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die Nation entsprossen.

Im Unterteil führten zwei mit schweren Teppichen verhangene Türen aus der Querwand und eine eben solche aus der Seitenwand nach dem Gebäude hin in die Divan-Hane, die grosse Mittel-Halle des Hauses, welche den freien Zugang zu allen Gemächern bildet. Ausnahmsweiseda sonst in den türkischen Zimmern nur ein Eingang zu sein pflegt, – befand sich auf derselben Seite auch eine gleiche Tür im Oberteil.

Ein dicker persischer Teppich bedeckte den Fussboden desselben vor den Fenstern. Obschon viele Personen und Gruppen in dem Gemach versammelt waren, blieb der Ehrensitz und sein nächster Umkreis doch frei.

Es befanden sich ungefähr zwanzig Frauen in dem Oberteil des Gemachs, während eine gleiche Anzahl von Dienerinnen den unteren in verschiedenen Beschäftigungen einnahm. Zwei Schwarze von unförmlich dicker Figur, unglückliche Geschöpfe, die für die Gebräuche des Despotismus schon als Kinder der Mannheit beraubt worden, in weiten orientalischen Kleidern von schreiend roter Farbe, standen an den beiden Eingangstüren, teils um Wache, teils um Ordnung zu halten unter den oft sehr aufrührerischen Odalisken.

In der linken Ecke des Kiosk, dem Ehrenplatz gegenüber, schien sich die Hauptgruppe der drei versammelt zu haben, welche das Oberteil einnahmen. Auf den Kissen des Divans sassen zwei Frauen in überaus reicher Kleidung, während eine dritte auf der Decke vor ihnen kauerte, alle drei im eifrigen, obschon leise geführten Gespräch. Zwei junge Wohrinnen, Mädchen von etwa 12–13 Jahren, bedienten sie, indem sie von Zeit zu Zeit mit einer silbernen Zange eine frische Kohle auf den duftenden Tabak von Schiraz legten, der im vergoldeten Kopf des Nargileh's brannte, dessen zierlich aus Gold- und Silberfäden gewundener Schlauch mit edelsteinbesetztem Mundstück aus dem in der Türkei so hochgeschätzten weissen Bernstein den Rauch durch das mit Rosenwasser gefüllte Krystallgefäss zu den Lippen der Damen führte. Häufig nahm dabei Eine oder die Andere derselben einen Löffel von dem süssen Eingemachten, das aus Rosenblättern, Mastix, Limonen und Weichseln bestehend, in vergoldeten Schaalen auf einem gleichen Präsentirbrett von den Sclavinnen ihnen gereicht wurde, und dessen häufiger Genuss, jedes Mal mit einem Schluck wasser nächst dem Naschen des Zukkerwerks und dem Kaffee zu den Liebhabereien der türkischen Frauen gehört.

Die eine der Damen auf dem Divan war eine hohe und trotz des weichlichen Lebens ebenmässige Figur, zwar über die Frauenjugend hinaus und anscheinend bereits im Anfang der dreissiger Jahre, aber keineswegs schon verblüht, was so häufig bei den orientalischen Frauen in einem Alter der Fall ist, dabei uns Nordländern erst vollkommen die Frauenschönheit zu entwickeln pflegt. Ihre Gesichtszüge zeigten den reinen klassischen Typus der kaukasischen Raçe, belebt durch ein feuriges Auge, aus dem Stolz und Herrschsucht sprachen. Das dunkle Hauptaar war in zahllose Flechten gelegt, die, mit Goldmünzen und Perlen durchwunden, zu beiden Seiten des Gesichts und im Nacken herunterhingen, während ein gelbseidenes Tuch um den Scheitel geschlungen und dort mit grossen Brillantnadeln festgehalten war. Eine dicke, drei Mal umgelegte Perlenschnur umgab den vollen, ebenmässigen Hals und fiel auf den Busen herab, der von einer aus Goldstoff bestehenden Weste fast gänzlich entblösst gelassen wurde. Weite Beinkleider von Purpurseide aus Brussa, aus denen die nackten, auf den Zehen mit goldenen Ringen geschmückten Füsse hervorsahen, indess die gelben, kaum die Spitze bedekkenden Pantoffeln vom Divan geglitten waren, bildeten die untere Bekleidung. Auch die arme waren fast bis an die Schulter entblösst, von der ein der Weste entsprechender offener Aermel von Goldstoff niederhing. Schwere Ohrgehänge von jenen grossen Türkisen, die allein in den Minen von Nischagur in Indien gefunden werden, und eine Unzahl goldener Armbänder um beide Handknöchel vollendeten den Putz.

Eben so reich, obschon weniger frei, waren die beiden andern Damen, namentlich die zweite, gleichfalls auf dem Divan Sitzende gekleidet. Das reiche Geschmeide dieser überstrahlte sogar an Glanz und Wert bei Weitem den Schmuck der Erstern. Diamanten und Smaragden waren sowohl an ihrem turbanartigen Kopfputz, als an der Stickerei ihres dunkelroten Mieders verschwendet, über welches ein mit schwarzem Pelz verbrämtes kaftanartiges Oberkleid von gelber Seide fiel. Die gestickten gelbledernen Socken an ihren Füssen, welche die Türkinnen statt der Strümpfe tragen, und die beiden Yaschmacks, welche neben ihnen lagen, der eine mit goldenen Sternen gestickt, bewiesen, dass die Beiden nicht in den Harem gehörten und nur zum Besuch dort waren. Die Zweite der Damen war eine türkische Schönheit von etwa 27 Jahren, deren männliche Züge stark an den verstorbenen Sultan Mahmud II. namentlich in den buschigen Augenbrauen und der vollen, kräftigen Bildung des Mundes und Kinnes erinnerten; – die dritte auf dem Teppich Kauernde dagegen mochte bereits an Vierzig zählen, und in ihrem Gesicht sprach sich ein hoher Grad von Verschlagenheit, Lust und Fähigkeit zur Intrigue aus.

Etwas entfernt von der Gruppe, nach der Seitentür zu, die an der Balustrade des Oberteils zu den inneren Gemächern führte, befand sich eine zahlreichere Gesellschaft von jungen und schönen Frauen, im Genre der erst erwähnten Dame ähnlich üppig und wo möglich noch freier gekleidet, obschon nur zwei unter ihnen durch besonderen Schmuck sich auszeichneten und dadurch dem kundigen Auge bewiesen, dass sie unter der Schaar der Odalisken zu Kadinen des Padischah sich durch die Macht ihrer Reize emporgeschwungen hatten. Alle hockten in den verschiedensten Stellungen und mit dem Ausdruck einer kindischen Neugier und Lüsternheit um den grossen Kasten mit Schmuck- und Bijouteriesachen und Schönheitsmitteln, den eine Frau von demütiger Haltung aber überaus gewandter Zunge, in der einfachen Kleidung einer orientalischen Jüdin, an dem gelben Zeichen auf der Brust und den dunklen Strumpfschuhen kenntlich, vor ihnen