin, dass er am zwanzigsten Tage des Muharem9 den Krieg gegen die Ungläubigen beginnen wolle. Wir zählen heute den gesegneten Tag des siebzehnten, und es gilt vor Allem zu verhindern, dass der Sirdar keinen Gegenbefehl vom Schatten Gottes10 erhalte."

"Du weisst, was geschehen ist heute Morgen im Rat, Sultana?"

"Mashallah, was werde ich nicht? für was habe ich Augen und eine Zunge im mund? Ist der Kapu Agassi11 ein Mann, der auf die stimme der Sultanin nicht zu hören wagt?"

"Die Inglis und Franken sind Leute, welche die ganze Welt in dem Winkel ihres Auges tragen und eine gespaltene Zunge haben